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Kutzers Zwischenruf: Vorsicht, nichts ist schon vom Tisch

onvista · Uhr
Quelle: fizkes/SHutterstock.com

Die Börse liebt Überraschungen – aber nur, wenn sie positiv sind. Gestern gab es eine und dazu die spontan feste Kursreaktion an den Aktienmärkten: „US-Inflationsdaten überraschen“, war die typische Schlagzeile. Wer genauer hinschaut, erkennt aber die Unterschiede in der Bewertung (je nach Bank, Volkswirt oder Fondsmanager): Die einen sagen, die US-Inflationsrate gibt „leicht“ nach – auf + 8,5 % im Juli nach + 9,1 % im Vormonat. Also doch „deutlich“ niedriger, wie es an anderer Stelle zu Recht heißt. Der „unerwartet deutliche“ Rückgang der US-Inflationsrate dämpft die Zinserhöhungserwartungen. Entgegen einem breiten Experten-Konsens ist auch ein Anstieg der Kerninflation ausgeblieben. Eine knappe Mehrheit der Marktteilnehmer rechnet wegen der leichten Entspannung nun nicht mehr mit einem großen Zinsschritt der Federal Reserve in Höhe von 75 sondern 50 Basispunkten im September.

Ist die Teuerung damit über den Berg? Manche Experten nicken zuversichtlich, andere bleiben skeptisch. Stellen Sie sich einmal vor, geschätzte Anleger, Sie kämen nach einer mehrmonatigen Dschungelexpedition (ohne Kontakt nach draußen) an Ihren Arbeitsplatz in der Wall Street zurück und bekämen die Juli-Inflation auf den Monitor. Sie würden vor Schrecken vielleicht vom Stuhl fallen – will sagen, trotz des Rückgangs bleibt die Teuerungsrate in den USA viel zu hoch. Eine Entwarnung ist deshalb noch lange nicht angebracht. Hierzulande hat sich die Inflation ebenfalls abgeschwächt, wenn auch in geringem Maße. Ökonomen gehen allerdings davon aus, dass der Preisauftrieb mit dem Wegfall des 9-Euro-Tickets und des Tankrabatts sowie mit der neuen Gas-Umlage im Herbst wieder deutlich anziehen könnte. Deshalb befürchten Vermögensverwalter: Ein Ende des Inflationsanstiegs ist noch nicht in Sicht.

Trotz der seit Wochen robusten Börsenverfassung traue ich der Kursentwicklung noch nicht. Natürlich ist die Inflation nicht nur „zu hoch“, sondern sie ist immer noch „viel zu hoch“. Und jeder Anleger muss sich bei der Suche nach Alternativen zur Aktie fragen, ob er sein Geld dorthin tragen soll, wo ihn Kaufkraftschwund erwartet – durch Negativrenditen (= Nominalzinsen minus Inflation). Deshalb plädiere ich auch immer wieder für Vorsicht gegenüber kurzfristigen Nachrichten. Aktuell geht es doch nicht nur um das Thema Inflation und Zinspolitik der großen Notenbanken. Denn alle gravierenden Konflikte, Krisen und Katastrophen sind nach wie vor auf dem Tisch: An den Aktienmärkten ist alles möglich – innerhalb kürzester Zeit.  Und von Hochstimmung bei Dax & Co. ist heute (zumindest bis Mittag) nichts mehr zu spüren. 

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