Technologie und Fachkräfte - Merz setzt verstärkt auf Indien

Reuters · Uhr
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- von Andreas Rinke

Bangalore, 13. Jan (Reuters) - Bundeskanzler Friedrich Merz sieht Indien als immer wichtigeren Standort für die technologische Entwicklung der deutschen Industrie - und als wichtigstes Land für Deckung des großen Fachkräftebedarfs.

"Hier ist beeindruckende Fachkompetenz konzentriert. Es ist eine unglaubliche Dynamik, die wir hier ⁠auch in der wirtschaftlichen Entwicklung ‍sehen", sagte Merz am Dienstag bei einem Besuch des Bosch-Standorts im indischen Bangalore. Bei Bosch, das seit mehr als 100 Jahren in Indien aktiv sei, seien mittlerweile 40.000 Mitarbeiter beschäftigt. Nachdem am Montag ein Regierungsabkommen zur Anwerbung ‌indischer Fachkräfte im Gesundheitsbereich unterzeichnet wurde, verwies der Kanzler darauf, dass derzeit 250.000 Inder Deutsch lernten.

Merz informierte sich an dem Bosch-Standort über die dortige Entwicklung der Wasserstofftechnologie für Lkw ‍sowie den Einsatz Künstlicher Intelligenz in Industrieanwendungen. Aber auch der Softwarekonzern SAP beschäftige heute bereits 15.000 Menschen in Indien, sagte der Kanzler. Es entstehe gerade ein zweiter Campus, in dem weitere 17.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgenommen werden sollten. "Also Sie sehen, welche Dynamik sich hier entwickelt." Auch Siemens Healthineers und die Pharmaindustrie sähen große Chancen. Der Luftfahrtkonzern Airbus sei ebenfalls stark vertreten. Der Rüstungskonzern TKMS hofft, mit Indien Ende März einen milliardenschweren U-Boot-Deal abschließen zu können. Am Montag hatte der Energiekonzern Uniper in Indien ‍einen Abnahmevertrag für jährlich bis zu 500.000 Tonnen Ammoniak unterzeichnet. In Deutschland könnte ⁠das Ammoniak in Wasserstoff umgewandelt oder für die Dünger- und Chemieindustrie genutzt werden.

GROSSE NACHFRAGE NACH DEUTSCHKURSEN

Der Kanzler verwies darauf, dass in Indien zurzeit rund 250.000 Menschen an Deutschkursen teilnähmen. "Das ist der Standort auf der Welt mit der zweithöchsten Zahl an Deutschkursen." Die Goethe-Institute könnten sich mit ‍ihren Deutschkursen selbst tragen. Es gebe keinen Standort auf der Welt, in dem mehr deutsche Visa ausgestellt würden als in Bangalore mit 40.000 Visa im Jahr.

Merz hatte sich am Montag in Ahmedabad mit ⁠dem indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi getroffen. Nach dem Gespräch mit Modi hatte er überraschend auch von der Möglichkeit des Abschlusses eines EU-Indien-Freihandelsabkommens schon Ende Januar gesprochen. "Ich werde unmittelbar nach dem Besuch die EU-Kommissionspräsidentin informieren und sie auch noch einmal bitten, die Arbeiten jetzt so zu beschleunigen, dass wir möglichst bald zu einem Freihandelsabkommen mit Indien kommen ‍können", sagte er am Dienstag in Bangalore. "Ich hoffe dann, dass die ‌Prozeduren in Brüssel etwas schneller gehen als mit dem Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Staaten, das ja gerade letzte Woche abgeschlossen werden konnte."

Europa sollte sich die Chance nicht entgehen lassen, mit Indien als "wirklich präferierten Partner" zusammenzuarbeiten, sagte Merz. "Das sind Chancen, die sich für beide Seiten in einem hohen Maße ergeben, für die deutsche Wirtschaft, aber eben auch für das Land Indien." Zur Wirtschaftsdelegation des Kanzlers gehörten fast zwei Dutzend Firmenvertreter. In zwei Wochen will Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mit einer Wirtschaftsdelegation nach Indien reisen.

Am Montag hatte die AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel die Reise von Merz in die größte Demokratie der Welt kritisiert. "Während zuhause die Hütte brennt, Insolvenzen einen neuen Höchststand erreichen und immer mehr Menschen um ihre Jobs fürchten, ist Merz auf Sightseeing-Tour in Indien", hatte sie auf der Plattform ⁠X geschrieben. Ihr Co-Vorsitzender Tino Chrupalla besuchte in den vergangenen Tagen China. Die AfD sucht gezielt den Kontakt zu Ländern wie Russland, China und der rechtsgerichteten US-Regierung.

(redigiert von Christian Rüttger.; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen ‍und Märkte).)

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