(Durchgehend neu)
- von Shivangi Acharya und Philip Blenkinsop
Neu-Delhi, 27. Jan (Reuters) - Die Europäische Union und Indien haben sich auf ein umfassendes Handelsabkommen geeinigt und suchen damit den Schulterschluss gegen die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump.
Der Pakt werde Zölle auf mehr als 96 Prozent der gehandelten Waren abschaffen oder senken, teilten beide Seiten am Dienstag mit. Die EU rechnet damit, dass sich ihre Warenexporte in das bevölkerungsreichste Land der Erde bis 2032 verdoppeln werden. Europäische Unternehmen könnten dadurch Zölle in Höhe von vier Milliarden Euro einsparen.
Besonders profitieren dürften die deutschen Autobauer Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW. Indien öffnet seinen bislang stark abgeschotteten Markt und senkt die Importzölle für Autos schrittweise von bis zu 110 Prozent auf zehn Prozent. Auch bei alkoholischen Getränken fallen die Hürden drastisch: Die Abgaben auf Wein sinken sofort von 150 auf 75 Prozent und sollen später schrittweise auf 20 Prozent fallen. Zudem werden Zölle auf Maschinen, elektrische Ausrüstung, Chemikalien sowie Eisen und Stahl gesenkt.
"Europa und Indien schreiben heute Geschichte", erklärte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Es entstehe eine Freihandelszone, die zwei Milliarden Menschen umfasse. Der indische Premierminister Narendra Modi sprach von der "Mutter aller Deals". Die Vereinbarung eröffne riesige Chancen für die 1,4 Milliarden Menschen in Indien und Millionen Europäer. Modi und von der Leyen wollten die Einigung auf einem Gipfeltreffen in Neu-Delhi am Dienstag offiziell verkünden.
ABKOMMEN SOLL BINNEN EINES JAHRES IN KRAFT TRETEN
Der Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Volker Treier, hatte das absehbare Abkommen bereits am Montag als "echten Game-Changer" bezeichnet. "Das Abkommen kann die zum Teil beachtlichen Zollsätze und Handelshürden, die beim Eintritt zum indischen Markt für unsere Unternehmen zu beachten sind, helfen abzubauen", sagte er.
Bis zur formalen Unterzeichnung ist jedoch noch Geduld gefragt. Die juristische Prüfung der Texte werde voraussichtlich fünf bis sechs Monate in Anspruch nehmen, sagte ein indischer Regierungsvertreter. "Wir erwarten, dass das Abkommen innerhalb eines Jahres umgesetzt wird." Das Handelsvolumen zwischen beiden Wirtschaftsräumen lag im Geschäftsjahr bis Ende März 2025 bei 136,5 Milliarden Dollar.
Die Einigung fällt in eine Phase globaler Neuorientierung. Sowohl die EU als auch Indien versuchen, sich angesichts der Spannungen mit den USA breiter aufzustellen. US-Präsident Trump hatte zuletzt langjährige Allianzen auf die Probe gestellt, unter anderem mit Zollandrohungen gegen europäische Staaten und dem Versuch, Grönland zu kaufen. Ein geplantes Handelsabkommen zwischen Indien und den USA war im vergangenen Jahr gescheitert.
WICHTIGER AUSGLEICH FÜR INDIEN
Die Verhandlungen zwischen der EU und Indien waren 2022 nach neunjähriger Pause wieder aufgenommen worden. Sie gewannen an Fahrt, nachdem Trump Strafzölle von 50 Prozent auf indische Waren verhängt hatte. Für Indien bedeute der Deal mit der EU einen wichtigen Ausgleich, sagte der Handelsexperte Ajay Srivastava. Die Zollsenkungen würden indischen Exporteuren in arbeitsintensiven Branchen helfen, die US-Sanktionen abzufedern.
Es ist bereits der zweite große Erfolg für die EU-Handelspolitik innerhalb weniger Tage. Erst kürzlich hatte Brüssel ein wegweisendes Abkommen mit dem südamerikanischen Mercosur-Bund geschlossen, nachdem im Vorjahr bereits Verträge mit Indonesien, Mexiko und der Schweiz unterzeichnet worden waren. Auch Indien hatte zuletzt seine Handelsbeziehungen diversifiziert und Pakte mit Großbritannien, Neuseeland und dem Oman besiegelt.
(Mitarbeit Manoj Kumar, Christian Krämer; Bearbeitet von Alexander Ratz; Redigiert von Philipp Krach; Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

