Maximilian Nagel

Was ist in Venezuela passiert?
Es war eine Operation wie in einem Agentenfilm: In der Nacht auf Samstag haben die USA überraschend Caracas, Hauptstadt des südamerikanischen Landes Venezuela, attackiert, dabei den Präsidenten Nicolás Maduro samt Ehefrau gefangen genommen und außer Landes gebracht.
Mittlerweile ist der als Autokrat geltende Maduro in New York. Dort soll ihm der Prozess wegen Drogenhandels gemacht werden. Diverse Staaten und Politiker kritisierten US-Präsident Donald Trump harsch für den Militäreinsatz und die Attacke auf Venezuelas Souveränität.
Warum ist Venezuela wichtig für den Ölmarkt?
Das an der Nordküste Südamerikas gelegene Land ist vergleichsweise klein, mit etwas weniger als 29 Millionen Einwohnern. Allerdings sitzt Venezuela auf den größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt – 303 Milliarden Barrel (je 159 Liter).
Dabei handelt es sich jedoch um sogenanntes Schweröl, welches komplexer zu fördern und raffinieren ist als Leichtöl. Zudem ging die Förderung in den vergangenen Jahren immer weiter zurück. Aufgrund von Sanktionen, Korruption und dem Missmanagement des staatlichen Energiekonzerns PDVSA drittelte sich die Förderung innerhalb der vergangenen 20 Jahre auf aktuell rund eine Million Barrel pro Tag.
Wie reagierten die Börsen?
Bislang fiel die Reaktion der Börse auf die Vorgänge in Venezuela unbekümmert bis positiv aus. Der deutsche Leitindex Dax, bereits mit Gewinnen ins neue Jahr gestartet, legte zu und markierte im frühen Handel sogar einen neuen Rekord bei 24.825 Punkten.
Bei den Einzelwerten haussierten Rüstungsaktien. Rheinmetall sprangen um über acht Prozent an, Renk und Hensoldt um über sieben Prozent. Anleger dürften darauf spekulieren, dass Europa sich angesichts der erratischen US-Außenpolitik noch dringlicher um seine Aufrüstung kümmern muss.
Zudem profitierten Ölwerte merklich, allen voran die großen Multis aus den USA. Im frühen Handel stiegen Chevron um 4,4 Prozent, nachdem die Aktie vorbörslich zeitweise zehn Prozent im Plus lag. ExxonMobil legten um 1,7 Prozent zu, ConocoPhilips um rund drei Prozent.
Präsident Trump hatte nach Maduros Gefangennahme angekündigt, dass der Ausbau der maroden Öl-Infrastruktur Venezuelas eine hohe Priorität habe. „Unsere sehr großen US-Ölkonzerne werden Milliarden investieren, um die schwer geschädigte Infrastruktur [Venezuelas] auf Vordermann zu bringen“, so Trump auf einer Pressekonferenz.
Gold als „sicherer Hafen“ stieg ebenfalls. Der Preis je Feinunze (31,1 Gramm) legte um knapp 0,9 Prozent auf 4.410 US-Dollar zu. Experten sehen darin jedoch keine Flucht der Anleger aus risikoreicheren Wertanlagen.
„Die Schlagzeilen mögen beunruhigend sein, die Reaktion der Märkte aber blieb bislang bemerkenswert zurückhaltend“, kommentierte etwa Analyst Jung In Yun von Fibonacci Asset Management gegenüber „CNBC“. Die Anleger würden sich eher „moderat absichern“, statt direkt in gänzlich in sichere Anlagen zu fliehen.
Und Rohöl?
Die Preise für Rohöl sanken dagegen in einer ersten Reaktion. Der Spot-Preis des Nordseeöls Brent, allgemeinhin Maßstab der globalen Ölpreise, fiel um 1,89 Prozent auf 60,19 US-Dollar je Barrel. Die US-Sorte WTI verbilligte sich um sogar um 2,64 Prozent auf 56,72 Dollar.
Kurzfristig dürfte das Geschehen nur begrenzt Auswirkungen auf den Ölpreis haben, kommentierte Stephen Dover vom Analysehaus Franklin Templeton Institute: „Angesichts der Unsicherheiten hinsichtlich der künftigen Regierungsform Venezuelas und der wechselvollen Geschichte der USA in Bezug auf „Regimewechsel“ in Ölförderländern (z. B. Irak oder Libyen) ist es unwahrscheinlich, dass die Ölmärkte mit einem raschen Anstieg des Rohölangebots aus Venezuela rechnen.“
Die negative Reaktion der Preise könnte zum Teil darauf zurückzuführen sein, dass nun mit einem noch größeren Angebot an Rohöl weltweit zu rechnen ist. Zuletzt machte Venezuelas Förderung weniger als ein Prozent des Angebots aus. Allerdings hatte das Förderkartell Opec+ im vergangenen Jahr die Fördermengen schon ausgeweitet.
Der Brent-Ölpreis dank deswegen im vergangenen Jahr rund 20 Prozent. Die Opec-Staaten haben deswegen bereits am Sonntag erklärt, die Förderung zunächst nicht weiter hochfahren zu wollen.
Wird Trumps Außenpolitik zum Faktor für die Märkte?
Das ist die Frage der Stunde. Makrostratege Jim Reid von der Deutschen Bank erklärte, dass „geopolitische Schocks nicht dazu tendieren, einen nachhaltigen Effekt auf die Märkte zu haben“. Laut Reid würden die Börsen sich dazu zu sehr nach makroökonomischen Variablen wie dem Wirtschaftswachstum und der Inflation richten.
Die vergangenen Jahre hätten wiederholt gezeigt, wie schnell sich die Märkte von politisch ausgelösten Abverkäufen erholten, wie beispielsweise bei Konflikten im Nahen Osten. Eskalationen zwischen dem Iran und Israel im April 2024, im Oktober 2024 sowie im Juni 2025 hätten nur einen begrenzten Einfluss auf die Märkte gehabt.
Gleichwohl, sagt Reid, kann die Geopolitik spürbare Folgen für die Märkte haben, sofern durch Ereignisse ebenjene Variablen wie die Inflation beeinflusst werden. Beispiele dafür die Ölkrisen der 1970er, der Golfkrieg 1990 oder Russlands Invasion der Ukraine 2022.
Insofern stellt Trumps überraschender Eingriff in Venezuela (noch) kein Risiko für die Märkte dar. Jedoch signalisierte Trumps Regierung bereits, dass es andere Gebiete ebenfalls treffen könnte. US-Außenminister Rubio nannte etwa Kubas Regierung „ein riesiges Problem“, während Trump Ansprüche auf Grönland nochmal bekräftigte. Auch dem venezolanischen Nachbarn Kolumbien drohte der US-Präsident, ebenso wie Mexiko.
Das Problem hierbei ist, dass kaum zu prognostizieren ist, ob Trump Taten auf diese Andeutungen folgen lässt, oder, wie beispielsweise bei seinem Zollkrieg, schnell durch eine Marktreaktion umgestimmt werden kann.





