China wird Deflationsgespenst nicht los - Preise ab Werkstor fallen noch

Reuters · Uhr

Peking (Reuters) - Trotz der Konjunkturerholung in China ist die Gefahr einer wirtschaftsschädlichen Deflation noch nicht gebannt.

Die Verbraucherpreise stiegen in der Volksrepublik im Juni zwar zum fünften Mal in Folge. Angesichts der noch immer schwachen Nachfrage fiel der Zuwachs mit 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat jedoch sehr gering aus, wie aus den Daten des Nationalen Statistikamts (NBS) vom Mittwoch hervorgeht. Von Reuters befragte Ökonomen hatten einen doppelt so hohen Wert erwartet. Daher konnten die Daten die Furcht vor einer Deflation, also einer Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und Konsum- sowie Investitionszurückhaltung, die der Wirtschaft schadet, nicht ausräumen.

Als früher Hinweisgeber für die weitere Entwicklung der Preise gelten die Erzeugerpreise, die ab Werkstor fällig werden - also noch bevor die Produkte in den Handel kommen. Diese Preise sinken schon seit geraumer Zeit, fielen im Juni aber nur noch um 0,8 Prozent - der geringste Rückgang binnen 17 Monaten. Doch dies führen Experten hauptsächlich auf einen statistischen Basiseffekt zurück. "Die Deflationsgefahr in China ist nicht gebannt. Die Binnennachfrage bleibt schwach", warnte Zhiwei Zhang, Chefökonom bei Pinpoint Asset Management. Die Daten unterstreichen die Herausforderungen, vor denen die Führung in Peking steht, um den Konsum nach der Corona-Pandemie wieder anzukurbeln.

Die durch strikte Corona-Maßnahmen stark in Mitleidenschaft gezogene Wirtschaft im Reich der Mitte hatte im ersten Quartal dank boomender Exporte überraschend an Schwung gewonnen: Das Bruttoinlandsprodukt legte von Januar bis März um 5,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu. Auch wenn Regierung und Zentralbank zahlreiche Maßnahmen zum Ankurbeln der Wirtschaft gestartet haben, bleiben grundlegende Probleme wie die Immobilienkrise und die Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt aber bestehen. Diese lasten auf dem Konsum und Industrieproduktion und lassen den Ruf nach wirksameren politischen Maßnahmen lauter werden.

"ÜBERKAPAZITÄTEN IN DER PRODUKTION"

"Der sich verstärkende Rückgang der Erzeugerpreise für langlebige Gebrauchsgüter unterstreicht, dass die Überkapazitäten in der Produktion ein immer größeres Problem darstellen", meint Ökonom Gabriel Ng vom Analysehaus Capital Economics. Die Regierung priorisiere weiterhin Investitionen, was das Problem aus seiner Sicht weiter verschärfen dürfte: "Dies wird weiterhin auf die Inflation drücken." Ng geht davon aus, dass die Teuerungsrate bei den Verbraucherpreisen dieses Jahr nur bei 0,5 Prozent landen wird, was deutlich unter dem offiziellen Inflationsziel von drei Prozent für 2024 liegen würde.

Chinas Einzelhändler haben ihre Warenpreise von Kaffee bis hin zu Autos heruntergesetzt, um angesichts mauer Konsumausgaben und unsicherer Wirtschaftsaussichten am Markt bestehen zu können. Die wiederholten Appelle der Politik an die Verbraucher, "es zu wagen, Geld auszugeben", verpufften weitgehend. Experten sehen die Notenbank deswegen unter Zugzwang. "Die niedrige Inflation und die schwachen Kreditdaten sind ein überzeugendes Argument für eine weitere Lockerung der Geldpolitik der chinesischen Zentralbank in den kommenden Monaten", sagte Lynn Song, Chefvolkswirt für China bei ING.

(Bericht von Qiaoyi Li und Ryan Woo, geschrieben von Reinhard Becker. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

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