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dpa-AFX

Börsen-Zeitung: Das Eis wird dünner, Marktkommentar von Christopher Kalbhenn Frankfurt (ots) - Die kommenden Wochen versprechen an den Aktienmärkten spannend zu werden. Statistisch gesehen legen die Notierungen in den letzten Wochen des Jahres sehr oft recht stark zu, ein Phänomen, das als Jahresschlussrally bezeichnet wird. Der Stoff, mit dem der seit dem März 2009 laufende Bullenmarkt angetrieben wird - Liquidität und niedrige Zinsen - wird jedenfalls auf absehbare Zeit nicht ausgehen. Die noch vor nicht allzu langer Zeit von vielen Akteuren für sicher gehaltene erste Leitzinserhöhung der amerikanischen Notenbank in diesem Jahr ist durch ihre zögerliche Haltung fraglich geworden. Wie die globale Fondsmanagerumfrage von Bank of America Merrill Lynch kürzlich zeigte, ist der Anteil der Fonds, die den sogenannten Lift-off noch 2015 erwarten, auf unter 50% gesunken.

Der Zinserhöhungszyklus in den USA und Großbritannien verzögert sich, in anderen Regionen, darunter China, der Euroraum und Japan, geben die Zentralbanken Vollgas bzw. lockern ihre Geldpolitik. Damit können die Akteure weiterhin auf reichliche Liquidität und niedrige Zinsen, welche die relative Attraktivität und die Bewertungen von Aktien stützen, zählen. Die große Begeisterung will jedoch nicht so recht aufkommen. Vielmehr mehren sich nachdenkliche Stimmen. Denn der Hintergrund der global auf Lockerungskurs verharrenden Geldpolitik ist alles andere als positiv. Nach mehr als sechseinhalb Jahren ist das Ergebnis der historisch einmaligen, massiven globalen geldpolitischen Stützungsmaßnahmen ernüchternd. Sie haben es nicht geschafft, die Weltwirtschaft nachhaltig auf ein zufriedenstellendes Wachstumsniveau zu bringen.

Das Wachstum geht zurück

Im Gegenteil: Die Prognosen für das globale Wachstum werden immer weiter zurückgeschraubt. Die Geldpolitik bleibt ultralocker - das wird zunehmend deutlich -, weil das Eis immer dünner wird. Ein Blick auf die Voraussagen des Internationalen Währungsfonds spricht Bände. Im World Economic Outlook wurde vor rund einem Jahr für 2015 noch ein Anstieg des Weltwirtschaftswachstums von 3,8% vorausgesagt. Von einer Beschleunigung ist nun keine Rede mehr. Nur noch 3,1% sind ein Jahr später übrig geblieben, was im Vergleich zum Vorjahr (3,4%) eine Verlangsamung bedeutet. Das ist zunächst noch nicht weiter beunruhigend. Angesichts der Unkalkulierbarkeit der Entwicklung in China - derzeit wird für das Reich der Mitte für nächstes Jahr noch ein Wachstum von 6,3% nach 6,8% vorausgesagt - ist das Risiko nicht von der Hand zu weisen, dass auch die globale Prognose für 2016 von 3,6% - die im Juli 2015 noch auf 3,8% lautete - noch deutlich nach unten revidiert wird. Würde das globale Wachstum tatsächlich unter 3% sinken, würde auch der Bereich von 2 bis 2,5% in Reichweite kommen, der für die entwickelten Volkswirtschaften eine Rezession bedeuten würde.

Noch ist es nicht so weit. Denn es kann durchaus sein, dass die Ankurbelungsmaßnahmen in China das Wachstum im Reich der Mitte stabilisieren. Weltweit günstige Finanzierungskonditionen und weitere geldpolitische Stützungsmaßnahmen in den Industrieländern können auch positive Impulse setzen. Die arg gebeutelten Schwellenländer wie etwa Brasilien und die Türkei haben durch den Verfall der Landeswährungen zwar ein Problem in Form der Dollar-denominierten Verschuldung im Privatsektor. Auf der Habenseite haben sie dadurch aber beträchtlich an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen.

Nicht zu unterschätzen sind auch die niedrigen Rohstoff- und Energiepreise. Darauf verwies kürzlich die MFS Investment Management. "Die Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen, dass Energiepreise den US-Konsum beeinflussen und damit zeitverzögert auch das weltweite Wachstum. Vergangene Phasen von sinkenden Energiepreisen, die nicht durch eine Rezession eingeleitet wurden, gingen etwa ein Jahr später mit steigendem Konsum und schnellerem Wirtschaftswachstum einher. Einige Auswirkungen der schlechten Nachrichten aus China könnten sich am Ende als positive Wirkungsfaktoren herausstellen, durch die Beschleunigung der Haushalts- und Konsumausgaben und die Stimulierung des Wachstums jener Länder, für die Energie zu den wesentlichen Investitionskosten zählt", so das Investmenthaus, das dazu rät, bei Anlagen in Risiko-Assets noch eine Stabilisierung auf internationaler Ebene abzuwarten. Rezessionsbefürchtungen könnten sich noch als verfrüht erweisen. Mindestens muss sich der Markt aber für die nächsten Jahre auf ein Umfeld mit bescheidenen Wachstumsraten sowie anhaltend niedrigen Inflationsraten einrichten.

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