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Risikokapitalmarkt im Umbruch

Börsen-Zeitung, 9.11.2013

Die Gründerszene in Deutschland hat in den letzten Jahren sehr an Dynamik gewonnen. Nicht nur im IT-Bereich, auch in Bereichen wie Energie, Umwelt oder Medizintechnik und Biotechnologie ist dies zu spüren. Berlin wird als IT-Hauptstadt und neues Silicon Valley Europas gehandelt und trägt maßgeblich dazu bei, auch anderen Branchen einen starken Aufwind in puncto Start-ups zu geben. Der "Entrepreneurial Spirit" ergreift junge Wissenschaftler genauso wie gestandene Unternehmer und beschränkt sich keineswegs auf Berlin.

2003 wurde das Unternehmen Signalion GmbH aus Dresden von Dr. Matthias Stege mitgegründet, auf 90 Mitarbeiter entwickelt und kürzlich an einen internationalen Konzern verkauft. Dieses Jahr ist Dr. Stege zusammen mit seinem Partner Dr. Frank Schäfer, auch er ein erfahrener Entrepreneur, sein zweites Gründungsprojekt angegangen: Die exelonix GmbH entwickelt und vertreibt ein tabletbasiertes Kommunikations- und Assistenzsystem für Senioren und pflegebedürftige Menschen. Dabei greift das Gründerteam wiederholt auf Grundlagen zurück, die auch am Lehrstuhl für Nachrichtentechnik von Prof. Gerhard Fettweis an der Technischen Universität Dresden entstanden sind.

Zwar bringen alle Gründer eigenes Geld für den Unternehmensaufbau und die Entwicklung von Soft- und Hardware ein, doch um den kompletten Kapitalbedarf bis zur Serienreife der Tablets zu decken, wird weiteres Risikokapital benötigt, denn Sicherheiten, die eine Bankfinanzierung mit Krediten erlauben würden, stehen nicht im geforderten Umfang zur Verfügung. Die exelonix-Gründer sehen sich aktuell aber einem Risikokapitalmarkt gegenüber, der sich im Umbruch befindet.

Der Staat unterstützt

Für die hochriskante Gründungsphase im Bereich innovativer Unternehmensgründungen sorgen auf den ersten Blick Bund und Länder: Das Förderprogramm "Exist" z. B. hilft mit Zuschüssen von bis zu 400 000 Euro bei Ausgründungen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Bei der inhaltlichen Konzeption des Geschäftsplanes und der Budgets unterstützen eine Vielzahl von Businessplanwettbewerben und geförderten Coaching-Programmen. Darüber hinaus kommt das initiale Risikokapital von sogenannten Seed- bzw. Frühphasenfonds, die überwiegend staatliche Mittel in ihren Töpfen haben. Sie sind von den Ländern finanziert oder, im Falle des High-Tech Gründerfonds (HTGF), vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, der KfW und 17 großen deutschen Konzernen. Dieser Fonds hat über 300 Mill. Euro zur Verfügung und investiert nicht nur Kapital, sondern bietet auch hilfreiche Unterstützung beim Unternehmensaufbau, der Teamergänzung oder der Suche nach weiteren Kapitalgebern. Laut Zahlen des BVK entfallen von den 61 Seed-Finanzierungen, die in Deutschland im Jahr 2012 stattgefunden haben, allein 43 auf den HTGF.

Private Investoren, wie beispielsweise Business Angels, beteiligen sich zwar gerne an Gründungen, bringen jedoch meist "nur" zwischen 20 000 und 100 00 Euro ein. Der größere Wert, den diese privaten Investoren einbringen, besteht in eigener unternehmerischer Erfahrung und als Sparringpartner für die Gründer. Um sie zu weiterem Engagement zu motivieren, unterstützt sie der Staat seit Mai 2013 mit einer Investitionszulage.

Inkubatoren bieten Rahmen

Zusätzlich sprießen sogenannte Inkubatoren wie Pilze aus dem Boden. Sie helfen Gründern, indem sie eher kleinere Beträge investieren, Gewerbeflächen und vor allem Erfahrung und Netzwerk zur Verfügung stellen. Es bleibt abzuwarten, ob ihre Geschäftsmodelle aufgehen, denn regelmäßig werden Zeiträume und Aufwand unterschätzt, die High-Tech-Gründungen benötigen, um so erfolgreich zu werden, dass Inkubatoren davon profitieren können. Lars Hinrich, Gründer von Xing, hat entsprechende Key Learnings ins Internet gestellt und seinen prominenten Inkubator HackFwd eingestellt. Einige Inkubatoren gehören zu großen Konzernen, die hoffentlich bereit sind, den langen Weg bis zum Erfolg durchzuhalten und zu finanzieren. Eine neue Alternative bieten sogenannte Crowdfunding-Plattformen, bei denen private Anleger mit sehr kleinen Beträgen ein Projekt finanzieren. Crowdfunding kommt aus dem Non-Profit-Sektor und hat vielen Kulturprojekten einen Start ermöglicht. Wichtig ist, dass diese Plattformen die Qualität der Investments absichern, da sie sonst mit zu vielen Flops selber untergehen dürften.

Bei der exelonix GmbH sind nun neben den beiden Geschäftsführern mit Fettweis und Frank Oehmichen zwei unternehmerisch denkende und agierende Professoren mit privatem Geld und der High-Tech Gründerfonds mit 500 000 Euro als Investoren mit an Bord. Mit diesem Kapital überführen nun die Geschäftsführer Stege und Schäfer mit ihrem exelonix-Team die ersten Tablets in die Feldversuche mit Testkunden, werden sie optimieren und zur Serienreife bringen. Die Zielgruppe soll dann plangemäß über Pflegedienste und Pflegestationen adressiert werden.

