Hannover (www.aktiencheck.de) - Die Rohölpreisnotierungen an den Spotmärkten sind in den vergangenen Wochen deutlich zurückgekommen, so die Analysten der Nord LB.
Nachdem gerade zu Beginn des Jahres die geopolitischen Unsicherheiten im Nahen Osten den Ausgangspunkt einer regelrechten Preishausse dargestellt hätten, habe sich zwischenzeitlich eine gewisse Preisberuhigung ergeben. Während ein Barrel der Nordseemarke Brent noch im März mehrfach die Marke von 125 USD überschritten habe, sei der Preis Anfang Juni erstmals seit Anfang 2011 unter die Marke von 100 USD/Barrel gefallen. Aktuell koste ein Fass der Nordseemarke knapp 97 USD. Diese Preisabschläge seien das Ergebnis einer Kombination mehrerer preisdämpfender Faktoren.
Zunächst sei darauf verwiesen, dass die geopolitischen Spannungen in Nordafrika und dem Nahen Osten etwas abgenommen hätten. So habe sich etwa die Lage zwischen Israel und Iran nicht, wie von manchem Marktbeobachter befürchtet, weiter verschärft. Vielmehr schlage die Regierung in Teheran wieder deutlich moderatere Töne an. Hieran könnte auch das Ölembargo der EU seinen Anteil haben, dessen mögliche Auswirkungen Iran stets herunterzuspielen versucht habe. Allerdings scheine Iran die sich aus einem Embargo ergebenden Exportausfälle nicht - wie lange behauptet - durch andere Exportmärkte, wie beispielsweise China, kompensieren zu können.
Auch die Situation in den anderen Krisenherden habe sich zumindest nicht weiter verschärft. Zwar scheine Libyen auch nach der Ablösung des Gaddafi-Regimes von einer Stabilität nach mitteleuropäischen Maßstäben weit entfernt zu sein. Dennoch habe sich die Versorgungssicherheit erhöht und die Förderquoten hätten zugenommen. Auch in Ägypten, wo die Präsidentschaftswahl von Protesten der Bevölkerung begleitet gewesen sei, könne man derzeit beobachten, wie schwierig sich der Prozess der politischen Neuordnung gestalte. Allerdings gelte auch hier, dass die Gefahr einer Schließung der wichtigen Handelsstraße - dem Suezkanal - am aktuellen Rand nicht drohe.
Anders sei die Situation in Syrien, wo sich die Meldungen häufen würden, dass die Herrscherfamilie um Baschar Hafis al-Assad Protestbewegungen teils blutig niederschlage. Auf die Entwicklungen des Rohölpreises habe Syrien für sich genommen angesichts einer Fördermenge von 350.000 Barrel/Tag jedoch nur begrenzt Einfluss. Zudem bestehe vonseiten der EU - in die ca. 90% der syrischen Ölexporte fließen würden - bereits seit Ende 2011 ein Embargo für Rohöl und Rohölprodukte.
Neben diesen eher politischen Rahmenbedingungen habe vor allem die konjunkturelle Entwicklung der letzten Monate deutlich die Rohölpreise gedrückt. Die nachhaltige Stabilisierung des Brent-Preises bei über 100 USD/Barrel sowie die Aufschläge zu Beginn diesen Jahres seien auch Ausdruck eines gewissen Konjunkturoptimismus gewesen. Dieser habe sich in erster Linie durch die positive gesamtwirtschaftliche Entwicklung sowohl in den Emerging Markets - allen voran China - als auch in den etablierten großen Volkswirtschaften wie den USA oder Deutschland begründet. In der Zwischenzeit hätten sich jedoch die konjunkturellen Rahmenbedingungen mancherorts verschlechtert.
So würden die jüngsten Indikatoren darauf hindeuten, dass sich die chinesische Wirtschaft in einer sanften Abschwungphase befinde. Die Analysten würden zwar für China noch immer mit einem Wirtschaftswachstum von etwa 8,2% im laufenden Jahr rechnen. Im Vergleich zu den Vorjahren, in denen das reale Bruttoinlandsprodukt um 9,2% (2011) bzw. 10,4% (2010) habe zulegen können, dürfte das Wirtschaftswachstum damit doch ein Stück niedriger als in den vergangenen Jahren ausfallen. Die chinesische Notenbank habe auf diesen Umstand reagiert und nach einigen Anpassungen der Mindestreservesätze in der vergangenen Woche die Leitzinsen abgesenkt.
