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Mittelstandsanleihen sind im Sinkflug

Petra Zamek weiß, wie sie bei Aldi ihre Tütensuppen findet: erster Gang links, dann rechts rum und drei Meter weiter eine Vierteldrehung – schon steht sie vor dem Regal mit Brühe, Suppe und Salatfix aus dem Hause Zamek. "Wie sieht’s denn hier aus?", entfährt es der Geschäftsführerin. Tomatensuppen liegen kreuz und quer, Tüten mit Pilzsuppe stehen Kopf und überhaupt haben Kunden alle Sorten durcheinander geschmissen. Mit gekonnten Griffen sortiert Zamek die Tüten wieder in die Fächer der Kartons ein. Bei jedem Besuch im Supermarkt sieht sie so bei "ihren Produkten" nach dem Rechten.

Petra Zamek kämpft um die Existenz ihres Familienbetriebs – bei Aldi, beim Betriebsrat, bei Lieferanten. Und an der Börse: Über eine Anleihe hat sich Zamek 45 Millionen Euro gepumpt; zehn Millionen davon noch im Februar. Bitter: Der Ausgabepreis lag bei 93 Prozent. Das heißt, dass Zamek pro Anleihe statt 1000 nur 930 Euro einnahm – am Ende der Laufzeit im Mai 2017 aber 1.000 zurückzahlen muss.

Trotz drohender Insolvenz immer neue Emissionen

Anleger müssen nun um ihr Geld bangen. Nur zwei Monate nachdem Zamek frische Millionen gesammelt hatte, wurde bekannt, dass der Verlust vor Steuern (EBT) von Anfang Juli 2012 bis Ende Januar bei 8,3 Millionen Euro lag. Zamek ist seit Jahren defizitär. Nun ist das Eigenkapital aufgebraucht: Die Eigenkapitalquote rutschte Ende 2012 unter drei Prozent, gesund wären 30 Prozent. Um das Eigenkapital zu stärken, verzichteten Gesellschafter auf 1,85 Millionen Euro. Die Ratingagentur Creditreform hat Zamek auf B+ heruntergestuft. Jeder fünfte Konzern mit diesem Rating soll nach fünf Jahren zahlungsunfähig sein.

Viele Mittelständler mit Anleihe haben Probleme. Trotzdem vergeht kaum ein Tag, an dem nicht einer eine neue Emission ankündigt. Seit 2010 haben Mittelständler mit rund 85 Bonds über 3,8 Milliarden Euro bei Anlegern gepumpt. Damit die anbissen, haben sie Zinskupons bis zu 11,5 Prozent versprochen – selbstmörderische Sätze, die sie nun nicht erwirtschaften können. Millionen sind bereits perdu.

Meldet ein Unternehmen Insolvenz an, ist es für Anleger aber zu spät. Die WirtschaftsWoche hat daher Bonds namhafter Mittelständler unter die Lupe genommen und brandgefährliche Papiere identifiziert.

"Auf Kante genäht"

Auch Willi Balz kämpft um sein Unternehmen. Der Chef und Alleinaktionär des Windpark-Initiators Windreich zahlt die Gehälter seiner Mitarbeiter seit Februar de facto aus eigener Tasche. "Die Liquidität von Windreich wird aktuell von der Balz-Bank zur Verfügung gestellt, Windreich ist Balz, und Balz ist Windreich", sagt der Ingenieur. Um die Zinszahlungen im März zu stemmen, habe er seine Häuser beliehen. Der Zins für die zweite Anleihe wird Mitte Juli fällig. "Mir ist klar, dass unsere Liquiditätsplanung auf Kante genäht ist, dies ist jedoch durch die im Zeitablauf stattfindende enorme Wertsteigerung in unseren Offshore-Projekten genau die richtige Strategie", verspricht Balz. Im März durchsuchte die Staatsanwaltschaft Stuttgart Windreich – es ging auch um den Verdacht der Insolvenzverschleppung und des Kapitalanlagebetruges. Balz weist die Vorwürfe zurück.

Windreich hat sich an der Börse 125 Millionen geliehen. Balz hat mehr als 200 Millionen in Form von Sicherheiten und Privatvermögen in Windreich investiert. Nun will er Anteile an Onshore-Windparks verkaufen, zudem flössen Stromerlöse aus dem Projekt Global Tech 1. Balz pocht außerdem auf seine "Lebensversicherung": Windreich hat für eine Klage Geld hinterlegt; zieht Balz die Klage zurück, werden kurzfristig elf Millionen Euro frei.

