Hormus-Durchfahrten kehren womöglich nie auf altes Niveau zurück
Maximilian Nagel

Der Preis für Rohöl ist in der vergangenen Woche weiter abgerutscht. Der Kurs für ein Barrel (159 Liter) der globalen Benchmark-Sorte Brent war mit knapp 92 Dollar so günstig wie seit Mitte April nicht mehr. An den Märkten reagieren die Investoren so langsam darauf, dass es wohl bald zu einem Abkommen zwischen den USA und dem Iran kommt, und der Iran-Krieg ein Ende finden könnte. Umgekehrt stiegen die Aktienmärkte, im Falle der US-Indizes sogar auf neue Rekorde.
Auch an den Terminmärkten fielen die Preise merklich, zeigen Daten der Chicagoer Terminbörse CME. Allerdings notieren viele Rohöl-Futures für die Auslieferung des Öls noch in diesem Jahr mit Kursen zwischen 78 und 87 Dollar weiter auf einem weitaus höheren Niveau als zu Jahresbeginn, ebenso wie der Spot-Preis.
Wie lange die Preise erhöht bleiben, gemessen an den Niveaus zu Jahresbeginn, und so einen treibenden Effekt auf die Inflation haben, hängt davon ab, ob sich die Versorgung aus dem Nahen Osten bald normalisiert. Entscheidend dafür ist die Straße von Hormus. Über den Seeweg wird rund ein Fünftel des globalen Angebots an Öl und Flüssiggas verschifft.
Weiterhin kaum Durchfahrten durch Hormus
Seit Beginn der Kampfhandlungen Ende Februar ist der Verkehr über den Seeweg praktisch zum Erliegen gekommen. Am 18. April kam es zuletzt zu einer signifikanten Anzahl an Durchfahrten, mit insgesamt 29 Schiffen, wie Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigen. Üblich waren vor dem Krieg aber oft mehr als 100 Durchfahrten, jeden Tag. Aktuell passiert oft nur eine einstellige Anzahl an Schiffen täglich den Seeweg.
Womöglich wird das Niveau der Passagen nie wieder auf das Level vor den Kampfhandlungen steigen, mahnten nun Experten gegenüber "CNBC". Ein Faktor: Zuvor habe niemand die Straße von Hormus kontrolliert. Das habe sich nun geändert. Amos Hochstein, unter Ex-Präsident Joe Biden Sicherheitsberater der US-Regierung, sagte gegenüber "CNBC", dass viele Landesführer im Nahen Osten glauben, dass der Iran die Kontrolle über den Seeweg bereits ausübt.
"Egal, was passiert, die Iraner kontrollieren die Straße auf absehbare Zeit. Es wird noch nicht einmal relevant sein, was letztlich in einem Abkommen stehen mag. So denken alle in der Region", so Hochstein. Analysten ergänzten, dass die Durchfahrten definitiv abnehmen werden, sollte der Iran die Kontrolle behalten.
Schätzungen gehen dabei von 60 bis 70 Prozent der Passagen aus, die es vor dem Konflikt durch die Meerenge gab. Schiffe, die China ansteuern, dürften dabei freie Fahrt haben, während westliche Tanker wohl mit dem Iran die Durchfahrt verhandeln müssen, wie Richard Meade vom Branchenblatt "Lloyd's List" erklärte. Meade fügte an. "Das wird keine Rezession auslösen, wie es in manchen düsteren Szenarien suggeriert wird, aber es wird ebenso keine Erholung auf Vorkriegsniveaus ermöglichen."
Einen Vergleich gebe die Meeresstraße Bab-al-Mandab am Horn von Afrika. Dort attackierten Huthi-Rebellen Ende 2023 Frachtschiffe als Antwort auf Israels Krieg in Gaza. Die Angriffe hielten zwei Jahre lang an. Die Zahl der Durchfahrten durch den Seeweg ins Rote Meer kollabierte daraufhin, und hat sich seitdem nicht normalisiert, obwohl es seit Ende vergangenen Jahres keine Angriffe mehr gegeben hat.
Rohöl-Versorgung könnte längerfristig gestört bleiben
Das Beispiel der Bab-al-Mandab-Straße zeige ebenso, dass für die Blockade eines Seewegs keine große Marine notwendig ist, so ein Analyst von "Lloyd's List" gegenüber "CNBC". Ein wichtiger Unterschied dabei: Bei diesem Seeweg haben Reedereien die Alternative, Routen um Afrika herum zu befahren, anstatt eine Durchfahrt zu riskieren.
Das ist bei der Straße von Hormus anders. Auch Überland-Pipelines im Nahen Osten können den Wegfall der Straße als Exportroute für Rohöl nicht kompensieren, wobei Staaten wie etwa die Vereinigten Arabischen Emirate bereits an neuen Überland-Leitungen arbeiten.
Die globale Versorgung mit Rohöl könnte also längerfristig beeinträchtigt bleiben, selbst, wenn sich die Kontrahenten auf ein Abkommen einigen. Sollte der Iran die Kontrolle über die Straße von Hormus behalten, und beispielsweise Transitgebühren erheben, wäre das ein stützender Faktor für die Ölpreise, zumindest mittelfristig.


