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Umbruch der Börsenlandschaft folgt vier Trends

Börsen-Zeitung

Börsen-Zeitung, 10.5.2014

Börsen sind weltweit im Umbruch. Der geplante Börsengang der Euronext in Paris wird aus Amerika gesteuert. Marktbetreiber sind abhängig von den Interessen ihrer Eigentümer. Sie passen sich den Bedürfnissen ihrer Kunden an und bieten Neues. Sie setzen regulatorische Vorgaben um, ohne dass es Auswirkungsstudien für vorangegangene Rechtsakte gäbe, und sind damit im Risiko. Dem stehen neue Chancen gegenüber. Dies gilt natürlich auch für die Börse München. Dabei sind vier Trends geografisch, organisatorisch, technisch und regulatorisch festzustellen und zu beleuchten.

Geografisch verlagert sich der Primär- wie der Sekundärhandel nach Asien. Im Jahr 2013 stieg der Umsatz des Aktienhandels in Nord- und Südamerika, Europa, Afrika und dem mittleren Osten um 1 %. Die asiatischen Börsen hatten hier einen Umsatzzuwachs von 47 % (in lokaler Währung) zu verzeichnen. Auch nominal holt Asien gegenüber Nyse Euronext (US) und Nasdaq (US) auf. Gemessen am gehandelten Volumen von Aktien in elektronischen Orderbüchern stieg der Umsatz von 14,3 Bill. Dollar auf 19,9 Bill. Dollar. Der amerikanische Markt verharrte auf gleichem Niveau bei 25,7 Bill. Dollar.

Im Ranking der Börsen der Welt kommt gleich nach der Deutschen Börse die Korea Exchange auf Platz 9. Die Plätze 3, 4 und 5 werden von Japan Exchange, Shenzhen Stock Exchange und Shanghai Stock Exchange besetzt - kurz: die Sekundärmärkte in Asien gewinnen in der Welt an Bedeutung. Dies spiegelt sich auch im Primärmarkt wider. Experten sagen für dieses Jahr einen wahren Boom an Börsengängen in Asien voraus, nicht zuletzt, weil die chinesische Regierung das Verbot von IPOs aus dem letzten Jahr aufgehoben hat. Bis Ende März diesen Jahres gingen allein in China 67 Unternehmen mit einem Volumen von über 11 Mrd. Dollar an die Börse. Dass das Unternehmen Voxljet aus Friedberg bei Augsburg mit großem Erfolg an die Nasdaq in New York ging und nicht etwa nach Frankfurt oder München, bestätigt manche Schwäche des Kapitalmarktes in Deutschland, gerade was die Investoren angeht.

Die Börse München handelt im Sekundärmarkt seit Jahrzehnten asiatische Wertpapiere. Rund 800 Unternehmen, vor allem aus China, Japan und Thailand sind in München gelistet. Dies ist rund ein Fünftel aller ausländischen Gattungen. Sie werden entsprechend dem Referenzmarktprinzip und dem aktuellen Devisenkurs gehandelt. Die Börse München erleichtert damit deutschen Vermögensverwaltern und privaten Anlegern die geografisch notwendige Diversifizierung ihres Portfolios. Im IPO-Bereich bietet die Börse München mittelständischen Unternehmen das Qualitätssegment m:access. Damit setzen wir auch politisch Akzente zugunsten von Eigenkapital, Unternehmertum und Aktienkultur. Mehr als 50 Unternehmen sind aktuell in m:access gelistet. Das Thema Fremdkapital für den Mittelstand ist davon nicht zu trennen. Unternehmensanleihen können ein Einstieg in den organisierten Kapitalmarkt und die Börse sein. Als wichtige Elemente im Finanzierungsmix für Unternehmen sind Fremd- wie Eigenkapital über die Börse mittelfristig unerlässlich, um Unternehmen für die Zukunft zu rüsten.

Beratung statt Papierflut

Leider investieren immer noch zu wenige inländische Investoren in deutsche Unternehmen. Die aktuellen Zahlen des Deutschen Aktieninstituts (DAI) und der Deutschen Bundesbank belegen, dass die Zahl der Aktionäre stagniert und die Aktienquote bei der Vermögensanlage privater Anleger nur bei rund 5 % liegt. Dies ist unzureichend, um Unternehmen Investitionen in die Zukunft zu ermöglichen. Deshalb muss es Investoren leichter gemacht werden, in Aktien zu investieren. Produktinformationsblätter und Beratungsprotokolle sind daher so zu gestalten, dass Aktien in der Vermögensanlage nicht nur attraktiv sind, sondern auch gekauft werden. Dazu muss Beratung wieder stattfinden dürfen, statt in Papier zu ersticken.