Auch in den USA würden in diesen Tagen die Konjunkturbäume nicht in den Himmel wachsen. Seit einigen Monaten sei zwar ein nachhaltiger Beschäftigungsaufbau, der mit einem Rückgang der Arbeitslosenquote einhergehe, zu erkennen, gleichzeitig bemängele aber etwa die US-Notenbank die Erholung am Arbeitsmarkt als zu zögerlich. Entsprechend würden einige Marktteilnehmer auch mit neuerlichen Stützungsmaßnahmen (QE3) der Federal Reserve rechnen. Man sehe eine derartige Maßnahme im Moment nicht, auch weil das so genannte Beige Book die Aufwärtstendenzen der US-amerikanischen Wirtschaft in den Mittelpunkt rücke und die Aussichten als günstig bezeichne.
Sehr robust präsentiere sich hingegen die Wachstumslokomotive der Eurozone - Deutschland. Im ersten Quartal 2012 habe die deutsche Wirtschaft mit einem Wachstum um +0,5% Q/Q positiv überrascht. Dennoch werde auch Deutschland die realwirtschaftlichen Auswirkungen der europäischen Schuldenkrise ein Stück weit zu spüren bekommen, was die konjunkturellen Aussichten auch an dieser Stelle ein wenig trübe und das Potenzial für Preissteigerungen beim Rohöl begrenze.
Als Wachstumstreiber würden gleichzeitig einige - vor allem südeuropäische - Staaten des Eurowährungsraumes ausfallen. Mit Griechenland, Portugal und Spanien würden sich die derzeit am schärfsten unter der Verschuldungskrise leidenden Staaten in tiefen Anpassungsrezessionen befinden. Und mit Italien zeige auch die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone, welche realwirtschaftlichen Effekte harte Sparmaßnahmen zumindest auf die kurze Sicht erst einmal mit sich bringen würden.
Ohnehin dürfte das hohe Maß an Verunsicherung an den Kapitalmärkten infolge der Verschuldungskrise auch auf die Rohstoffpreise gewirkt haben. Die jüngsten Entwicklungen in Griechenland und Spanien würden zeigen, dass die Schuldenkrise keineswegs ausgestanden sei und nachhaltige Lösungsideen noch immer fehlen würden. In Griechenland stehe und falle der weitere Konsolidierungsprozess mit dem Ausgang der Parlamentswahlen am 17. Juni. Die letzten Prognosen vor der Wahl würden darauf hindeuten, dass es zu einem äußerst knappen Wahlergebnis kommen könnte und ein europa- und konsolidierungskritisches Linksbündnis nicht ausgeschlossen werden könne.
Spanien habe am vergangenen Wochenende mit der Mitteilung für Furore gesorgt, die spanischen Banken unter den europäischen Rettungsschirm stellen zu wollen. Bis zu 100 Milliarden Euro stünden laut den Finanzministern der Eurogruppe hierfür bereit. Ob dies ausreiche, um zum einen die Probleme der spanischen Finanzindustrie zu lösen und zum anderen aber auch drohende Ansteckungseffekte zu verhindern, bleibe zunächst offen. Diese Ungewissheit - auch und gerade mit Blick auf die möglichen realwirtschaftlichen Auswirkungen für den Eurowährungsraum - würden in dieser Phase auf die Rohölpreise drücken.
Dieser Rückgang habe einen positiven Begleiteffekt. Die Inflationsraten hätten auch angesichts der moderaten Rohölpreisentwicklung zuletzt weiter nachgegeben. In der Eurozone seien die Verbraucherpreise im Mai um 2,4% Y/Y gestiegen. In Deutschland liege die Teuerungsrate leicht unter dem Durchschnitt in der Eurozone. Aktuell betrage die Inflationsrate hierzulande 1,9% Y/Y. Ein Blick auf die Details zeige, dass es vor allem Rohöl bzw. die Folgeprodukte seien, die am aktuellen Rand entlasten würden. Zwar lägen die Preise hier nach wie vor ein gutes Stück über dem jeweiligen Vorjahreswert. Allerdings hätten sich die Preissteigerungsraten in den letzten Monaten teils deutlich rückläufig präsentiert. Dieser Prozess sollte angesichts der aktuellen Rohölpreisentwicklung auch in den kommenden Monaten anhalten.
