2022 könnte nochmals positiv überraschen

Stefan Riße

Das vergangene Jahr war aus Sicht von Investoren eines mit großen Überraschungen. Da war zum einen der vor allem in den USA unerwartet dynamische Aufschwung. Nach dem pandemiebedingten weltweiten Lockdown hatten die Regierungen enorme Angst vor einer massiven längeren Rezession. Sie brachten deshalb Hilfspakete auf dem Weg, die alles, was wir diesbezüglich bisher gesehen haben, in den Schatten stellten. Die USA waren mit Konjunkturhilfen in der Größenordnung von rund 27 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes der Vorreiter internationaler Bemühungen, sich dem Abschwung entgegenzustellen.

USA haben überstimuliert

Wie wir heute wissen, war die Angst übertrieben, und die Hilfspakete, die die Einkommen der Amerikaner stärker steigen ließen als dies ohne Pandemie passiert wäre, ließen nach dem schärfsten Wirtschaftseinbruch seit dem zweiten Weltkrieg das Pendel nun in die andere Richtung ausschlagen. Seitdem kämpft die Welt mit Lieferengpässen. Die entstanden aber nicht nur durch zu viel Nachfrage, sondern auch durch die gerissene Lieferketten, die zu reparieren schwieriger ist als viele dachten. Im Pandemiejahr 2020 waren aber auch die Bestellungen extrem heruntergefahren worden - Stichwort Chipmangel in der Autoindustrie als bekanntestes Problem. All dies führte zu plötzlich steigenden Preisen, womit wir bei der zweiten großen Überraschung des Jahres 2021 wären, nämlich der Rückkehr der Inflation. Diese hatte kaum jemand auf dem Schirm. Noch 2020 befürchtete man aufgrund des Wirtschaftsrückgangs eher eine Deflation. Stattdessen stiegen die Preise nun so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr, in den USA im Dezember sogar um sieben Prozent gegenüber Vorjahr, und auch in Deutschland liegt die Inflation mit zuletzt 5,3 Prozent so hoch, dass man sich kaum erinnert, wann dies zuletzt der Fall gewesen ist.

Wirtschaftlich stehen die Ampeln auf grün

Die Notenbanken hielten die Inflation zunächst nur für vorübergehend und beruhigten. Mittlerweile sind sie hiervon abgerückt, und auch 2022 dürften die Inflationsraten auf erhöhtem Niveau und über der Zielmarke der Notenbanken von zwei Prozent bleiben. Die Teuerung ist damit auch in diesem Jahr eine wichtige Koordinate für die weitere Aktienmarktentwicklung. Denn die Zinspolitik der Notenbanken ist heute mehr denn je äußerst wichtig für die Börsentendenz. Natürlich, ganz langfristig, ist entscheidend wie sich die Fundamentaldaten der Unternehmen entwickeln und damit auch die der Wirtschaft allgemein, mittelfristig werden die Aktienmärkte jedoch von der durch die Notenbanken bestimmten Liquiditätseinflüsse getrieben oder gebremst. Was die Fundamentaldaten betrifft, so sieht es weiter gut aus. In keiner Branche wird, von möglichen pandemiebedingten weiteren Lockdowns mal abgesehen, mit einem Rückgang gerechnet. Und selbst wenn die Infektionszahlen Lockdowns nötig machen sollten, sollten diese nur vorübergehend sein. Die Unternehmensgewinne werden zwar nicht mehr so stark steigen wie im vergangenen Jahr, aber hier sieht es weiter gut aus. Und falls die Unternehmen enttäuschen, dann eher deswegen, weil es an Vorprodukten wie den erwähnten Chips mangelt. Das Wachstum würde in dem Fall aber nur in die Zukunft verschoben.

Rückgang der Inflation ist wahrscheinlich

Bleibt nun die Frage nach der Inflation und der Notenbankpolitik. Wichtigster Treiber der Inflation sind die Energiepreise. Zur Erinnerung, der Ölpreis war im Frühjahr 2020 sogar auf null gefallen. Die Erholung auf über 70 US-Dollar pro Barrel Rohöl ist natürlich jetzt der Basiseffekt in den Energiepreisen, der die Inflationsraten nach oben bringt. Da die Energiepreise nicht so weiter steigen sollten, da auch die OPEC die Produktion ausweitet, müssten die Inflationsraten an sich zurückkommen, wenn auch nicht auf zwei Prozent. Pendeln Sie sich aber im Bereich drei bis vier

Prozent ein, dann dürfte es auch bei den drei bis vier prognostizierten Zinserhöhungen von jeweils 0,25 Prozent durch die US-Notenbank in diesem Jahr bleiben. Diese dürften in die Aktienkurse bereits eingepreist sein. Und Aktien bleiben damit alternativlos, denn selbst wenn Ende 2022 der Leitzins in den USA bei einem Prozent liegt, bleibt bei drei bis vier Prozent Inflation immer noch ein realer Kapitalverzehr.

Auf die richtige Titelauswahl kommt es 2022 an

2022 könnte insofern nochmal ein überraschend gutes Aktienjahr werden. Aber es wird sicher auch darauf ankommen, wieder die richtigen Titel zu haben. Seit der Pandemie trennen sich Spreu vom Weizen und sind Aktien gefragt, von denen zu erwarten ist, dass sie auch in Zukunft noch hohe freie Cashflows erwirtschaften. Nicht nur die absehbare Änderung von Lieferketten, sondern vor allem auch die angestrebte Dekarbonisierung werden die Welt schon 2022 und die folgenden wohl 20 Jahre massiv verändern. Es ist wichtig, hier auf die richtigen Titel zu setzen, die von den erwarteten Billioneninvestitionen profitieren, und nicht die im Portfolio zu haben, bei denen absehbar das Licht ausgeht.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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