Mit ersten Kunden und einem funktionierenden Geschäftsmodell wird exelonix für eine breite Markteinführung allerdings noch weitere Finanzierungen in Millionenhöhe benötigen, um den Markt über die Grenzen hinaus erschließen zu können. Dies könnte, so Stege, zunächst von unabhängigen Venture-Capital-Gesellschaften (VC) und gegebenenfalls mit einem Co-Investment z. B. des ERP-Startfonds, der von der KfW verwaltet wird, kommen.

Derzeit haben allerdings die VCs in Deutschland Schwierigkeiten, frisches Geld für ihre eigenen Fonds einzusammeln. In vier der letzten fünf Jahre haben sie deutlich mehr Geld investiert als eingeworben. Im Jahr 2012 haben die Frühphasenfonds den Zahlen ihres Bundesverbandes BVK zufolge rund 330 Mill. Euro investiert - das sind 25 % weniger als im Jahr zuvor -, zugleich konnten sie aber nur 132 Mill. Euro Kapital für ihre Venture-Fonds einwerben. Die Venture-Capital-Szene wird, was die Anzahl der Fonds und ihre Investitionsmöglichkeiten betrifft, daher im Moment eher kleiner.

Business Angels legen zu

Folglich müsste sich auch die Struktur in den Folgefinanzierungsrunden ändern. Der High-Tech Gründerfonds, der sich auf Frühphaseninvestments in ganz junge Hochtechnologieunternehmen fokussiert hat, berichtet über deutliche Verschiebung bei den Anschlussfinanzierungen, die seine über 300 gründungsfinanzierten Unternehmen im Portfolio im Jahr 2013 eingeworben haben. Waren die deutschen Venture-CapitalGesellschaften noch in den Jahren 2008 bis 2010 die größte Quelle für Anschlussfinanzierungen, so haben im Jahr 2013 jedoch die unternehmerischen Privatinvestoren, sogenannte Business Angels, insgesamt doppelt so viel investiert. VC-Gesellschaften aus dem Ausland rangieren auf Platz 2. Solche internationalen Investoren sind aber für Stege und exelonix erst relevant, wenn das Geschäft internationalisiert werden soll.

Zugang zu Innovationen

Den dritten Platz nehmen - und das ist für viele Marktteilnehmer eine Überraschung - große Unternehmen ein, die aus der eigenen Bilanz oder aus eigenständigen Corporate-Venture-Gesellschaften investieren, um Zugang zu den Innovationen in Start-ups zu sichern und damit selbst keine Trends zu verschlafen.

Der Seed-Phase folgt die Start-up-Phase, in der die Unternehmen sich professionell aufstellen, ihre Forschungs- und Entwicklungsprojekte zum Ziel führen bzw. ihre Innovationen in den Markt tragen. Dazu benötigen die meisten weiteres Kapital, das sie in den sogenannten A- und B-Finanzierungsrunden einwerben. Die Quellen dafür haben sich deutlich verändert, so dass eine exelonix das Kapital für die Folgerunden nicht nur bei Venture-Capital-Fonds suchen sollte, sondern gezielt auf Privatinvestoren und Corporate-Investors zugehen muss. Hier können die Netzwerke der Seed-Investoren helfen.

Der HTGF z. B. hat belastbare Kontakte zu mehr als 500 verschiedenen Investoren, mit denen er bereits Transaktionen in den von ihm anfinanzierten Unternehmen abgeschlossen hat. Er trägt sehr aktiv und systematisch dazu bei, dass die Unternehmer auf potente Investoren und Kooperationspartner treffen. Das Eigenkapitalforum ist dabei eine besonders sichtbare und wertvolle Veranstaltung. Der persönliche Kontakt in kleinen Meetings spielt aber auch eine große Rolle. So wird exelonix z. B. in einem kleinen, exklusiven Kreis von unternehmerischen Privatinvestoren Zugang zu erfolgreichen Unternehmern erhalten, die in junge High-Tech-Unternehmen investieren.

Börse sollte sich öffnen

Eine zunehmende Herausforderung stellen in Deutschland Wachstums- und Expansionsfinanzierungen dar, die sich der Start-up-Phase wiederum anschließen. Zwar schauen auch die internationalen VC-Fonds nach Deutschland, doch sind große Kapitalrunden derzeit eher eine Ausnahme. Daher gelingt es nur selten, aus Deutschland eigenständige, wirklich große Unternehmen à la SAP zu entwickeln. Es werden aber gerade für die High-TechBranche vor allen Dingen auch neue große Unternehmen mit Leuchtturmfunktion gebraucht. Es wäre demnach gut, wenn die Börse sich wieder für wachstumsstarke High-Tech-Unternehmen öffnen würde.

Damit die exelonix auch für diese spätere Phase gut aufgestellt ist, muss das Gründerteam um Matthias Stege zunächst natürlich erst mal die Hausaufgaben erledigen, das heißt Kunden gewinnen, Kunden zufriedenstellen und damit ein solides Fundament für eine Wachstumsstory schaffen. Gleichzeitig ist nach erfolgreicher Finanzierung auch schon wieder vor dem nächsten Finanzierungsschritt. Damit das gelingt, ist neben geschäftlichem Erfolg natürlich die Pflege der Kontakte zu potenziellen Investoren wichtig. Stege ist zuversichtlich, "dass wir mit dem High-Tech Gründerfonds einen exzellenten Partner an unserer Seite haben, der uns auf diesem Weg aktiv unterstützt und somit weit mehr ist als ein einfacher Geldgeber".


Michael Brandkamp, Geschäftsführer der High-Tech Gründerfonds Management GmbH

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