Kolumne von Alexander Mayer

Der wichtigste Chart der Welt rückt in den Fokus der Märkte

decentralist.de · Uhr

Der Iran-Krieg treibt Ölpreise und Inflation – und bringt die US-Zinsen an eine kritische Schwelle. Steigen sie Richtung fünf Prozent, drohen Turbulenzen an den Kredit- und Aktienmärkten. Warum dieser Wert aktuell der wichtigste Gradmesser für Anleger ist.

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Eine Bitcoin-Münze ist zu sehen.
Quelle: Adobe.com/Michael Nivelet

Der Iran-Krieg hält die globale Wirtschaft weiterhin im Klammergriff. Die Ölversorgung ganzer Volkswirtschaften bleibt belastet, solange die Straße von Hormus nicht wieder freigegeben wird – mit immer fataleren Folgen, je länger dieser Zustand anhält. Der Iran nutzt seine geografische Lage als effizienten Hebel gegen die USA, um sich zu behaupten. Die USA als größter globaler Ölproduzent sind im Gegensatz zu den meisten anderen Volkswirtschaften zwar weniger stark durch den Ölpreis-Schock betroffen.

Doch wie eng der Spielraum trotzdem ist, zeigt die Inkonsistenz in Trumps Verhandlungstaktik gegenüber dem Iran. Das durch den US-Präsidenten gestellte Ultimatum zur Öffnung der Straße von Hormus wurde nun bereits zum zweiten Mal verlängert. Mit Blick auf die Zinsentwicklung an den US-Anleihemärkten lässt sich hier ein direkter Zusammenhang erkennen.

Ist dieser Chart aktuell der wichtigste für die globalen Finanzmärkte?

Wie eine Analyse des Finanznachrichtendienstes The Kobeissi Letter zeigt, stehen Trumps taktische Rückzieher im engen Zusammenhang mit dem Anstieg der Zinsen der 10-jährigen US-Staatsanleihen bis auf einen kritischen Punkt. Ähnlich wie bei den Zoll-Verhandlungen im letzten Jahr scheint die magische Marke bei einem Zinsniveau von etwa 4,5 Prozent zu liegen.

Die Rendite der 10-jährigen US-Treasuries ist die wichtigste Benchmark für die globalen Kreditmärkte. Sie dient als Referenz für Hypothekenzinsen, Unternehmensanleihen und viele andere Kredite. Höhere Raten bremsen den Immobilienmarkt, erschweren die Refinanzierung von Firmenschulden (besonders bei hochverschuldeten „Zombie“-Unternehmen) und dämpfen Investitionen. Sie senken indirekt die Gewinnerwartungen für Unternehmen, führen zu niedrigeren Aktienbewertungen und erhöhen die Zinsausgaben des Staates im Umfeld einer ohnehin bereits hohen Staatsverschuldung.

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Höhere Zinsen durch Inflationserwartung aufgrund des steigenden Ölpreises bei einer gleichzeitig eintretenden Wachstumsabschwächung engen zudem den geldpolitischen Spielraum der Federal Reserve in beide Richtungen stark ein. Das ist das gefürchtete Stagflationsszenario. Sowohl Zinserhöhungen als auch Senkungen wirken sich in diesem Umfeld negativ aus.

Die aktuellen Störungen in der Ölversorgung haben die Rohölpreise stark nach oben getrieben. Das heizt die ohnehin schon etwas erhöhte Inflation weiter an – Energiepreise wirken sich direkt auf die Verbraucherpreise aus. Anleger quittieren das mit einer geringeren Nachfrage nach Staatsanleihen, da sie höhere Renditen als Kompensation für die gestiegenen Inflationserwartungen fordern. Die Zinsentwicklung befindet sich seit dem Beginn des Konflikts in einem starken Aufwärtstrend und droht, erneut in den kritischen Bereich von über 4,5 bis zu einem Niveau zwischen 4,8 und 5 Prozent zu steigen.

BTC Chart
Quelle: Tradingview

Das letzte Mal als diese Schwelle überschritten wurde, ist das US-Finanzministerium in den Krisenmodus übergegangen und hat die Schuldenaufnahme massiv an das kurzfristige Ende der Zinskurve verlegt. Dies markiert gleichzeitig den Beginn der parabolischen Gold-Rally im Herbst 2023, da die generelle Stabilität des Anleihemarktes seitdem einer Neubewertung durch den Markt unterzogen wird.

Was würde ein Anstieg auf Fünf Prozent für die Märkte bedeuten?

Sollte die Krise in Nahost weiter anhalten und der Ölpreis höher steigen, dürfte das die Anleihezinsen weiter steigen lassen, da die Märkte eine höhere Inflation einpreisen. Die ohnehin hohen Staatsdefizite der USA würden eine noch größere Anleihen-Emission erfordern. Die Spreads würden stark steigen, weil Investoren einen höheren Risikoaufschlag fordern.