Organisatorisch hat sich viel verändert an den Börsen der Welt. Der Prozess bleibt dynamisch dank der Fantasie von Eigentümern, Marktteilnehmern und Regulatoren. Der Börsenzwang ist in Europa Vergangenheit. Inzwischen sind weltweit viele Handelsplätze im Angebot, die keine Zulassung als Börse besitzen. Schon im Jahr 2007 startete die US-Börsenaufsicht SEC ein Programm zur Reformierung des Aktienmarktes. Fast gleichzeitig erließ die Europäische Union die Finanzmarktrichtlinie Mifid (heute Mifid I genannt).

Liquidität weiter zersplittert

Erklärtes Ziel beider Vorhaben war es, für mehr Wettbewerb im Wertpapiergeschäft zu sorgen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. In den USA existieren inzwischen etwa fünfzig Handelsplattformen und nur noch 13 eng miteinander verflochtene Börsen. Auch in Europa wurde die Liquidität noch mehr zersplittert. So zählt die ESMA, die European Securities and Markets Authority, allein 145 Multilateral Trading Facilities (MTFs), darunter auch der Freiverkehr an deutschen Börsen. Dass eines der größten MTFs, das Unternehmen Bats Chi-X Europe, inzwischen zum regulierten Markt avanciert ist, dass nur wenige der 145 MTFs operativ tätig sind, dass Tradegate als Börse lizenziert ist, all dies zeigt, dass die Mifid I in Deutschland den Kapitalmarkt nicht wie geplant verbessert hat. Stattdessen ist ein Abwandern in den außerbörslichen Markt, in Dark Pools, in das Schattenfinanzsystem zu konstatieren. Der außerbörsliche Handel ist auch unter dem Mifid-Regime angewachsen. Bei Dax-Werten liegt das Verhältnis von nichtbörslichem zu börslichem Handel aktuell bei etwa zwei Drittel zu einem Drittel.

Neutralität bewahren

Mifid II will dem entgegenwirken, den außerbörslichen Handel austrocknen und das Geschäft auf organisierte Märkte zurückverlagern. Leider gestattet die Richtlinie eine neue Kategorie von Marktorganisatoren. Neben regulierten Märkten und MTFs gibt es nunmehr die Möglichkeit, OTFs (Organised Trading Facilities) zu gründen - mit deutlichen Erleichterungen für deren Betreiber im Vergleich mit Unternehmen, die für Börsen verantwortlich sind. Im Wettbewerb der Systeme sieht die Börse München dennoch keinen Anlass, ihre Corporate Governance zu ändern. Das Zusammenspiel von öffentlich-rechtlicher Institution Börse und privatrechtlicher Trägergesellschaft ist gut - in und für Deutschland. Die Bayerische Börse AG als Betreiberin der Börse München plant weder einen Börsengang noch eine Verlängerung der Wertschöpfungskette. Es ist nicht unser Ziel, gleichzeitig Marktteilnehmer und Börsenbetreiber zu sein. Stattdessen wird auch in Zukunft die enge Kooperation mit Spezialisten, Emittenten und Kreditinstituten fortgesetzt und intensiviert. Die Neutralität der Börse ist ein wertvolles Asset, das MTFs und OTFs insbesondere aus Großbritannien fehlt. Dies schützt private Anleger und nutzt allen Marktteilnehmern.

Technisch ist der Umbruch im weltweiten Börsenhandel für alle sichtbar und im öffentlichen Bewusstsein. Die Börsensäle sind entweder abgeschafft oder Fernsehkulisse - egal ob in Frankfurt oder New York. Das Parkett ist leer, die Kabeltrassen von Server zu Server sind voll. Der zunehmende Anteil des Hochfrequenzhandels am Wertpapiergeschäft auf bis zu 60 % hat es jetzt sogar in die TOP-10-Listen im Buchhandel geschafft. Das jüngst erschienene Buch "Flash Boys" von Michael Lewis hat in den USA eine breite Diskussion über den computergesteuerten Handel im Nanosekundentakt auf der vierten Nachkommastelle angefacht. Begleitet wird dieser Bucherfolg durch Untersuchungen der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde SEC. Sie will wissen, ob der derzeit praktizierte Hochfrequenzhandel verbotener Insiderhandel ist.

