Industrie spürt Folgen des Iran-Kriegs - "Dickes Ende kommt noch"

Die deutsche Wirtschaft bekommt die ersten Folgen des Iran-Kriegs zu spüren: Während die Produktion im März überraschend schrumpfte, sank zugleich der Exportüberschuss. Industrie, Bau und Energieversorger stellten zusammen 0,7 Prozent weniger her als im Vormonat, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten dagegen ein Wachstum von 0,5 Prozent erwartet. Zwar nahmen die Ausfuhren wegen der höheren Nachfrage aus Europa um 0,5 Prozent auf 135,8 Milliarden Euro zu. Die Importe wuchsen aber mit 5,1 Prozent viel stärker, weil sich viele Unternehmen aus Sorge vor Preissteigerungen und Lieferengpässen infolge des Nahost-Kriegs mit Vorprodukten eindeckten. Das drückte den deutschen Handelsüberschuss um mehr als fünf Milliarden Euro.
"Das leichte Exportplus reicht nicht für eine Entwarnung", sagte der Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Volker Treier. Das Zusammenspiel aus Energiepreisschock, fragiler Logistik und wachsendem geopolitischen Misstrauen setze exportorientierte Unternehmen unter Druck. "Die wirtschaftlichen Folgen des Kriegs im Nahen Osten sind noch nicht überall absehbar, das konjunkturell dickere Ende kommt noch nach", warnte Treier. Der Krieg begann am 28. Februar mit Angriffen von Israel und den USA auf den Iran.
Der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) verwies auf den schrumpfenden Exportüberschuss. Dieser lag im März bei 14,3 Milliarden Euro, nach 19,6 Milliarden Euro im Vormonat. "Der sinkende Außenhandelsüberschuss ist ein Warnsignal", sagte BGA-Präsident Dirk Jandura. "Vor allem die schwache Entwicklung in den Drittstaatenmärkten belastet die deutsche Exportwirtschaft zunehmend." Der Beitrag des Außenhandels zum Wohlstand und zur wirtschaftlichen Stärke Deutschlands schwinde zunehmend.
Stabilitätsanker Europa
Die Exporte in die EU-Staaten stiegen um 3,4 Prozent auf 78,4 Milliarden Euro. "Europa bleibt der Stabilitätsanker des deutschen Außenhandels", sagte Jandura. Die meisten Ausfuhren in ein einzelnes Land gingen trotz eines Einbruchs erneut in die USA. Dorthin wurden deutsche Waren im Wert von 11,2 Milliarden Euro geliefert. Das waren 7,9 Prozent weniger als im Februar und sogar 21,4 Prozent weniger als ein Jahr zuvor, was den stärksten Rückgang seit Juni 2020 bedeutet. "Die Zollpolitik des US-Präsidenten Donald Trump hinterlässt demnach deutliche Bremsspuren", sagte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. Der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien, sprach von einem "dramatischen Kollaps deutscher Ausfuhren in die USA". Solche Rückgänge gebe es "historisch sonst nur in dramatischen Krisenzeiten wie zum Höhepunkt der Covid-Pandemie zu beobachten", fügte Dullien hinzu. "Hier sind die zerstörerischen Folgen Trumps gut zu beobachten." Auch das deutsche China-Geschäft verzeichnete Einbußen: Die Ausfuhren in die Volksrepublik sanken zum Vormonat um 1,8 Prozent auf 6,0 Milliarden Euro.
"Unsicherheiten bremsen"
Die Industrie allein drosselte ihre Produktion im März um 0,9 Prozent zum Vormonat. In den einzelnen Branchen lief die Entwicklung auseinander: Die Maschinenbauer stellten 2,7 Prozent weniger her, die Autobauer 1,9 Prozent mehr. Die Industrie hatte zuletzt überraschend viele Aufträge erhalten: Das Neugeschäft wuchs im März um 5,0 Prozent im Vergleich zum Vormonat, weil sich viele Unternehmen aus Sorge vor Preissteigerungen infolge des Iran-Kriegs mit Waren eindeckten und ihre Lager aufstockten. "Die Produktion wird durch die vom Iran-Krieg ausgehenden Unsicherheiten vorerst weiter gebremst", sagte Chefvolkswirt Alexander Krüger von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank. "Produktionskosten sind gestiegen, weshalb Kapazitäten kaum besser ausgelastet werden dürften."
Belastend könnten sich die von Trump angekündigten neuen Zölle für Fahrzeugimporte aus der EU auswirken. Diese sollen von 15 auf 25 Prozent steigen. Die Vereinigten Staaten sind ein wichtiger Absatzmarkt für die deutschen Fahrzeughersteller.
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer rechnet in diesem Jahr mit einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 0,6 Prozent. "Leider ist absehbar keine Wende bei der Industrie zu erwarten", fügte IMK-Ökonom Dullien hinzu. Die höheren Energiepreise belasteten die Kaufkraft. Das wiederum dämpfe die Aussicht auf ein kräftiges Konsumplus, das in vielen Prognosen eine wichtige Säule für Aufschwungshoffnungen gewesen sei.




