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Renaissance der Genossenschaften hält an

Börsen-Zeitung

Börsen-Zeitung, 26.10.2013

Ein Mitglied, eine Stimme - das ist der Grundgedanke einer jeden Genossenschaft. Die Zahl der Genossenschaftsmitglieder steigt: Bundesweit sind rund 20 Millionen Menschen Mitglied in einer von fast 7 500 Genossenschaften. In Baden-Württemberg ist es jeder dritte Einwohner - insgesamt 3,7 Millionen Menschen. Damit ist Baden-Württemberg das Land der Genossenschaften. In den vergangenen Jahren kamen im Südwesten jährlich 60 000 bis 80 000 neue Mitglieder hinzu.

Attraktiv statt angestaubt

Galten Genossenschaften früher als etwas "angestaubt", erlebt das 160 Jahre alte Genossenschaftswesen nicht zuletzt aufgrund der Folgen der Finanzmarktkrise derzeit eine Renaissance - und das nicht nur in Baden-Württemberg. "Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele" - dieser genossenschaftliche Grundsatz hilft mehr denn je, aktuelle Herausforderungen anzugehen. Das Beteiligungsmodell gewinnt in Zeiten zunehmender Globalisierung und weltweiter Krisenstimmung eindeutig an Attraktivität. Genossenschaften haben einen gesellschaftlichen Gestaltungsauftrag und sind vielfältig einsetzbar. Überschaubare Strukturen, die Rückbesinnung auf regionale Standorte und der einzelne Mensch stehen im Vordergrund. Das wirkt: Innerhalb von vier Jahren ist die Zahl der Einzelmitglieder der baden-württembergischen Genossenschaften von 3,42 auf 3,7 Millionen gestiegen. Mittelfristig dürfte die 4-Millionen-Marke geknackt werden.

Baden-Württemberg ist bekannt für seine Wirtschaftsstruktur, die von mittelständischen Unternehmen getragen wird. Dazu passt die genossenschaftliche Organisation ausgesprochen gut, denn sie ist ebenfalls mittelständisch geprägt. Die vielen neuen Initiativen zur Gründung von Genossenschaften zeigen die Vielfalt der Rechtsform und das Interesse daran. Gerade konnte der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband sein 900. Mitglied willkommen heißen. Mittelfristig dürfte das 1 000. Mitglied begrüßt werden können.

Alternative zum Staat

Neben den Volksbanken und Raiffeisenbanken tragen die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft (eG) auch landwirtschaftliche Genossenschaften sowie Zusammenschlüsse in den Bereichen Energie, Handwerk, Handel und von Freiberuflern. Die Bandbreite der Rechtsform reicht über Energiegenossenschaften bis hin zur Organisation neuer Wohnformen im Alter. Auch Ärztegenossenschaften, Pflegedienste, Dorfläden oder Schülerfirmen lassen sich in der Rechtsform der eG organisieren. Die Genossenschaft ist überall da eine Alternative, wo sich der Staat zurückzieht und zum Beispiel öffentliche Mittel kürzt. Vor allem im ländlichen Raum ist die Genossenschaft aus diesem Grund beliebt. Die Rechtsform bietet neue Lösungsansätze für Zukunftsherausforderungen, so wird etwa derzeit diskutiert, wie die genossenschaftliche Rechtsform im Bereich des Handwerks und kleinerer Unternehmen bei der Unternehmensnachfolge helfen kann.

Beispiel Energiebranche

Die Renaissance der Genossenschaft lässt sich gut am Beispiel der Energiegenossenschaften veranschaulichen: Aufgrund der Energiewende, die mittlerweile politisch und gesellschaftlich weitgehend gewollt und akzeptiert zu sein scheint, entstehen zahlreiche neue Aufgabenfelder. In den vergangenen sechs Jahren gab es allein im Südwesten rund 125 Neugründungen im Bereich der Energiegenossenschaften. Zwei Drittel der Neugründungen von Genossenschaften in Baden-Württemberg kommen aus der Energiebranche. In den vergangenen drei Jahren wurden bundesweit etwa 600 Energiegenossenschaften gegründet. Mehr als 130 000 Mitglieder haben laut einer Umfrage des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands (DGRV) bereits rund 1,2 Mrd. Euro in genossenschaftliche Bürgerkraftwerke investiert. Diese decken jährlich den Strombedarf von 160 000 Haushalten. In Baden-Württemberg sind über 25 000 Menschen Mitglied in einer der 130 Energiegenossenschaften. Flächenmäßig gesehen ist es das Bundesland mit der größten Dichte an Energiegenossenschaften.

