- von Alexandra Schwarz-Goerlich und Shadia und Nasralla
Wien, 10. Apr (Reuters) - Der österreichische Energiekonzern OMV bekommt erstmals eine Chefin. Der Nominierungsausschuss schlug die langjährige BP-Managerin Emma Delaney als Nachfolgerin von Vorstandschef Alfred Stern vor, wie das Unternehmen am Freitag in Wien mitteilte. Die 52-jährige Irin soll das Amt zum 1. September 2026 für zunächst drei Jahre übernehmen. Die Zustimmung des Aufsichtsrats steht noch aus, wird aber allgemein als Formsache angesehen. Zudem soll der Vertrag von Finanzchef Reinhard Florey um zwei Jahre verlängert werden. An der Wiener Börse lagen die OMV-Papiere zuletzt 2,6 Prozent im Minus bei 58,95 Euro.
Die Regierung in Wien begrüßte die Personalie als starkes Signal für den teilstaatlichen Konzern. Delaney verfüge über das nötige Know-how und werde das Unternehmen mit Fokus auf österreichische Interessen führen, erklärten Bundeskanzler Christian Stocker und Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer. Letzterer forderte von der künftigen OMV-Chefin den Ausbau des Auslandsgeschäfts durch Partnerschaften wie bei Borouge oder dem Gasprojekt Neptun Deep. Zudem pochte er auf mehr Versorgungsunabhängigkeit und die Fortsetzung des Umbaus hin zu Chemie und Kunststoff. Die Staatsholding ÖBAG hält 31,5 Prozent an der OMV, Adnoc aus Abu Dhabi 24,9 Prozent.
Delaney arbeitet seit 1995 für BP und leitete dort zuletzt das Kunden- und Produktgeschäft mit über 50.000 Beschäftigten. Zudem bringt sie profunde Kenntnisse im Up- und Downstream- sowie im Flüssigerdgas-Geschäft (LNG) mit. Bei BP, wo ihr bisheriger Bereich derzeit zur Schuldensenkung umgebaut wird, übernimmt ab Mitte April kommissarisch Richard Harding ihre Aufgaben. Er war erst im Februar nach zweijähriger Auszeit zu BP zurückgekehrt und verantwortete unter Delaney Vertrieb und Marketing.
NEUE WACHSTUMSSTORY GESUCHT
Delaney übernimmt das Ruder in einer geopolitisch anspruchsvollen Zeit. Der scheidende OMV-Chef Stern, dessen Vertrag im Spätsommer 2026 ausläuft, hatte den Konzern seit September 2021 weg vom klassischen Öl- und Gasgeschäft hin zu Chemie und Kreislaufwirtschaft umgebaut. Als seinen größten Erfolg bezeichnete er die mit Adnoc langwierig ausgehandelte Fusion der Petrochemietöchter Borealis und Borouge sowie die Übernahme von Nova Chemicals. Die Gründung des neuen Konzerns Borouge International - des weltweit viertgrößten Polyolefin-Produzenten mit 13,6 Millionen Tonnen Jahreskapazität - wurde inmitten des Iran-Krieges Ende März abgeschlossen.
Analysten von RBC Europe sehen die OMV nun jedoch in einer erneuten Phase der Neufindung. Nach dem starken Fokus auf das Chemiegeschäft unter Stern rücke die Gasförderung (Upstream) wieder stärker in den Mittelpunkt. Delaneys Hauptaufgabe werde es sein, eine Wachstumsstory jenseits der Chemie aufzubauen, da Investoren zunehmend auf die Langlebigkeit der Ressourcen achteten. Dass Finanzchef Florey an Bord bleibe, sei dabei ein wichtiges Signal für Kontinuität und dämme kurzfristige Unsicherheiten durch den Führungswechsel ein, schrieben die Experten.
Zudem dürften die geopolitischen Risiken im Nahen Osten Delaneys Amtszeit prägen. Wie schnell der Konflikt durchschlagen kann, zeigte sich kürzlich, als Borouge nach einem iranischen Angriff auf Anlagen in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) Teile der Produktion vorübergehend stilllegen musste. Stern betonte zuletzt jedoch in einem Reuters-Interview die hohe Profitabilität des Konzerns und dessen weltweite Aufstellung, die ihn weniger anfällig für Lieferketten-Störungen mache.
(Bericht von Alexandra Schwarz-Goerlich, Mitarbeit von Shadia Nasralla, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