Das könnte infolge zu einem technischen Sell-Off führen: Leveraged Bond-Positionen (beispielsweise von Hedgefonds, die Basis-Trades zur Arbitrage ausführen) könnten dadurch liquidiert werden. Die Spreads würden durch eine sich selbst verstärkende Dynamik der Abverkäufe weiter steigen und das könnte zu einer Austrocknung der Liquidität am Markt führen, was wiederum zu weiteren Kreditausfällen führen würde.

Bei massiv steigenden Kredit-Spreads würde auch die Finanzierung von Unternehmen immer teurer oder unmöglich. Im illiquiden Private Credit Markt würde es ebenfalls kritisch werden, da im schlimmsten Fall Zwangsverkäufe von illiquiden Darlehen unter hohen Abschlägen erfolgen müssten, um Forderungen zu bedienen. An den Aktienmärkten würde dies ebenfalls zu einem starken Abverkauf führen, da Liquidität freigesetzt werden muss und Neubewertungen vieler Sektoren vorgenommen werden.

Die Federal Reserve wäre in solch einem Umfeld gezwungen zu intervenieren. Sie würde wahrscheinlich die Standing Repo Facility ausweiten, bei der Banken sich Notfallliquidität besorgen können, wenn am freien Markt nicht mehr genügend Liquidität vorhanden ist. Eine Wiedereröffnung des Bankterm Fundingprograms, welches im Zuge der Mini-Bankenkrise 2023 ins Leben gerufen wurde, wäre ebenfalls denkbar, damit Banken gewisse Wertpapiere ohne Kursabschlag gegen Liquidität tauschen können. Auch vermehrte direkte Käufe von Wertpapieren durch die Federal Reserve wären in solch einem Szenario plausibel, um die Märkte aufzufangen.

Kurzgesagt wäre die Fed gezwungen, die Märkte erneut mit künstlicher Liquidität zu fluten, um eine Austrocknung des Finanzsystems und einen großflächigen Ausfall der Schulden zu verhindern.

Wie könnte Bitcoin sich in so einem Umfeld schlagen?

Aktuell hält Bitcoin sich im Vergleich zu Aktien und Gold erstaunlich robust in der Krise. Doch ein Szenario wie das oben beschriebene würde initial sehr wahrscheinlich auch vor Bitcoin keinen Halt machen, wenn die Aktienmärkte eine Korrektur von 10-20 Prozent unterlaufen. Bitcoin ist 24/7 und ohne Jurisdiktionsgrenzen handelbar. Dieser strukturelle Vorteil führt in akuten Selloff-Phasen jedoch oft dazu, dass Bitcoin als erstes liquidiert wird um notwendiges Kapital freizumachen, beispielsweise um Margin Calls zu bedienen.

Eine entsprechende geldpolitische Antwort der Federal Reserve auf das „Fünf-Prozent Szenario“ könnte für Bitcoin jedoch ein sehr bullisches Umfeld erzeugen, da Bitcoin sehr liquiditätssensitiv ist. Die letzte große geldpolitische Intervention im Zuge der Corona-Krise hat Bitcoin in einen extrem Bullrun geführt, in dem das Asset andere Anlageklassen massiv outperformen konnte.

Bitcoin ist in seiner Rolle als Schutz vor den langfristigen Folgen geldpolitischer Lockerung mittlerweile in den Fokus der Wallstreet geraten. Das könnte zu einer massiven Nachfrage in einem entsprechenden Umfeld führen und erklärt teilweise bereits die aktuelle relative Stärke von Bitcoin gegenüber dem Gesamtmarkt.

Auch der initiale Drawdown könnte für Bitcoin diesmal weniger stark ausfallen als in früheren Marktphasen dieser Art, da Bitcoin zum einen im Vergleich zu Gold und Aktien stark überverkauft ist, seitdem der Kurs vom letzten Allzeithoch im Oktober 2025 um etwa 50 Prozent gefallen ist. Zum anderen, weil sich die Kaufdynamik durch den Einstieg institutioneller Investoren strukturell verändert hat und die Volatilität insgesamt zurückgegangen ist.

Wie wahrscheinlich ist das „Fünf-Prozent Szenario“?

Der Iran-Krieg und die Blockade der Straße von Hormus bleiben die entscheidenden Faktoren für die weitere Entwicklung der Märkte. Je länger die Ölversorgung gestört bleibt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit für eine Rezession in diversen Volkswirtschaften aber auch für eine Liquiditätskrise aufgrund steigender Zinsen an den Anleihemärkten. Die Kreditmärkte sind bereits seit längerem angespannt, noch zeigen sie sich jedoch insgesamt robust.

Aufgrund der Komplexität der Gesamtlage ist es schwer absehbar, wann sich das ändert. Nicht nur die USA spielen hier eine Rolle, sondern auch die Entwicklung in anderen Märkten, die indirekt mit den US-Anleihemärkten verbunden sind. Japan als einer der größten US-Anleihehalter spielt ebenfalls eine wichtige Rolle und ist durch die Ölengpässe direkt betroffen. Mögliche Interventionen zur Verteidigung des Yen könnten ebenfalls als Dominostein für weiter steigende US-Anleihezinsen wirken.

Denken Sie langfristig!

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