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Nachhaltigkeit - mit der richtigen Deutung zum Erfolg

Börsen-Zeitung, 23.11.2013

Finanzstärke und stabile Erträge sind für viele Branchen und insbesondere für Versicherungen der Schlüssel für die Wettbewerbsfähigkeit. Denn Versicherungen sind Versprechen in die Zukunft: Nur wenn die Kunden überzeugt sind, dass diese ihre Leistungsversprechen auch erfüllen, kann deren Geschäftsmodell erfolgreich sein. Das Prinzip Nachhaltigkeit ist folglich eine Voraussetzung für ihr Geschäftsmodell.

Für uns bedeutet Nachhaltigkeit nicht einfach die Integration von ökologischen und gesellschaftlichen Aspekten, sondern Zukunftsfähigkeit in einer umfassenden Bedeutung - zunächst auch immer im finanziellen oder wirtschaftlichen Sinn. Denn nicht nachhaltig ist, was den Markttest nicht besteht. Auch ein Verhalten, das der Gesellschaft oder der Umwelt schadet, ist nicht zukunftsfähig und geeignet, den Bestand eines Unternehmens zu gefährden.

Die Krisen an den Kapitalmärkten haben zur Schärfung des Begriffs Nachhaltigkeit beigetragen: Viele Unternehmen, die in Krisen in Schwierigkeiten gekommen sind, haben nicht nachhaltig gewirtschaftet. Nachhaltigkeit prägt in allen Branchen die Diskussion über Unternehmensstrategien, Geschäftspraktiken oder Entlohnungssysteme und muss Fundament der Unternehmenskultur sein.

Risiken umfassend erkennen

Die deutsche Versicherungswirtschaft hat aus den Verwerfungen an den Kapitalmärkten 2002/2003 gelernt. So hat Munich Re ein integriertes Risikomanagement geschaffen, das alle wesentlichen Risiken der Gruppe, ihre Zusammenhänge und Einflussfaktoren im Visier hat. Für den Umgang damit gibt es verbindliche Regeln, aber gutes Risikomanagement muss vor allem gelebt werden.

Diese Lehren waren wichtig mit Blick auf die Finanzkrise, die auch fünf Jahre nach dem Höhepunkt im Herbst 2008 als nicht abgearbeitet gelten kann. Das integrierte, alle Geschäftsfelder und die Kapitalanlage erfassende Risikomanagement bewahrte Munich Re vor allzu schweren Auswirkungen. Basis war ein umfassendes Risikoverständnis, eine grundlegende Skepsis gegenüber scheinbar risikolosen Opportunitäten und rigoroses Streben nach vollständiger Transparenz. Die Risikotragfähigkeit ist der Dreh- und Angelpunkt.

Die Erfahrung mit Krisen bestärkt uns, sowohl ein umfassendes Nachhaltigkeitsmanagement als auch ein konsequentes Risikomanagement auf allen Ebenen aufzubauen. Ziel ist, Risiken zu erfassen, zu bewerten, zu managen - also zu vermeiden oder aktiv einzugehen - und dabei Erträge zu erzielen.

Bei der Umsetzung von Nachhaltigkeit geht es immer darum, übermäßig hohe Risiken zu eliminieren oder geringe Risiken auszuwählen. Im Kapitalanlagemanagement besteht traditionell eine hohe Expertise beim Identifizieren von finanziellen Risiken. Darüber hinaus sollten aus Risikogesichtspunkten aber auch ökologische, soziale und ökonomische Kriterien bei Anlageentscheidungen berücksichtigt und entsprechendes Wissen aufgebaut werden. Auch dies sind Risiken, die in einer Gesamtrisikosicht nicht fehlen dürfen.

Neben den traditionellen Anlagezielen Rendite, Sicherheit und Liquidität ist zusätzlich die Nachhaltigkeit der Wertpapieremittenten zu berücksichtigen. Ökologische Kenndaten beachten den Energieverbrauch oder das Umweltmanagement. Mitarbeiterprogramme oder Sozialstandards gehören zu den sozialen Kriterien und Corporate Governance oder Risikomanagementsysteme zu den ökonomischen Kriterien. Investoren haben ihr Risiko nur dann im Griff, wenn sie sich keine versteckten Risiken einkaufen.

