Ölpreise ziehen weiter an – eine Wiederholung von 2022 droht
Der parabolischen Anstieg der Ölpreise schürt Ängste vor einem neuen Inflationsschub. Wie der Markt schlimmstenfalls reagieren könnte, zeigt ein Rückblick auf das Börsenjahr 2022.
Maximilian Nagel

Der voraussichtlich größte Sprung der Ölpreise an nur einem Handelstag hat die Märkte am Montag erneut ins Chaos gestürzt. Nach der schwächsten Woche seit rund einem Jahr verlor der Dax zum Wochenauftakt rund 1,3 Prozent. Mittlerweile zweifeln die Investoren daran, dass der Konflikt zwischen dem Iran und den USA sowie Israel nur von kurzer Dauer sein wird.
Das signalisiert die Flucht aus Aktien, an den Märkten Asiens und Europas, aber auch der Kursverfall bei Anleihen. Die Umlaufrendite zehnjähriger US-Anleihen stieg von unter 4,0 Prozent Ende Februar bis auf zuletzt 4,175 Prozent.
Typisch wäre, dass die Anleihenzinsen fallen, weil Anleger die Papiere als sicheren Hafen nachfragen und die Kurse in der Folge steigen. „Staatsanleihen werden derzeit stärker über den Inflations- und Zinsausblick gehandelt als über ihre reine Schutzfunktion“, erklärte Kapitalmarktexperte Serge Nussbaume von Maverix Securities in einem Kommentar.
„Der Krieg hat das Risiko eines Inflationsschubs deutlich erhöht“
„Von einem bloß hypothetischen Inflationsrisiko zu sprechen, wäre inzwischen zu defensiv. Treffender ist: Der Krieg hat das Risiko eines neuen Inflationsschubs bereits deutlich erhöht“, ergänzte Nussbaume. Und damit stehen Anleger nun potenziell vor einem Szenario wie 2022.
In diesem Jahr kam es zum letzten für die Märkte wirklich relevanten Ölpreisschock. Damals löste Russlands Invasion der Ukraine massive Verwerfungen an den globalen Energiemärkten aus.
Der Sprung der Preise befeuerte die Inflation nachhaltig, was wiederum einen restriktiveren Kurs der Notenbanken zur Folge hatte. Auch wenn der Ölpreis selbst damals innerhalb weniger Monate von den Höchstkursen zurückkam, waren zwei von drei relevanten Faktoren für eine größere Korrektur an den Börsen erfüllt, und zwar einerseits ein massiver Ansprung des Ölpreises und eine Wende der Geldpolitik hin zu einer Straffung.
Wie verlief 2022 für die Märkte?
Dementsprechend korrigierte der Dax 2022 deutlich. Nach Zugewinnen in den drei Vorjahren ging es unterm Strich um 12,3 Prozent nach unten. Der US-amerikanische S&P 500 verlor sogar 19,44 Prozent.
Ausgehend vom Kurs zu Jahresbeginn ging es beim deutschen Leitindex zwischenzeitlich sogar noch tiefer. Der maximale Verlust von dieser Marke aus lag 2022 bei 26 Prozent. Den Tiefpunkt erreichte der Dax Ende September, bei knapp unter 12.000 Punkten.
Zum Jahresbeginn 2026 notierte der Dax – nach einem starken Vorjahr – bei 24.539 Punkten. Von diesem Niveau aus hat er bis zum Montagmorgen 5,7 Prozent verloren. Ein Bärenmarkt wie 2022 würde indes bedeuten, dass der Index bis auf 18.158 Punkte fallen könnte.
Das wäre natürlich das extreme Szenario. Die Erholung im Leitindex dauerte damals übrigens einige Monate. Im Mai 2023 hatte der Dax wieder das Niveau zum Jahresbeginn 2022 erreicht, was aus dem Tiefpunkt heraus einem Zugewinn von 35 Prozent entspricht.
Worauf kommt es jetzt an?
Ob ein Rutsch in solcher Größenordnung noch kommt, hängt nun maßgeblich vom Inflationseffekt der Ölpreise, dessen Nachhaltigkeit und der Antwort der Geldpolitik ab.
„Solange Öl über 100 Dollar je Barrel bleibt, Transportwege im Golf gestört sind und Versicherungs- sowie Frachtkosten steigen, wächst die Gefahr von Zweitrundeneffekten“, so Nussbaume. Über höhere Energiepreise verteuern sich nicht nur Treibstoffe und Gas, sondern schrittweise auch Transport, Industrieproduktion, Vorprodukte und Konsumgüter.