Millionen für Küchen

Beim Küchenbauer Alno stand es bereits bei Ankündigung der Anleihe Ende April kurz vor knapp: Die Liquidität reichte laut Wertpapierprospekt nur noch bis Ende Mai. Die Lücke wollte Alno durch den Bond sowie Bankkredite schließen. Die Anleihe ist durch, Verhandlungen mit den Banken sind es nicht. Trotz Anleihe braucht Alno Prospektangaben zufolge mehr Millionen. Die Ratingagentur Scope geht davon aus, dass es "kurzfristig zur Insolvenz" führen könne, wenn die Finanzierung nicht rechtzeitig zustande komme. Alno-Chef Max Müller präsentiert sich dennoch selbstbewusst. Auf der Frühjahrskonferenz der Deutschen Börse umgarnte er Investoren im schönsten Schweizerdeutsch, redete von Kapitalschnitt und Kapitalerhöhung und davon, dass das Eigenkapital nur mit sieben Millionen Euro im Minus liege, statt mit 73 Millionen, wie noch 2011. Im ersten Quartal war das operative Ergebnis aber weiter negativ, und mit Elmar Duffner ging ein wichtiger Manager mit Branchenerfahrung von Bord. Angesichts von 8,5 Prozent Zinskupon wurden Anleger doch schwach: Alno konnte in der ersten Stunde der Zeichnungsfrist die gewünschten 45 Millionen Euro einsammeln.

Zinsen sind niedrig wie nie

Wer profitabel arbeitet, braucht kein Geld aus Anleihen: Er bekommt bei seiner Bank etwa ein Schuldscheindarlehen zu Niedrigzinsen. So präsentierte Datagroup-Chef Max Schaber unlängst auf einem Investorentag in Stuttgart stolz die Konditionen seiner Kredite: Der IT-Servicedienstleister bekommt von Banken fünf Jahre lang Millionen zu 3,1 Prozent – davon träumen viele Mittelständler.

Vielen bleibt nur, um Anleger zu werben, die sich mit deutlich weniger Sicherheiten zufriedengeben als Banken. "Jeder sollte sich ausrechnen können, wie lange ein Unternehmen mit einem freien Cash-Flow von einer Million Euro und fünf Millionen Euro Eigenkapital sechs oder sieben Prozent Zinskupon pro Jahr bedienen kann, wenn es 50 Millionen mit einer Mittelstandsanleihe aufgenommen hat", sagt der Hedgefondsmanager Robert Suckel.

Fragwürdige Emittenten wie Alno können so viel Geld einsammeln, weil die Zinsen niedrig sind wie nie. Anleger, die Aktien fürchten wie der Teufel das Weihwasser, suchen verzweifelt nach Zinspapieren, mit denen sie wenigstens nach Inflation, Kosten und Steuern kein Minusgeschäft machen. So lenken sie Geld in die falschen Kanäle und finanzieren Unternehmen mit nicht mehr tragfähigen Geschäftsmodellen. Auf den Papieren prangen zwar Markennamen, doch in der Regel emittiert eine Holding die Anleihe, die das Geld an operative Töchter weiterverleiht. So ist etwa Katjes International lediglich die schlecht kapitalisierte Auslandstochter des bekannten Süßwarenherstellers. Geld haben Sparer nicht Katjes, sondern etwa dem zum Konzern gehörenden französischen Fruchtgummiproduzenten Lutti geliehen.

Geld für Lutti

Katjes International wies im ersten Halbjahr 2012 einen negativen Cash-Flow von 5,8 Millionen Euro aus. Neuere Zahlen, und das ist typisch für viele Anleiheemittenten, gibt es nicht. Der Cash-Flow zeigt, wie viel Geld aus dem laufenden Geschäft in die Kasse kommt und zum Beispiel für die Bedienung von Krediten zur Verfügung steht. Noch schlimmer sieht das beim Online-Händler Getgoods aus: Der Cash-Flow aus der laufenden Geschäftstätigkeit lag 2012 fast 35 Millionen Euro im Minus. 30 der 86 Millionen Euro Verbindlichkeiten hat sich Getgoods über Anleihen besorgt.

Pech für die Anleger

Wenn die Masche mit dem Anlegergeld klappt, packen Unternehmen gern noch was drauf. Anleihen aufgestockt haben etwa KTG Agrar, Schrott-Recycler Scholz, Underberg, Valensina, Zamek und Katjes. Alt-Anleger, die zeichneten, als die Finanzkennzahlen noch besser aussahen, sind die Gekniffenen. Underberg etwa wurde 2012 von Creditreform wegen der "starken Ausweitung der Finanzverbindlichkeiten" von BB+ auf BB- herabgestuft. Die Agentur sieht ein Klumpenrisiko für die Rückzahlung, weil Underberg am Zahltag im April 2016 nun 70 Millionen Euro auftreiben muss.

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