Alle News

Hüfners Wochenkommentar: "Kriegsrisiken im Nahen Osten"

Die Möglichkeit eines Militärschlages gegen iranische Atomanlagen stellt ein erhebliches Risiko für die Finanzmärkte im zweiten Halbjahr dar. Die Vergangenheit zeigt, dass Aktienkurse keineswegs immer steigen, wenn die "Kanonen donnern". Der Ölpreis würde sich erhöhen, die Konjunktur in den Keller gehen und der Dollar sich aufwerten. Aktien und Bonds würden nachgeben.

5. September 2012. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Die beiden größten Risiken für das zweite Halbjahr an den Finanzmärkten werden derzeit in der Eurokrise und in der Konjunktur gesehen. Ich möchte dem noch ein drittes hinzufügen: Die Möglichkeit eines Krieges zur Zerstörung der Atomanlagen im Iran. Israel hat dazu angeblich bereits konkrete Planungen. Die Wochen vor den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen könnten ein geeigneter Zeitpunkt sein. Ich will hier nicht auf die politischen Probleme einer solchen Aktion eingehen, auch nicht auf das menschliche Leid, das mit jedem Krieg verbunden ist. Hier geht es nur darum, was das für die Finanzmärkte bedeuten würde.

Wie reagieren Aktien auf Kriege?

Von den Rothschilds stammt der Spruch "Kaufen, wenn die Kanonen donnern, verkaufen wenn die Violinen spie­len". Ich habe mir dazu einmal die ganz langfristige Ent­wicklung der Aktien in den USA angesehen (Grafik). Es zeigt sich, dass die Regel in der Vergangenheit kein gu­ter Ratgeber war. Kriege haben die Aktienmarktentwick­lung nicht in größerem Maße beeinflusst. Die größten Anstiege ergaben sich nicht in Kriegszeiten, sondern in den Phasen hohen Wachstums nach den großen Krie­gen. Der stärkste Rückschlag für die Kurse waren nicht die beiden Weltkriege, sondern die Weltwirtschaftskrise 1930.

Kurzfristig gab es freilich schon Einflüsse der Kriege. Aber sie waren keineswegs immer positiv. In den ersten Monaten des ersten Weltkrieges ging der Dow Jones um über 30 Prozent zurück (was nach einem Jahr aber schon wieder aufgeholt war). Kurz vor dem Eintritt der USA in den zweiten Weltkrieg stürzten die Kurse ebenfalls ab, wenn auch nicht ganz so stark. Auch im Yom-Kippur-Krieg 1973 ermäßigten sich die amerikanischen Aktien­kurse. Eine Ausnahme war Vietnam. Damals stiegen die Kur­se nach dem Kriegseintritt der USA (März 1965). Auch nach dem Beginn des Irak-Krieges 2003 gab es eine Rallye.

Beim Vergleich der Finanzmarktentwicklung mit früheren Kriegszeiten ist freilich zu bedenken, dass die Märkte damals noch nicht so krisenanfällig waren. Andererseits greifen die Zentralbanken heute häufiger in die Märkte ein, wenn sie Panik befürchten. Auch jetzt wäre bei grö­ßeren Verwerfungen mit Interventionen zu rechnen. Dies umso mehr als die Investoren heute kaum noch glau­ben, dass sich Militärschläge wirklich begrenzen lassen.

Der wichtigste Effekt eines Iran-Krieges auf die Finanz­märkte wäre ein starker Anstieg der Unsicherheit bei den Anlegern. Niemand weiß, wie lange ein Militär­schlag dauert. Niemand weiß auch, welche Staaten in der Re­gion stärker tangiert würden und wie sich die weltpo­li­ti­sche Lage insgesamt verändern würde. Unsi­cherheit ist für die Finanzmärkte immer Gift. In jedem Fall dürfte die Schwankungsanfälligkeit zunehmen.