So koste ein Barrel Brent-Rohöl aktuell ca. 97 USD. Vor genau einem Jahr habe der Preis bei knapp 120 USD gelegen. Dies entspreche einem Rückgang um ca. 20%. Diese so genannten Basiseffekte würden derzeit die Inflationsraten in Deutschland und anderen Ländern entlasten.
Dass sich diese Entlastung nicht noch stärker beim Verbraucher -- etwa beim Gang an die Tankstelle - bemerkbar mache, hänge in erster Linie mit Wechselkurseffekten zusammen. Die Preisrückgänge würden zumindest in Teilen durch die - aus Verbrauchersicht ungünstige - EUR/USD-Wechselkursentwicklung abgefangen. Der gegenüber dem US-Dollar zuletzt deutlich schwächere Euro mache den Preisrückgang beim in US-Dollar notierten Rohöl teilweise wieder zunichte. Während ein Euro Ende April noch etwa 1,32 US-Dollar gekostet habe, erhalte man für einen Euro derzeit nur noch etwa 1,25 US-Dollar - der US-Dollar sei also relativ zum Euro teurer geworden. Die genau gegenteilige Bewegung habe uns im übrigen Mitte 2008, als der Rohölpreis bis auf 140 US-Dollar/Barrel davor bewahrt, dass Rohöl in Euro gerechnet noch teurer geworden sei.
Der Spread der beiden von den Analysten betrachteten führenden Rohölmarken Brent und WTI habe sich in den abgelaufenen Wochen wieder deutlich eingeengt. Während der Preisunterschied im Herbst 2011 mit fast 30 USD seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht habe, betrage die Differenz derzeit nur noch knapp 15 USD. Dieser Trend unterstreiche die These, dass die Marktteilnehmer der politischen Situation im Nahen Osten mittlerweile etwas weniger Brisanz beimessen würden.
Die deutliche Ausweitung des Spreads lasse sich damit begründen, dass Brent als Substitut für das afrikanische Rohöl bzw. für das aus dem Nahen Osten kommende Schwarze Gold eher infrage komme als sein US-amerikanisches Pendant. Im Umkehrschluss habe die Entspannung der Lage zu einer Annäherung der Rohölpreise geführt. Die Analysten würden glauben, dass sich dieser Prozess der preislichen Einengung weiter fortsetzen werde und sich auf längere Sicht lediglich eine kleine Differenz zwischen Brent und WTI ergebe.
Wie von den Analysten prognostiziert, ättben sich die Übertreibungen mittlerweile weitestgehend zurückgebildet. Allerdings rechne man nicht damit, dass die aktuellen Notierungen in den kommenden Monaten Bestand haben würden. Die beschriebene Kombination aus preisdämpfenden FaktoFaktoren scheine zwischenzeitlich vollständig berücksichtigt zu sein und in den nächsten Monaten sollten daher auch wieder die eher optimistischeren Konjunkturtöne für moderat steigende Notierungen sorgen.
Diese Prognose stehe natürlich unter der Annahme, dass es mit Blick auf die europäische Staatsschuldenkrise zu keiner Eskalation komme. Würden die sich aus den Austeritätsmaßnahmen ergebenden realwirtschaftlichen Effekte für den Eurowährungsraum überschaubar bleiben, sollte mittelfristig der Konjunkturoptimismus die Oberhand gewinnen, was mit steigenden Notierungen einhergehen dürfte. Man rechne bis zum Jahresende 2012 mit einem Preisanstieg auf gut 110 USD/Barrel. Damit ergebe sich für die Analystenprognose des Jahresdurchschnittswerts ein Preis von 110 USD/Barrel. Im kommenden Jahr erwarte man einen leicht steigenden Trend, der im Jahresmittel zu 115 USD/ Barrel führen sollte. (Commodity Adviser Juni 2012) (15.06.2012/ac/a/m)
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