Bereits 2002 reagiert

Aufgrund der hohen Bedeutung der Nachhaltigkeit für ihr Kerngeschäft und die Kapitalanlage hat die Munich Re als erster großer institutioneller Investor bereits 2002 festgelegt, dass Investments in Aktien und Anleihen bestimmte Nachhaltigkeitsgrundsätze erfüllen müssen. 2005 wurden diese Anforderungen in den konzernweit verbindlichen General Investment Guidelines (GIG) verankert und auf Staatsanleihen erweitert. Mindestens 80 % der konzernweiten Investitionen in Aktien, Staats- und Unternehmensanleihen sollen nachhaltigen Kriterien entsprechen. Zudem wurde ab 2011 das den Nachhaltigkeitsgrundsätzen unterliegende Asset-Portfolio um Investitionen in erneuerbare Energien und neue Technologien und die Anlageklasse Immobilien (ab Baujahr 1. Januar 2010) erweitert.

"Haltbare" Kriterien

Vom gesamten verwalteten Vermögen wird bereits ein hoher Teil unter Beachtung öko-sozialer Kriterien angelegt. Noch sind nicht für alle Assetklassen nachhaltige Anlagekriterien definiert. Dort, wo Kriterien vorliegen, sind diese klar definiert und werden zu einem sehr hohen Anteil beachtet. Die genannten 80 % sind eine gute Richtschnur. Die fehlenden weißen Flecken auf der Nachhaltigkeitskarte werden sukzessive anhand von selbst erarbeiteten und extern verfügbaren Kriterien ausgefüllt. Selbstverständlich gilt auch für die Nachhaltigkeitskriterien selbst der Grundsatz der Nachhaltigkeit: Eine gewisse "Haltbarkeit" der Kriterien sollte schon gegeben sein.

Nachhaltige Anlagekriterien und -strategien eignen sich grundsätzlich für alle Anlageklassen. Nachhaltigkeit muss aber sorgfältig definiert werden: hinsichtlich der Anlageziele, der umfassenden Berücksichtigung der relevanten Risiken, der praktischen Umsetzbarkeit und der Nachvollziehbarkeit. Eine schwierige Frage ist, wie sehr nachhaltige Kriterien an der politischen Akzeptanz oder gesellschaftlichen Mehrheitsfähigkeit ausgerichtet werden sollen. Risikotransparenz und Diversifizierung stehen im Vordergrund - aber die politische Tragfähigkeit wird zunehmend wichtiger. Die emotional geführte Debatte, ob in Agrarrohstoffe investiert werden darf, macht dies beispielsweise deutlich. Die Meag investiert nicht in Agrarrohstoffe.

Renditen und Sicherheit

Dass sich der Einbezug nachhaltiger Kriterien auszahlt, hat die wissenschaftliche Forschung von mehr als 30 Jahren hinlänglich belegt. Die Performance nachhaltiger Anlagen kann mit der von konventionellen Anlagen mithalten und liegt in Einzelfällen höher. Risiken können deutlich gesenkt werden, wie Langzeitstudien nachweisen. 89 % der von der Deutschen Bank analysierten mehr als 100 Studien zeigen, dass Unternehmen mit einem Nachhaltigkeitsmanagement ökonomisch besser aufgestellt sind. ESG-Kriterien (Environment, Social, Governance) wirken sich demnach nicht negativ auf die Performance aus. Es wird aber immer wieder Phasen geben, in denen der nachhaltige Ansatz nicht unbedingt den klassischen schlägt.

Entscheidend ist jedoch ein Punkt, der weit über die Vorteile einer nach nachhaltigen Kriterien erfolgten Titelauswahl hinausgeht: die Risikokultur. Die Integration von ökologischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kriterien in die klassische Finanzanalyse basiert auf einem umfassenden Risikoverständnis: Wir blicken nicht nur auf finanzielle Risiken, sondern Nachhaltigkeit bedeutet Sensibilität gegenüber allen denkbaren und möglichen Risiken. Wir sind überzeugt, dass diese grundlegende Einstellung risikomindernd wirkt und sich langfristig auf jeden Fall auszahlen dürfte. Vergleiche traditioneller Kapitalindizes mit nachhaltigen Portfolien zeigen, dass Letztere meist eine bessere Performance aufweisen.

