KI ist mehr als ein Hype
Das Aufkommen Künstlicher Intelligenz wird Unternehmen und Aktienmärkte fundamental wandeln. Was angesichts dessen ein bleibender Wettbewerbs-Vorteil ist, den Investoren nutzen sollten.
Heiko Böhmer

Die Dampfmaschine war die erste industrielle Revolution. Elektrizität die zweite. Das Internet die dritte. Und jetzt? Viele sprechen von KI als vierter industrieller Revolution. Und ich halte das für gerechtfertigt.
Denn die ersten drei Revolutionen haben bestehende Prozesse beschleunigt. KI hingegen könnte Prozesse eigenständig gestalten. Sie löst nicht nur Probleme schneller – sie löst Probleme, die wir bislang nicht lösen konnten. Das ist eine andere Dimension.
Natürlich gibt es extreme Szenarien: Von der KI-Blase bis zur dystopischen Zukunft, in der Systeme autonom agieren. Doch Wahrscheinlichkeiten sprechen eher für einen Mittelweg: Lernkurve statt Apokalypse.
Was bedeutet die KI-Disruption für Anleger?
Microsoft notiert heute auf Bewertungsniveaus, die wir seit Jahren nicht gesehen haben – bei gleichzeitig starkem Gewinnwachstum. SAP wird kritisch gesehen, obwohl die Integrationstiefe in Unternehmensprozesse enorm ist. Alphabet wird als gefährdet betrachtet, obwohl es Datenvorteile besitzt, die kaum replizierbar sind.
Gleichzeitig gibt es Geschäftsmodelle, bei denen man genauer hinsehen muss. Adobe etwa mit 90 Prozent Marktanteil im Profibereich der Grafik. Reicht das langfristig? Oder verändert generative KI das Spielfeld?
Hier hilft kein Schwarz-Weiß-Denken. Das Entscheidende ist nicht, KI um jeden Preis zu spielen. Sondern strukturelle Wettbewerbsvorteile zu identifizieren – mit oder ohne KI. Der Investment-Ansatz "Modern Value" bleibt auch im KI-Zeitalter gültig. Nur der "Burggraben", also der Wettbewerbsvorteil der Unternehmen, wird neu gezogen.
Qualität der Daten entscheidend für dauerhafte Burggräben
Proprietäre Datenbestände werden entscheidend. Wer exklusive, qualitativ hochwertige Daten besitzt, hat einen echten Vorteil. Tiefe Integration in Kundenprozesse bleibt ein Schutzwall. Regulierung und Compliance können Eintrittsbarrieren verstärken. Und Netzwerkeffekte funktionieren weiterhin – insbesondere, wenn sie mit datengetriebenen Feedback-Loops kombiniert werden.
Google ist dafür ein gutes Beispiel. Die Suchmaschine verschwindet nicht. Sie wird KI-integriert. Jede Interaktion verbessert das Modell. Das ist kein bröckelnder Burggraben. Das ist ein Burggraben im Umbau.
Für uns als Modern-Value-Investoren bedeutet das: Der Fokus auf Qualität bleibt. Aber wir müssen genauer hinsehen. Viele andere Faktoren spielen bei der Beurteilung der Unternehmen eine große Rolle: Das sind die Datenqualität, die Unternehmenskultur oder auch die Workflow-Einbindung.
Geschäftsmodelle auf dem Prüfstand – neue Chancen für Investoren
Der Wettbewerb beschleunigt sich dramatisch. Geschäftsmodelle, die lange als unantastbar galten, stehen auf dem Prüfstand. Haben klassische wirtschaftliche Burggräben, die schon lange gelten auch noch in fünf oder zehn Jahren die Bedeutung? Oder fegt KI als disruptive Technologie einfach darüber hinweg?
Im Grunde entstehen in solchen Marktphase auch Chancen. Denn wenn Narrative stärker sind als Fundamentaldaten, entstehen Übertreibungen. Und Übertreibungen sind für langfristige Investoren oft Einstiegschancen. Vereinfacht gesagt: KI zerstört alte Gewissheiten. Aber sie schafft neue Möglichkeiten. Und wer Qualität erkennt, bevor der Markt sie wieder entdeckt, investiert mit strukturellem Vorteil.
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