Schnelligkeit ist Aufwand

Für Börsen bedeutet Schnelligkeit Aufwand. Handelssysteme sind für diese Kundenbedürfnisse aufzurüsten, Überwachungsmethoden sind taktgleich zu verbessern, IT-Kompetenz ist Grundlage des Geschäftsmodells. Die technischen Systeme der Börsen werden dabei von den Nutzern bis zum Äußersten ausgereizt. Dies belegen der "Flash Crash" im Mai 2010, die Pannen beim Börsengang von Bats und Facebook, Handelsunterbrechungen in Madrid, London oder Tokio. Börsensysteme stehen immer öfter still. Die Reaktion ihrer Betreiber und von Regulatoren kommt prompt in Form von "excessive usage fees", neuen "tick sizes" und Volatilitätsunterbrechungen.

An der Börse München sind die Kunden keine Hochfrequenzhändler. Ein technologisches Gefälle, das zu einer Übervorteilung zulasten technologisch nicht hochgerüsteter Investoren führt, gibt es nicht. Die Preisfeststellung durch Spezialisten sichert Liquidität und verlangsamt die Preisfeststellung. Erwartungen von Hochfrequenzhändlern an eine Ausführung in Nanosekundenschnelle werden enttäuscht. Ordereingaben und Orderlöschungen - ohne dass auch nur ein Geschäft daraus entsteht - dauern diesen Kunden in München zu lange. Andererseits hält die Börse München mit dem eigenen Handelssystem Max-One eine technische Infrastruktur vor, die äußerst stabil läuft, eine Direktanbindung von Marktteilnehmern ermöglicht und standardisierte Prozesse technisch erledigt. Der vollelektronische Handel wird durch den preisfeststellenden Spezialisten da, wo es nötig ist, verbessert - in engen Märkten, in kritischen Marktsituationen und in Zweifelsfällen

Regulatorisch hat der Gesetzgeber auf die Finanzkrise reagiert. Finanzinstitute werden an die kurze Leine genommen, und dies trifft mittelbar Börsen und Emittenten. Die Ziele aller Regulierungsmaßnahmen, Anleger und deren Kapitalanlage besser zu schützen sowie Crashs an den Kapitalmärkten zu vermeiden, mögen aller Ehren wert sein. Manches Instrument, das dafür eingesetzt wird, ist in Deutschland - zumindest an den Börsen - gelebte Selbstverständlichkeit. In unseren Börsensystemen gibt es programmierte Volatilitätsunterbrechungen, die Flash Crashs wie in New York abfedern und damit steuerbar machen. Diesen börseneigenen Regeln wird bei allen Regulierungsbemühungen in Berlin und Brüssel nicht getraut, auch wenn die Börsen selbst keinen Anlass zu Zweifeln geboten haben.

Die Börse München ist in der Finanzplatz München Initiative (fpmi) mit mehr als fünfzig Teilnehmern aus der Finanzwirtschaft, Verbänden und Wissenschaftlern in die Neugestaltung der Rahmenbedingungen eng eingebunden. Der Diskurs mit Regulatoren und Aufsichtsbehörden wie auch untereinander hat die fpmi zur wohl erfolgreichsten deutschen Finanzplatzinitiative gemacht. Die Börse München stellt gerade wegen ihrer Neutralität als Marktorganisator den Sprecher der Initiative; sie ist der richtige Ort für Arbeitssitzungen und Vortragsveranstaltungen. Das Spektrum reicht von Mifid II bis zur Datenschutzgrundverordnung, vom Hochfrequenzhandelsgesetz bis zum Bankkonto für jedermann, von der Langfristfinanzierung bis zum Beipackzettel. Im konstruktiven Miteinander werden Positionen erarbeitet, die in der Politik Gehör finden. Die fpmi fördert dabei den Zusammenhalt am Finanzplatz, der sich auch in den Gremien der Börse München wiederfindet.

Ziel der Börse München bleibt es, den Handel von Wertpapieren fair und neutral zu gestalten und die Börse als den Ort zur Kapitalbeschaffung von unternehmerischem Wachstum zu sichern. Trotz der geografischen Verschiebungen von Märkten in Richtung Asien, trotz der Veränderung der Wettbewerbsbedingungen in organisatorischer Hinsicht durch OTFs, trotz der globalen Bedeutung von Hochfrequenzhändlern und steigender regulatorischer Kosten bleiben wir Börse im Interesse des Gemeinwohls. Dazu bieten wir unseren Kunden ein hochmodernes, komplexes und bezahlbares Handelssystem mit Dienstleistungen rund um den Wertpapierhandel.


Von Andreas Schmidt, Geschäftsführer der Börse München

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