Beim Thema nachhaltige Kapitalanlagen wird häufig nur auf die Kriterien zur Titelauswahl abgestellt. Dies ist zu kurz gegriffen. Denn nachhaltig ist die Kapitalanlage nur dann, wenn auch Strategie, Organisation und Umsetzung des Anlagemanagements zukunftsfähig sind. Dazu gehören die Beachtung des Asset Liability Management (Aktiv-Passiv-Steuerung oder Bilanzstrukturmanagement), der gesamte Aufbau und Ablauf der Kapitalanlage, aber auch die Risikokultur sowie die Beachtung grundlegender Anlageprinzipien.

Asset Liability Management

Das Asset Liability Management sollte im Mittelpunkt der Kapitalanlage einer Versicherung stehen. Angestrebt wird, dass volkswirtschaftliche Faktoren den Wert der Kapitalanlagen ähnlich beeinflussen wie den Wert der versicherungstechnischen Rückstellungen und Verbindlichkeiten. Dies verringert die Anfälligkeit gegenüber Schwankungen auf den Kapitalmärkten und stabilisiert das Eigenkapital. Die Beachtung der Grundsätze des Asset Liability Management ist deswegen Grundlage nachhaltigen Kapitalanlagemanagements in allen Branchen - bei Banken und Versicherungen mag es eine hervorgehobene Bedeutung haben.

Die Organisation des Kapitalanlagemanagements ist ebenfalls relevant für beständigen Erfolg. Dazu gehören die organisatorische Einbettung des Asset Management in das (versicherungswirtschaftliche) Kerngeschäft, der Aufbau des Asset Management im engeren Sinne nach vernünftigen Prinzipien sowie die Etablierung eines stringenten Investmentprozesses und eines übergreifenden Risikomanagements. Wichtig dabei ist die hohe Bedeutung einer gemeinsamen Einschätzung von Kapitaleignern (Versicherung, Unternehmen, Kommunen, Stiftungen) und ihrem Asset Manager zu Chancen und Risiken oder eher "weichen" Faktoren wie der Risikokultur. In der Praxis erweisen sich eine gute persönliche Zusammenarbeit, ein reger Informationsaustausch auf allen Ebenen und ein jahrelanger vertrauensvoller Umgang miteinander als der Schlüssel zum Erfolg.

Ein Missverständnis

Fazit - Nachhaltig, ja, die Rendite darf aber nicht leiden, so das Urteil vieler Investoren auf der Suche nach nachhaltigen Anlagen. Diese Aussage legt nahe, es gäbe einen Zielkonflikt zwischen dem Streben nach der Rendite einerseits und der Nachhaltigkeit andererseits. Dies ist ein Missverständnis. Rendite ist der Ausgleich für das Risiko, das der Investor zu nehmen bereit ist. Dabei muss der Investor natürlich alle Risiken berücksichtigen, nicht nur die finanziellen. Denn was hat ein Investor von vermeintlichen Überrenditen, die nur oder noch nicht einmal der Ausgleich für ökologische oder soziale Risiken sind? Nichts, beziehungsweise Verluste!

Also: Der Investor hat alle Risiken zu berücksichtigen und er steht in der Verantwortung, seine Investitionskriterien und sein Vorgehen bei der Suche und Sicherstellung von Nachhaltigkeit zu erklären. Er ist dabei gut beraten, nachvollziehbare externe Maßstäbe anzulegen, will er sich nicht dem Vorwurf der Beliebigkeit oder gar Manipulierbarkeit aussetzen. Trotzdem wird die Öffentlichkeit wohl damit leben müssen, dass es unterschiedliche Auffassungen von Nachhaltigkeit gibt. Nachhaltiges Wirrwarr? Nein. Ein einziges nachhaltiges Anlageuniversum für alle Investoren? Auch nein. Dafür sind die Präferenzen der Kunden und Mandanten zu unterschiedlich. Der Königsweg liegt zwischen diesen beiden Polen.


Thomas Kabisch, Vorsitzender der Geschäftsführung der Meag

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