Der Grundgedanke dabei ist immer: Hilfe zur Selbsthilfe. Bürger können als Mitglied einer Energiegenossenschaft den Ausbau regenerativer Energien in ihrer Region aktiv fördern. Gerade bei regionalen Energieprojekten sind Transparenz und Professionalität gefragt, dazu eignet sich die Rechtsform Genossenschaft besonders gut. Zunächst beschränkte sich das Geschäftsfeld der Energiegenossenschaften auf die Photovoltaik, nun beschäftigen sie sich auch verstärkt mit Wind- und Wasserkraft sowie mit Nahwärme. Die baden-württembergische Landesregierung will bis 2020 mehr als 1 000 neue Windkraftanlagen im Südwesten bauen. Das zeigt das Potenzial für weitere genossenschaftliche Initiativen. Denn diese vereinen Ökonomie, Ökologie und soziale Aspekte in idealer Weise - gerade bei lokalen und regionalen Aktivitäten. Die Genossenschaft als Rechtsform ist jedoch nicht als reine Kapitalsammelstelle geeignet, etwa um Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee zu finanzieren. Vielmehr zeichnet sich die Genossenschaft durch einen eigenen Wirtschaftsbetrieb aus. Jedes einzelne Mitglied kann mitreden, die Energiewende gestalten und davon profitieren. Durch das Einbinden der Bürger steigt die Zustimmung.

Die Mitglieder können mithilfe der Rechtsform auch Herausforderungen in den Bereichen örtliche Nahversorgung, außerhäusliche Pflege oder neue Wohnformen bewältigen. Unter den zahlreichen Neugründungen befinden sich beispielsweise auch Kooperationen von Ärzten und Unternehmensberatern oder auch Schwimmbad-Betreibern.

Die Jugend begeistern

Seit 2012, dem internationalen Jahr der Genossenschaften, läuft in Baden-Württemberg ein neues Projekt mit Schülergenossenschaften. Ziel ist es, junge Menschen an die Rechtsform heranzuführen und zu informieren. Genossenschaften gehen in Schulen, erklären die Grundsätze und Möglichkeiten der Rechtsform. Zusammen mit ihren Lehrern entwickeln Schüler dann Gründungsideen - immer auf Basis eines bestehenden Mangels, den die Beteiligten sehen. Seither haben sich über ein Dutzend Schülergruppen in Baden-Württemberg zusammengefunden, um eine Genossenschaft zu gründen. Die Geschäftsideen sind vielfältig und reichen von der Eventagentur bis zum Anbieten von Computerkursen oder Einkaufsleistungen für ältere Menschen.

Der Vorteil der Genossenschaft liegt in der nachhaltigen und vorwiegend regionalen Geschäftsausrichtung. Die Mitglieder können wirtschaftliches Handeln mit sozialer Verantwortung verbinden. Menschen und Unternehmen schließen sich zu Genossenschaften zusammen, weil sie erkennen, dass sie gemeinsam mehr erreichen als allein. Gerade heutzutage gibt es viele Bereiche, die geradezu danach rufen, dass Bürger und Unternehmen sich zusammenschließen, um gemeinsam besser ein Ziel zu erreichen.

Die Genossenschaften erfüllen ein Bedürfnis einer Vielzahl von Menschen und Unternehmen. Diese erkennen zum Beispiel, dass genossenschaftliche Banken ein anderes Geschäftsmodell praktizieren als etwa börsennotierte Finanzdienstleistungsunternehmen. Deshalb ist die Finanzmarktregulierung grundsätzlich vernünftig und richtig, aber sie muss differenzieren. Eine lokale und regionale Volksbank oder Raiffeisenbank darf nicht dem gleichen regulatorischen Mechanismus unterworfen sein wie eine international operierende Großbank. Die Kunden nehmen wahr, dass das eigenständige Selbsthilfesystem bei den Volksbanken und Raiffeisenbanken funktioniert, und vertrauen ihnen deshalb. Genossenschaftsbanken haben in der Finanz- und Staatsschuldenkrise keinen Cent Staatshilfe in Anspruch genommen. Die Rechtsform muss wirtschaftlich handeln, aber es besteht eben kein Zwang zur Gewinnmaximierung. Das ist ein zentrales Wesensmerkmal der Genossenschaften, das derzeit stark in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Gewinnerzielung und Genossenschaft schließen sich dennoch nicht aus, sondern das eine ist Bestandteil des anderen. Kein Unternehmen kann auf Dauer ohne wirtschaftliche Fundierung am Markt bestehen. Und schließlich stellt die Gewinnerzielung die Investitionskraft der Genossenschaften sicher.

Stabiles Modell

Das genossenschaftliche Prinzip ist traditionsreich und modern zugleich. Die Rechtsform der Genossenschaft besteht seit mehr als 160 Jahren und hat sich in den Höhen und Tiefen wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen als stabil erwiesen. Zudem ist sie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, denn bundesweit sind rund 800 000 Arbeitnehmer und 35 000 Auszubildende in Genossenschaften beschäftigt. In Baden-Württemberg bieten die Genossenschaften 35 000 Arbeitsplätze und bilden 3 200 junge Menschen aus. Die eingetragene Genossenschaft ist perfekt zur Bewältigung vieler Zukunftsherausforderungen geeignet. Der Boom der Rechtsform wird also anhalten - und das aus guten Gründen.


Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV)

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