Bislang preisen die Marktteilnehmer für die USA aber keine Wende in der Zinspolitik ein. Die Wahrscheinlichkeiten einer Zinsanhebung bei den kommenden Sitzungen der US-Notenbank liegt uniform bei 0,0 Prozent.
Gleichwohl dürfte der Zinssenkungskurs pausiert werden. Eine Senkung der Leitzinsen von aktuell 3,5 bis 3,75 Prozent um 25 Basispunkte (0,25 Prozentpunkte) bei der Sitzung zur Monatsmitte wird derzeit nur noch mit einer Wahrscheinlichkeit von 2,6 Prozent bepreist, noch Anfang Februar lag die Chance mit 17,2 Prozent deutlich höher.
In Europa wiederum liegt der maßgebliche Einlagenzins mit 2,0 Prozent schon deutlich tiefer. Da die USA in ihrer Versorgung auch unabhängiger sind als Europa, könnte eine Reaktion der EZB schneller nötig werden. Laut Bloomberg preisen die Märkte zwei Anhebungen in diesem Jahr ein.
„Wenn die Inflationserwartungen außer Kontrolle geraten, könnte dies die EZB zum Handeln zwingen“, kommentierte Commerzbank-Devisenstratege Rainer Guntermann am Montagfrüh – „insbesondere angesichts der Erfahrungen mit Zweitrundeneffekten im Jahr 2022 und der Kritik, dass die Zinsen zu spät angehoben wurden“.
Wie verhalten sich Profis jetzt?
Wiederholt haben Analysten und Strategen in den vergangenen Tagen darauf hingewiesen, dass geopolitisch ausgelöste Korrekturen meist innerhalb weniger Wochen wieder aufgeholt werden – mit Ausnahme der Fälle, in denen ein Ölpreisschock zu einem hartnäckigen Treiber der Inflation wird.
Von onvista befragte Experten sehen aktuell noch Chancen, nun selektiv nachzukaufen. „Wir selbst haben jetzt auch etwas Spielraum in der Kasse geschaffen, um neue Chancen zu heben“, sagte beispielsweise Hendrik Leber, Gründer und Geschäftsführer der Fondsboutique Acatis, im Interview.
Auch Chris-Oliver Schickentanz, Chefinvestmentstratege der Capitell AG, erklärte gegenüber onvista, den ersten Abverkauf schon für erste kleinere Nachkäufe genutzt zu haben: „Dabei sind wir vor allem bei solchen Werten aktiv geworden, die im Vorfeld deutlich abverkauft wurden, beispielsweise Microsoft und Nvidia, und die durch die Iran-Thematik allenfalls mittelbar tangiert sind.“ Der Profi plant, in den kommenden Tagen weiter selektiv aufzustocken.
„Ich bin davon überzeugt, dass dieser militärische Konflikt nur wenige Wochen anhalten wird – entweder weil die USA und Israel ihre Ziele erreichen oder weil die Angriffswelle eingestellt wird“, sagte Schickentanz gegenüber onvista, und verwies nochmal auf die kommenden Zwischenwahlen in den USA: „Trump kann es sich eine dauerhafte Eskalation nicht leisten, weil die Tankstellenpreise eine der Hauptstellschrauben für die politische Stimmung bei vielen Wähler sind.“
Die Investmentbank JPMorgan merkte darüber hinaus an, dass eine Flucht in Bargeld in der Regel selten die beste Strategie als Antwort auf geopolitische Risiken ist. „Ein Blick auf eine Vielzahl wirtschaftlicher und geopolitischer Schocks der vergangenen Jahrzehnte zeigt: Ein ausgewogenes Portfolio aus Aktien und Anleihen hat Barmittel im Durchschnitt um neun Prozent auf Einjahressicht und um 22 Prozent auf Dreijahressicht übertroffen.“
Gleichwohl gibt es auch mahnende Stimmen, wie beispielsweise Stefan Riße, Acatis-Kapitalmarktstratege und regelmäßiger onvista-Kolumnist. Er empfiehlt, sich in diesem Falle noch nicht an das alte Börsensprichwort „Kaufen, wenn die Kanonen donnern“ zu halten. Laut Riße zeige der Markt eine intrinsische Schwäche, und weitere Kursverluste in den kommenden Wochen könnte vor allem die stark investierten Privatanleger zu weiteren Anschlussverkäufen verleiten.