Relativ sicher ist auch, dass die Öl- und Gaspreise kräf­tig anziehen. Iran gehört zu den großen Öl- und Gaspro­duzenten der Welt. Zum Teil sind solche Effekte bereits in den jetzigen Ölpreisen enthalten. Allein wegen der Konjunktur müssten die Ölpreise eigentlich niedriger sein. Höhere Ölpreise verringern das Wirtschaftswachs­tum bei den Ölverbrauchern. Besonders betroffen sind Länder, die iranisches Öl importieren, wie beispielsweise Griechenland. Ferner erhöht sich die Inflation in der Welt. Die Zentralbanken kommen in den Konflikt, ob sie eher die Geldentwertung bekämpfen oder das Wirschaftswachstum stimulieren.

Aktienmärkte würden wegen der Unsicherheit und der höheren Ölpreise (die die Gewinne der Unternehmen belasten) zunächst nachgeben. Es kann freilich zu diffe­renzierten Entwicklungen kommen. Papiere der Rüs­tungshersteller, auch der High-Tech-Industrie, könnten steigen. Wenn es als Folge der Unsicherheit in der Be­völkerung zu Hamsterkäufen kommt, dann würden auch die Hersteller lebensnotwendiger Güter mehr verdienen. Natürlich steigen alle Werte, die von einem höheren Öl­preis profitieren. Umgekehrt würde die Autoindustrie lei­den.

Bonds müssten aufgrund der höhere Inflation und zu­nehmender Inflationserwartungen nachgeben. Die Ren­diten steigen. Freilich dürfte sich der Effekt in Grenzen halten, da die Liquidität extrem hoch ist und die Zentral­banken das Geld sicher nicht zu diesem Zeitpunkt ein­sammeln würden.

Der US-Dollar würde sich festigen. Die amerikanische Währung ist erfahrungsgemäß immer ein "sicherer Ha­fen". Die USA sind aufgrund ihrer eigenen Ölquellen ver­gleichsweise weniger von einem steigen Ölpreis betrof­fen. Im Übrigen wird der internationale Ölhandel über­wiegend in US-Dollar abgewickelt, so dass höhere Öl­preise eine größere Nachfrage nach dieser Währung nach sich ziehen.

Zu vermuten ist, dass auch der Goldpreis als Krisenindi­kator zulegen würde. Freilich ist im gegenwärtigen Preis schon viel Unsicherheit eingepreist.

Für den Anleger

Richten Sie sich auch wegen der Iran-Risiken auf einen schwierigen September/Oktober ein. Vertrauen Sie nicht darauf, dass ein Militärschlag den Finanzmärkten helfen würde. Das ist Unsinn. Ich glaube im Gegenteil, dass die Wirkungen per Saldo negativ wären. Dies umso mehr, als sie sich zu den bestehenden Risiken addieren. Die Gefahr einer Rezession in der Welt würde größer. Die Eurokrise wäre noch schwerer zu lösen, weil höhere Öl­preise die Schuldner noch mehr belasten würden und die Geber­länder noch weniger bereit wären, Transfers zu leisten.

Anmerkungen oder Anregungen? Martin Hüfner freut sich auf den Dialog mit Ihnen: redaktion@deutsche-boerse.com.

Möchten Sie den Hüfner Wochenkommentar wöchentlich per E-Mail erhalten? Dann melden Sie sich an kostenlos unter www.boerse-frankfurt.de/newsletter.

© 5. September 2012 /Martin Hüfner

Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon Asset Management S.A. Er war viele Jahre Chefvolkswirt beziehungsweise Senior Economist bei der HypoVereinsbank und der Deutschen Bank. In Brüssel leitete er den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung. Hüfner schreibt für große internationale Zeitungen wie die Neue Züricher Zeitung oder die Schweizer Finanz und Wirtschaft sowie für große Zeitungen in Deutschland. Er ist Autor mehrerer Bücher, u. a. "Europa Die Macht von Morgen" und "Comeback für Deutschland"

Kursinformationen

17.05. 22:40 außerbörslich USA 15.354,40 Pkt. Chart
Einfügen in MyOnVista

Weitere Werte aus dem Artikel

Zur Zeit sind keine weiteren Analysen verfügbar.