Ex-Vorstände von Audi wegen Dieselskandal vor Gericht
München, 02. Feb (Reuters) - Mehr als zehn Jahre nach dem Auffliegen des Dieselskandals bei Volkswagen hat am Montag vor dem Landgericht München ein zweiter Strafprozess gegen frühere Manager der Tochter Audi begonnen.
Angeklagt sind die früheren Entwicklungsvorstände Ulrich Hackenberg und Stefan Knirsch sowie zwei weitere leitende Ingenieure. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Betrug durch Abgas-Manipulationen an Hunderttausenden Autos der Marken Audi, Porsche und Volkswagen vor. Damit hätten sie sich auch der Falschbeurkundung und der strafbaren Werbung schuldig gemacht.
Die Angeklagten haben die Vorwürfe zurückgewiesen. Ausführliche Stellungnahmen werden im weiteren Prozessverlauf erwartet. Hackenbergs Verteidigerin Sabine Stetter erklärte am Montag, der frühere Entwicklungsvorstand sei unschuldig. Die Manipulationen seien im Unternehmen nicht nach oben kommuniziert worden. "Gegenüber unserem Mandanten wurden die Manipulation bei der Motorentwicklung verborgen, obwohl er für eine offene Kommunikation und Fehlerkultur plädierte", erklärte Stetter.
Der frühere Audi-Chef Rupert Stadler und zwei Ingenieure waren nach Geständnissen 2023 in München wegen Betrugs zu Bewährungsstrafen und Geldauflagen verurteilt worden. Audi war im Konzern für die Entwicklung von Dieselmotoren zuständig und spielte deswegen eine zentrale Rolle in dem Skandal. Volkswagen gab 2015 auf Druck der US-Umweltbehörde EPA zu, Abgaswerte durch eine Software manipuliert zu haben. Diese sorgte dafür, dass die Motoren die Stickoxid-Grenzwerte nur auf dem Prüfstand einhielten, aber nicht auf der Straße. Betroffen waren Millionen Fahrzeuge in den USA und Europa. Der Schaden bei Kunden, Volkswagen und Aktionären ging in die Milliarden. Darüber wird noch immer vor mehreren Gerichten gestritten. Ein Strafverfahren gegen den früheren Volkswagen-Chef Martin Winterkorn wurde wegen dessen Gesundheitszustands vom Landgericht Braunschweig vorläufig eingestellt.
Einer der nun in München angeklagten Ingenieure ist der frühere Chef der Dieselmotoren-Entwicklung bei Audi, Richard B. Er habe darauf hingewirkt, dass die Software in 434.420 Autos manipuliert worden sei, sagte Staatsanwältin Silke Bösner am Montag. Der Schaden könne sich allein hier unter Umständen auf mehr als drei Milliarden Euro belaufen, weil die Fahrzeuge in den USA nicht mehr verkauft werden durften und damit nur noch Schrottwert hatten. Entwicklungsvorstand Hackenberg habe trotz besseren Wissens den Verkauf von manipulierten Fahrzeugen in den USA und Europa gebilligt.
Sein Nachfolger Knirsch habe den Verkauf ebenfalls nicht gestoppt, sagte Bösner. Knirsch war als oberster Motorenentwickler zunächst Vorgesetzter des Diesel-Spezialisten B. und Untergebener von Hackenberg. Als Hackenberg 2015 im Zuge des Abgasskandals abtreten musste, folgte ihm Knirsch als Vorstand, musste den Posten nach elf Monaten aber schon wieder abgeben. Knirschs Vorgänger als Motoren-Chef, Axel E., sitzt als vierter Beschuldigter auf der Anklagebank. Noch vor Knirsch und E. war der spätere Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz Motoren-Chef bei Audi. Hatz war zusammen mit Stadler zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.
50 VERHANDLUNGSTAGE - ODER ABKÜRZUNG?
Für die Verhandlung gegen Hackenberg und seine drei Mitangeklagten hat der Vorsitzende Richter Andreas Bayer zunächst 50 Verhandlungstermine bis zum 27. Oktober anberaumt. Allerdings wollen Richter, Staatsanwaltschaft und Verteidiger in den kommenden Wochen nach einer Abkürzung suchen: Sie wollen sich hinter verschlossenen Türen zusammensetzen, um Möglichkeiten eines Deals auszuloten, wie Verfahrensbeteiligte sagten. Zunächst muss jedoch die umfangreiche Anklageverlesung beendet werden. Dafür ist nun auch der zweite Verhandlungstag vorgesehen, der 9. Februar.
(Bericht von Alexander Hübner und Jörn Poltz. Redigiert von Olaf Brenner. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)



