- von Giulio Piovaccari und Alexander Hübner
Mailand, 06. Feb (Reuters) - Der Autobauer Stellantis verabschiedet sich von seiner Elektro-Strategie und nimmt dafür Abschreibungen von mehr als 22 Milliarden Euro in Kauf.
Der seit Mai amtierende Vorstandschef Antonio Filosa bricht endgültig mit den Plänen seines Vorgängers Carlos Tavares, das aus Fiat, Chrysler, Peugeot und Citroen entstandene Konglomerat ganz auf Elektroautos auszurichten. Die Kunden der Opel-Muttergesellschaft müssten künftig wieder die Wahl haben, ob sie Verbrenner-, Hybrid- oder Elektro-Modelle kauften, sagte Filosa am Freitag. Er sprach von einem Neustart. Es gehe darum, die Produktpalette an die Nachfrage anzupassen. Seine konkreten Pläne will er im Mai vorstellen.
Allein im zweiten Halbjahr 2025 verbucht Stellantis dadurch 19 bis 21 Milliarden Euro Verlust - bei einem Umsatz von 78 bis 80 Milliarden. Die Aktionäre - allen voran die Exor-Holding der Fiat-Gründerfamilie Agnelli - gehen leer aus. Eine Dividende werde in diesem Jahr nicht gezahlt. Die Stellantis-Aktie brach in Mailand um bis zu 24 Prozent auf 6,17 Euro ein, den tiefsten Stand seit der Fusion von Fiat-Chrysler und PSA 2021.
VON DER REALEN WELT ENTFERNT
Die Abschreibungen seien die Folge dessen, dass Stellantis das Tempo des Übergangs von Benzin- und Diesel- zu Elektroantrieben überschätzt habe, "was uns von den Bedürfnissen, Möglichkeiten und Wünschen vieler Autokäufer in der realen Welt entfernt hat", räumte Filosa ein. Der Wandel lasse sich nicht befehlen, sondern müsse der Nachfrage folgen.
Tavares hatte ganz auf Elektroautos gesetzt: Bis 2030 sollte der Konzern in Europa keine Verbrenner mehr bauen, in den USA sollte wenigstens die Hälfte der Flotte mit Elektroantrieb verkauft werden. Als der Umsatz auf dem US-Markt, dem wichtigsten für Stellantis, um 15 Prozent einbrach, musste Tavares gehen. Der Marktanteil in Nordamerika sank auf acht Prozent, so tief wie noch nie in der Unternehmensgeschichte. Filosa steuerte um und legte unter anderem den Jeep Cherokee neu auf, den Tavares auslaufen lassen wollte. Seither zeigen die Absatzzahlen wieder leicht nach oben.
Ein Teil der Abschreibungen und Rückstellungen ist aber nicht dem Strategiewechsel geschuldet, sondern Qualitätsmängeln, unter denen der Konzern seit Jahren leidet. 4,1 Milliarden Euro stellt Stellantis allein für zusätzliche Garantiekosten zurück. 1,3 Milliarden kostet der bereits verkündete Stellenabbau in Europa. Insgesamt 6,5 Milliarden Euro tatsächliche Mehrkosten veranschlagt Stellantis in den nächsten vier Jahren aufgrund des Strategiewechsels, weil einige Modelle eingestellt werden und von anderen deutlich weniger verkauft werden dürften.
Als Teil der Neuausrichtung gibt Stellantis seine 49-Prozent-Beteiligung an einem Batteriewerk in Kanada an den südkoreanischen Batteriehersteller LG Energy Solution für den symbolischen Preis von 100 Dollar ab. Das Bilanzloch soll mit Hybridanleihen über fünf Milliarden Euro gestopft werden. Abschreibungen seien zu erwarten gewesen, doch deren Höhe - und dass davon 6,5 Milliarden liquiditätswirksam seien - seien eine negative Überraschung, schrieben die Analysten von Citi.
Die Hiobsbotschaft riss nicht nur die Stellantis-Aktien nach unten, sondern belastete auch andere Autowerte: In Frankreich gaben die Aktien von Renault und den Zulieferern Valeo und Forvia zwischen 2,1 und 2,5 Prozent nach. In Deutschland verloren Volkswagen 2,2 Prozent, BMW 1,9 Prozent und Porsche sogar 2,9 Prozent.
BRANCHE VERSENKT MIT E-AUTOS 45 MILLIARDEN EURO
Stellantis ist nicht der erste Autobauer, der seine Elektro-Ambitionen deutlich zurückschneidet. Die US-Rivalen Ford und General Motors hatten sich wegen der Politik der US-Regierung unter Donald Trump und der schwachen Nachfrage nach Elektroautos von ihren ehrgeizigen Plänen für batteriebetriebene Modelle verabschiedet. Trump hatte Subventionen für Elektroautos zurückgeschnitten und lehnt umweltfreundliche Technologien ab. Ford schrieb 19,5 Milliarden Dollar ab, GM sechs Milliarden. Insgesamt hat die Branche allein im vergangenen Jahr in Form von Abschreibungen mehr als 45 Milliarden Euro mit Elektroautos versenkt.
Für 2026 hofft Stellantis auf Umsatzzuwächse von rund fünf Prozent und operativ schwarze Zahlen. Ein positiver Mittelzufluss (Cash-flow) sei aber erst 2027 wieder zu erwarten.
(Bericht von Giulio Piovaccari; Mitarbeit: Alessandro Parodi und Enrico Sciacovelli; geschrieben von Alexander Hübner; redigiert von Olaf Brenner. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)


