Aktienselektion in unsicheren Zeiten: Auswahl zählt mehr als Richtung
Politische Unsicherheit ist aktuell ein Dauer-Störfaktor für die Märkte. Genau das sind Zeiten, in denen sich die gezielte Auswahl von Aktien lohnt, wenn dabei drei Kriterien berücksichtigt werden.
Heiko Böhmer

Politische Unsicherheit ist 2026 keine Ausnahme mehr. Sie ist das Grundrauschen, in dem alle Investmententscheidungen getroffen werden. Handelskonflikte, Wahlen, Sanktionen, neue Zölle – kaum eine Woche ohne Schlagzeile, die einen ganzen Sektor in Bewegung bringt.
Viele Anleger reagieren darauf mit zwei Reflexen. Entweder sie versuchen, den nächsten politischen Schock zu prognostizieren. Oder sie ziehen sich komplett zurück. Beides führt selten zum Ziel und sorgt für Unruhe im eigenen Portfolio. Es gibt einen dritten Weg. Und es ist gleichzeitig der älteste: bessere Aktien auswählen.
Die Richtung ist nicht der Hebel — die Auswahl ist es
In ruhigen Marktphasen kann ein Anleger sich auf den Index verlassen. Der Markt steigt, das Depot steigt mit. So einfach ist das. In politisch unruhigen Phasen funktioniert das nicht mehr. Indizes werden zur Wundertüte – manche Titel ziehen, andere bremsen, viele sind nur noch statistische Deko.
Genau dann zeigt sich, was Aktienselektion leisten kann. Nicht jeder Sektor reagiert gleich auf neue Zölle. Nicht jede Branche leidet unter geopolitischen Spannungen. Und nicht jedes Unternehmen ist gleich abhängig von politischen Wetterlagen. Hier trennt sich sehr deutlich die Spreu vom Weizen.
Drei Kriterien, die den Unterschied machen
Einige Faktoren zeichnen dabei die wirklich wunderbaren Unternehmen aus:
Erstens: Preissetzungsmacht. Wer Kosten weitergeben kann, behält die Marge – auch wenn die Eingangspreise springen. Versicherungen, Spezialchemie, dominante Markenartikler – das sind die typischen Profiteure. Wer Preisnehmer ist statt Preissetzer, gerät in solchen Phasen schnell unter Druck.
Zweitens: stabile Lieferketten. Wenn Häfen ausfallen oder neue Zölle eingeführt werden, gewinnen die Firmen, die nicht von einer einzigen Region abhängen. Diversifikation auf der Beschaffungsseite ist 2026 ein Wettbewerbsvorteil. Kein Marketing-Argument, sondern bilanziell relevant.
Drittens: klare Wettbewerbsvorteile. Marken, Netzwerkeffekte, regulatorische Barrieren, schwer kopierbare Technologie. Genau das, was Buffett als Burggraben beschrieben hat. In unsicheren Märkten zeigt sich, welche Burggräben halten – und welche bröckeln.
Was Anleger jetzt nicht tun sollten
Wer versucht Politik zu prognostizieren, der spielt ein Spiel, das selbst Profis verlieren. Wer sein Portfolio rein auf einen bestimmten Wahlausgang oder eine bestimmte Verhandlungserwartung ausrichtet, baut auf Sand. Besser: Geschäftsmodelle so wählen, dass sie unter mehreren plausiblen politischen Szenarien funktionieren.
Auch nicht hilfreich: aus Unsicherheit komplett raus aus Aktien. Wer in den vergangenen Korrekturen in Panik verkauft hat, hat die jeweilige Erholung verpasst. Solche Phasen passieren häufiger, als man denkt. Im Endeffekt gilt: Der Markt belohnt nicht den Schnellsten – er belohnt den Geduldigsten.
Fazit: Auswahl schlägt Aktionismus
Politische Unsicherheit verschwindet 2026 nicht. Aber sie macht Aktien nicht zur falschen Anlageklasse. Sie macht die richtige Aktienauswahl zur entscheidenden Disziplin. Wer auf Preissetzungsmacht, stabile Lieferketten und intakte Burggräben achtet, ist robust gegen die meisten politischen Wendungen. Wer dagegen einfach „den Markt" kauft, kauft auch jede politische Anfälligkeit mit ein. Im Grunde gilt: Die Politik bestimmt die Bühne. Aber die Auswahl bestimmt das Ergebnis.
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