Studie: Dampfmaschinen treiben noch immer Wirtschaft in Deutschland an

Reuters · Uhr
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Berlin, 14. Jan (Reuters) - Die Dampfmaschine treibt einer Studie zufolge lange nach ihrer Erfindung noch immer die Wirtschaft in Deutschland an.

Wo sich Ende des 19. Jahrhunderts besonders viele Dampfmaschinen drehten, seien noch heute die Durchschnittslöhne ⁠um deutlich mehr als ‍vier Prozent höher als anderswo, wie aus der Untersuchung der Rockwool Foundation Berlin (RFBerlin) hervorgeht. Diese lag der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch vor. Diese Regionen haben demnach auch rund ‌150 Jahre später 14 Prozent mehr technisch und universitär ausgebildete Arbeitnehmer. Sie verfügten gleichzeitig über zwei Prozent mehr produktive Firmen und meldeten 38,3 ‍Prozent mehr Patente an.

"Die Dampfmaschine hat nicht nur Fabriken angetrieben, sondern auch die Technik und die Entwicklung von Fähigkeiten in ganzen Regionen über Generationen hinweg verändert", sagte der Direktor von RFBerlin und Professor am University College London, Christian Dustmann. Daraus könnten auch aktuelle Lehren gezogen werden. "Die frühzeitige Einführung von Künstlicher Intelligenz (KI) kann langfristige positive Folgen haben", sagte Dustmann.

LEHRE FÜR SCHNELLE EINFÜHRUNG VON KI

RFBerlin-Projektleiter Sascha Becker ‍sprach von einem positiven Kreislauf zwischen technologischer Entwicklung und zunehmendem ⁠Qualifikationserwerb, der durch die Dampfmaschine ausgelöst worden sei. "Es ist faszinierend, dass regionale Einkommensunterschiede heutzutage noch zu einem guten Teil auf der Verbreitung der Dampfmaschine im Jahre 1875 beruhen", betonte der Professor an der Universität Warwick. "Diese historischen ‍Lehren weisen darauf hin, auch wenn es noch sehr früh ist, dass eine schnelle Einführung von KI erneut darüber entscheiden könnte, welche Regionen und Länder ⁠langfristig von den Vorteilen des Wandels profitieren werden."

KI sei eine bahnbrechende Technologie, deren Einführung einen ähnlichen Wendepunkt darstelle wie damals die Dampfmaschine, betonte Experte Dustmann. Entscheidend sei hier, von Anfang an mitzuspielen. "Europa hat bei KI etwas geschlafen, die Entwicklung wird derzeit vor allem ‍von China und den USA vorangetrieben", sagte Dustmann. Mindestens ‌ebenso wichtig wie die Entwicklung sei die produktivitätssteigernde Anwendung. "Und gerade hier liegen große Chancen für die deutsche Industrie", sagte der Experte. Die Politik müsse hier die richtigen Rahmenbedingungen setzen - etwa durch eine verbesserte Start-up-Förderung und eine größere Offenheit gegenüber neuen Technologien.

Die Analyse beruht unter anderem auf Daten von 1875 über die Verbreitung der Dampfmaschine in den Landkreisen Preußens. Auch Sozialversicherungsdaten für das moderne Deutschland sowie Patent-Anmeldungen in diesen Regionen in den Zeiträumen von 1877 bis 1918 und von 1980 bis 2014 wurden herangezogen.

Dampfmaschinen wandeln Wasserdampf in mechanische Bewegung um. Damit können Maschinen und Fahrzeuge angetrieben werden. Sie hatten entscheidenden Anteil am ⁠wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands im 19. Jahrhundert. Sie ermöglichten Industrialisierung, Massenproduktion, Bergbau und den Ausbau von Eisenbahn und Fabriken.

(Bericht von Rene Wagner, redigiert von Sabine Wollrab und Sabine Ehrhardt - Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion ‍unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)