Hohe Inflation, schwache Wirtschaft

Wieso die US-Notenbank in einem Dilemma steckt

onvista · Uhr (aktualisiert: Uhr)

Der Krieg zwischen den USA und Iran treibt die Ölpreise nach oben – und bringt die Inflation zurück. Gleichzeitig schwächt der Schock die Wirtschaft. Für die Federal Reserve entsteht dadurch ein gefährliches Spannungsfeld.

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Quelle: Pla2na/Shutterstock.com

Die vergangenen Wochen am Kapitalmarkt waren geprägt von einer massiven geopolitischen Eskalation in Form des Krieges zwischen den USA und Israel auf der einen sowie Iran auf der anderen Seite. Die wirtschaftlichen Auswirkungen konzentrieren sich (bislang) vor allem auf den Energiemarkt: Der Ölpreis der Sorte WTI stieg von einem Niveau um 68 Dollar vor Kriegsausbruch zeitweise um knapp 50 Prozent auf in der Spitze gut 110 Dollar. Ein Anstieg hatte sich aus charttechnischer Sicht zwar angedeutet, allerdings nicht in dieser Größenordnung.

Diese Entwicklung rasant anziehender Öl- und Gaspreise wirkt wie ein klassischer negativer Angebotsschock. Es ist also plötzlich deutlich weniger von einer Ware (in dem Fall Öl und Gas) verfügbar. Das hat sowohl direkte als auch indirekte Konsequenzen für Inflation, Wachstum und geldpolitische Entscheidungen.

Ein negativer Angebotsschock ist ein unerwartetes Ereignis, das die Produktion in einer Volkswirtschaft erschwert oder verteuert. Unternehmen können dadurch weniger Güter herstellen oder müssen ihre Preise erhöhen. Das führt oft gleichzeitig zu steigenden Preisen (Inflation) und sinkender wirtschaftlicher Leistung. Solche Schocks entstehen zum Beispiel durch steigende Energiepreise, Lieferengpässe, Naturkatastrophen oder politische Konflikte. Ein bekanntes Beispiel ist die Ölkrise der 1970er-Jahre, bei der stark steigende Ölpreise weltweit die Kosten erhöhten und die Produktion dämpften.

Inflationseffekte durch den Ölpreisschock

Der zentrale Übertragungskanal der aktuellen Krise ist der Energiemarkt. Der Krieg betrifft insbesondere die Straße von Hormus – eine der wichtigsten globalen Handelsrouten für Öl, über die rund 20 Prozent der weltweiten Versorgung laufen. Ökonomisch handelt es sich um einen klassischen Kostenschock: Unternehmen sehen sich mit höheren Kosten konfrontiert, insbesondere in energieintensiven Sektoren wie Transport, Industrie und Landwirtschaft.

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Gleichzeitig steigen die Kosten entlang globaler Lieferketten. Als Konsument merkst du das bislang wahrscheinlich lediglich an der Tankstelle. Der Kostenschock dürfte sich aber früher oder später auch in anderen Konsumgüterpreisen niederschlagen. Die am vergangenen Mittwoch veröffentlichte Preiskomponente des ISM Index für das verarbeitende Gewerbe zeigte bereits einen ordentlichen Preisdruck in den USA. Analysten erwarten eine anhaltend höhere Inflationsrate, sofern die Energiepreise weiter hoch bleiben und nicht schnell wieder absinken.

Negative Auswirkungen auf die Realwirtschaft

Parallel zu den inflationären Effekten wirkt der Ölpreisschock dämpfend auf das Wirtschaftswachstum. In Ländern wie Deutschland - die stärker vom Energieimport abhängen als zum Beispiel die USA - wird dies besonders deutlich zu spüren sein. Führende deutsche Wirtschaftsinstitute senkten im jüngsten Frühjahrsgutachten ihre Wachstumsprognosen und erwarten deutlich anziehende Inflation.

Höhere Energiepreise wirken wie eine Steuer auf Konsumenten: Ein größerer Anteil des Einkommens wird für Energie ausgegeben, wodurch weniger Mittel für andere Konsumausgaben bleiben. Das schwächt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Unternehmen sehen sich mit steigenden Kosten und sinkender Nachfrage konfrontiert – eine Kombination, die Margen unter Druck setzt und Investitionen hemmt. Erste Hinweise zeigen sich bereits in einer schwächeren Beschäftigungsdynamik im verarbeitenden Gewerbe in den USA.

Viele Analysten sprechen inzwischen von einem „Stagflationsszenario“ – also einer Kombination aus hoher Inflation und schwachem Wirtschaftswachstum. Historisch sind solche Situationen besonders problematisch für die Geldpolitik. 

Das Dilemma der Fed

Erhöht die US-Notenbank Federal Reserve den Leitzins, um die anziehenden Inflationserwartungen in den Griff zu bekommen, gäbe es sicherlich zum einen erneut kräftige Schelte aus dem Weißen Haus: Steigende Leitzinsen wären das Letzte, was US-Präsident Donald Trump vor den Midterm-Wahlen am 3. November gebrauchen kann. Zum anderen würden sich anziehende Leitzinsen negativ auf das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigung auswirken. 

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Das geldpolitische Dilemma besteht darin, dass zentrale wirtschaftspolitische Ziele schwer gleichzeitig erreichbar sind. Um Inflation zu bekämpfen, muss die Zentralbank eigentlich die Zinsen erhöhen. Das würde jedoch das Wirtschaftswachstum bremsen. Umgekehrt kann sie durch niedrigere Zinsen das Wachstum stützen, würde damit aber eine stärkere Inflation riskieren.

Die Geldpolitik steht somit vor einem Zielkonflikt: Maßnahmen zur Stabilisierung der Preise wirken oft negativ auf die Konjunktur, während wachstumsfördernde Maßnahmen den Preisdruck erhöhen können. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Fed-Chef Jerome Powell aktuell eher "auf Zeit" spielt und eine abwartende Haltung einnimmt.

Die laut dem Fed Watch Tool der CME Group eingepreiste Wahrscheinlichkeit für Zinserhöhungen in den kommenden beiden Sitzungen Ende April und Mitte Juni liegt daher auch aktuell jeweils unter drei Prozent. Zu 97 Prozent rechnen die Marktteilnehmer aktuell damit, dass die Zinsen bis Juni also konstant bleiben. Entscheidend für den geldpolitischen Kurs der US-Notenbank wird daher vor allem, ob sich der Ölpreisschock als temporär erweist – etwas wenn der Krieg im Iran rasch enden sollten – oder in eine dauerhafte Inflationsdynamik übergeht. Die würde die Notenbanken zu wirtschaftlich schmerzhaften Zinserhöhungen zwingen und vermutlich die Kapitalmärkte wie schon 2022 deutlich belasten.

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