Industrie erleichtert nach Trumps Zollwende - "Entwarnung fehl am Platz"
Berlin, 22. Jan (Reuters) - Die deutsche Industrie hat erleichtert auf die von US-Präsident Donald Trump zurückgezogenen Zolldrohungen reagiert.
Gleichzeitig verwiesen hochrangige Vertreter der Wirtschaft aber auf die anhaltende und für Unternehmen schädliche Unsicherheit im Handel. "Entwarnung ist fehl am Platz", sagte der Präsident des Großhandel- und Exportverbandes BGA, Dirk Jandura, am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Was Trump heute verkünde, könne morgen schon wieder Makulatur sein. "Verlässlichkeit ist im internationalen Handel keine Nebensache, sondern die zentrale Voraussetzung für Investitionen und Wachstum. Genau diese Verlässlichkeit ist derzeit nicht gegeben - und sie kehrt durch ein kurzfristiges Einlenken nicht automatisch zurück." Die Unberechenbarkeit beschädige das Vertrauen in die Handelsbeziehungen nachhaltig und bleibe ein ernstes Risiko für die Weltwirtschaft.
Trump hatte acht europäischen Staaten - darunter Deutschland und Frankreich - ab Februar mit Sonderzöllen gedroht, sollten die USA Grönland nicht kaufen können. Nach Gesprächen am Rande des Weltwirtschaftsforums im schweizerischen Davos zog der Republikaner seine Drohung jedoch zurück. Es sei ein Rahmenabkommen zu einer zukünftigen Vereinbarung über die Insel und die gesamte Arktis erzielt worden, teilte Trump auf seinem Kurznachrichtendienst Truth Social mit. Details dazu sind bisher nicht bekannt.
Der Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Volker Treier, betonte, dass Extra-Zölle fatale Folgen für die deutsche und europäische Wirtschaft gehabt hätten. "Aber: Die unberechenbare US-Zollpolitik bleibt ein großer Unsicherheitsfaktor. Es ist jederzeit mit weiteren Androhungen zu rechnen." Dies sei Gift für den Handel. "Auch halten sich die Betriebe aufgrund dessen mit Investitionen in die Vereinigten Staaten zurück." Alle Beteiligten müssten an einer berechenbaren Handelsbeziehung arbeiten.
Wolfgang Niedermark aus der Hauptgeschäftsführung des Industrieverbandes BDI begrüßte, dass die zusätzlichen Zölle in Höhe von zehn Prozent einstweilen vom Tisch sind. "Offenbar hat die starke gemeinsame Linie der EU Wirksamkeit gezeigt." Die Europäische Union hat die für die USA vorteilhafte Handelsvereinbarung aus dem vergangenen Jahr auf Eis gelegt. Auch Gegenzölle und schärfere Maßnahmen, etwa gegen US-Digitalkonzerne, wurden erwogen.
Jandura ergänzte, ein Zollkrieg kenne keine Sieger, sondern nur Verlierer. "Zölle sind nichts anderes als eine zusätzliche Steuer auf Produkte - sie verteuern Waren, belasten Unternehmen und treffen am Ende die Verbraucherinnen und Verbraucher. Bezahlt werden sie zu einem großen Teil durch höhere Preise und Inflation vom amerikanischen Volk selbst." Der Verzicht sei daher der einzig ökonomisch sinnvolle Weg. "Offene Märkte und fairer Handel liegen im Interesse beider Seiten."
Ralf Wintergerst, der Präsident des Digitalverbandes Bitkom, verwies auf die starke Abhängigkeit von technologischen Lösungen aus den USA. Europa müsse den Warnschuss hören und mehr in die digitale Souveränität investieren, also auf eigene Lösungen setzen. "Europa muss langsam erwachsen werden, auch im Digitalbereich."
(Bericht von Christian Krämer, Mitarbeit von Hakan Ersen, redigiert von Kerstin Dörr. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)


