Handel mit größtem Umsatzplus seit gut einem Jahr - "Keine Trendwende"

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Berlin (Reuters) - Die deutschen Einzelhändler haben ihren Umsatz im Oktober überraschend deutlich gesteigert.

Er wuchs um 0,7 Prozent im Vergleich zum Vormonat, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Inflationsbereinigt (real) gab es mit einem Plus von 1,1 Prozent sogar das stärkste Wachstum seit mehr als einem Jahr. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten hier lediglich mit einer Zunahme um 0,4 Prozent gerechnet.

"Der Zuwachs stoppt den Abwärtstrend der vergangenen Monate", sagte der Chefvolkswirt der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank, Alexander Krüger. Ein Grund dafür könnte die sinkende Inflation bei gleichzeitig kräftigen Lohnerhöhungen sein. Dadurch wuchsen die Reallöhne in Deutschland im dritten Quartal mit 0,6 Prozent so kräftig wie seit über zwei Jahren nicht mehr und damit bereits das zweite Vierteljahr in Folge. Experten rechnen hier mit einer anhaltenden positiven Entwicklung, zumal die Inflationsrate aktuell mit 3,2 Prozent so niedrig ist wie seit fast zweieinhalb Jahren nicht mehr.

"TEUERUNGSSCHUB ÜBER DEN WINTER"

Ein Konsumboom, der die deutsche Wirtschaft aus der Flaute zieht, ist aber nicht in Sicht. Die unerwartet positive Umsatzentwicklung sollte "noch nicht als Trendwende interpretiert werden", warnte der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien. "Die Kaufzurückhaltung dürfte sich in den kommenden Monaten auch nur langsam auflösen, zumal das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Haushalt massiv Unsicherheit verursacht hat, weil viele Menschen sich jetzt fragen, ob sie von möglichen Ausgabenkürzungen oder Steuererhöhungen betroffen sind", sagte Dullien.

Erste Belastungen der Konsumenten sind bereits absehbar. So laufen die Preisbremsen für Strom, Gas und Wärme bereits am Jahresende aus, während für Erdgas und Fernwärme bald wieder der normale Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent gilt. "Dieser neue Teuerungsschub wird die Kaufkraft der Menschen über den Winter senken und somit die Konsum- und Konjunkturerholung verzögern", sagte Dullien. "Es besteht das Risiko, dass die Wirtschaft insgesamt deshalb nicht nur 2023, sondern noch einmal erneut 2024 schrumpft."

In den ersten zehn Monaten steigerten die Einzelhändler ihren Umsatz um 2,8 Prozent. Real schrumpfte er allerdings um 3,5 Prozent. "Die Differenz zwischen den nominalen und realen Ergebnissen spiegelt das gestiegene Preisniveau im Einzelhandel wider", erklärten die Statistiker diese Diskrepanz.

Die Händler blicken zurückhaltend auf das anlaufende Weihnachtsgeschäft. Der Branchenverband HDE erwartet für November und Dezember 120,8 Milliarden Euro Umsatz und damit ein Plus von 1,5 Prozent. Klammere man gestiegene Preise aus, sei dies real ein Minus von 5,5 Prozent.

(Bericht von Rene Wagner, redigiert von Sabine Ehrhardt. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

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