Vorwürfe von Leerverkäufer setzen Ottobock-Aktie unter Druck
München, 19. Mai (Reuters) - Vorwürfe eines spekulativen Investors haben der Aktie des weltgrößten Prothesenherstellers Ottobock massiv zugesetzt. Die Papiere brachen am Dienstag um 11,3 Prozent auf 53,30 Euro ein. Das als Leerverkäufer bekannte Analysehaus Grizzly Research hatte einen kritischen Bericht zu Ottobock veröffentlicht, in dem es unter anderem um die Verpfändung der Aktien von Mehrheitsaktionär Hans Georg Näder, aggressive Bilanzierungspraktiken und die Rolle des Unternehmens in Russland geht. Grizzly wettet nach eigenen Angaben auf einen Kursverfall der Ottobock-Aktie und sieht deren Wert bei 30 Euro.
Vorstandschef Oliver Jakobi wies die Vorwürfe - soweit sie Ottobock selbst betreffen - auf der virtuellen Hauptversammlung am Dienstag zurück. Vieles in dem Bericht sei nicht neu. Zudem erhalte er "zahlreiche spekulative Behauptungen und irreführende Schlussfolgerungen".
Die meisten von Grizzly aufgeworfenen Themen waren tatsächlich bereits vor dem Börsengang im Oktober diskutiert worden, bei dem die Aktien zu 66 Euro ausgegeben worden waren. Aufsichtsratschef Näder und seine Töchter hatten das Unternehmen 2024 mit Hilfe teurer, endfälliger Kredite wieder vollständig in ihre Hand gebracht. Der schwedische Finanzinvestor EQT verkaufte seinen Minderheitsanteil von 20 Prozent damals nach sieben Jahren an die Familie zurück. Dem Grizzly-Bericht zufolge muss Näder 2030 einschließlich aufgelaufener Zinsen rund 2,36 Milliarden Euro tilgen. Das könne er nur tun, indem er Ottobock-Aktien zu Geld mache - was Verkaufsdruck auf die Aktie auslöse. "Wir sehen, dass ein Damoklesschwert über den Minderheitsaktionären hängt", heißt es in dem Bericht.
Auch das Russland-Geschäft von Ottobock hatte die Anleger beim Börsengang nicht gestört. Medizintechnik unterliegt keinen Sanktionen, Ottobock hatte betont, keine russischen Soldaten mit Prothesen und anderen Hilfsmitteln zu versorgen. Laut Grizzly Research geht das Unternehmen aber mit den Kontrollen lax um. Das russische Fernsehen habe Soldaten gezeigt, die Prothesen von Ottobock bekommen hätten. Geschätzt 35 Prozent des Nettogewinns würden in Russland erwirtschaftet, während die Margen im Westen unter Druck seien. Jakobi wies die Behauptungen zurück: "Die Tätigkeit in Russland ist vollständig auf die zivile Versorgung der Bevölkerung ausgerichtet und steht im Einklang mit sämtlichen anwendbaren Sanktionsvorschriften der Europäischen Union." Die Bilanzierung von Ottobock sei transparent und von Wirtschaftsprüfern bestätigt worden.
(Bericht von Alexander Hübner.Mitarbeit: Paolo Laudani. Redigiert von Olaf Brenner. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)



