Neue Studie

Die meisten Aktien laufen selbst langfristig grottig

onvista · Uhr

Wer bei Aktien nur lange genug dabei ist, verdient auf jeden Fall? Stimmt so leider nicht, zeigt eine Studie. Die Durchschnitts-Aktie schneidet sogar richtig schlecht ab.

Artikel teilen:
Quelle: Alf Ribeiro/Shutterstock.com

Hätte man doch nur Anfang des Jahres in Infineon investiert. In rund fünf Monaten hat sich der Kurs des im Dax notierten Chipherstellers mehr als verdoppelt. Wer diesem Ratschlag allerdings schon im Jahr 2000 gefolgt wäre, hätte statt einer Rally eine böse Überraschung erlebt.

Auch damals ging es mit dem Kurs steil nach oben, bis auf bis heute unerreichte 93,60 Euro je Aktie. Danach folgte aber ein Abverkauf bis in den Cent-Bereich. Es brauchte mehr als zwei Jahrzehnte und einen beispiellosen KI-Boom, damit es Infineon wieder auf alte Kursniveaus schafft.

Infineon ist ein mahnendes Beispiel

Auch wenn es zuletzt hervorragend lief, ist gerade dieser Kursverlauf ein mahnendes Beispiel dafür, welches Risiko Einzelaktien mit sich bringen. Das Motto „wer nur lange genug dabei ist, macht praktisch garantiert Gewinne“ gilt eben nur für den gesamten Markt, nicht für einzelne Aktien.

Infineon-Käufer im Jahr 2000 saßen (oder sitzen schlimmstenfalls noch) auf Verlusten, während der Markt rascher wieder tatsächlich wuchs. Tatsächlich ist es sogar die Norm, dass Durchschnitts-Aktien eher Verluste als Gewinne bringen, auch langfristig. Das zeigt eine neue Studie zum US-Markt.

Hendrik Bessembinder, Finanzprofessor an der Universität Arizona, hat dafür die Renditen von fast 30.000 US-Aktien über den Zeitraum zwischen Januar 1926 und Dezember 2025 analysiert. Die überraschende Erkenntnis: Die durchschnittliche „Buy-and-Hold“-Rendite aus dieser Stichprobe liegt bei enormen 30.621 Prozent.

Auf die ganzen 100 Jahre gerechnet wären das zwar nur rund sechs Prozent pro Jahr. Die meisten Aktien gehörten jedoch nicht über den kompletten Zeitraum der Stichprobe an; die echte Rendite pro Jahr liegt also über besagten sechs Prozent.

Nicht mal jede zweite Aktie liegt im Plus

Das große Aber dabei: Die Median-Rendite über alle Aktien hinweg beträgt minus 6,9 Prozent. Das heißt, dass mehr als die Hälfte der untersuchten Aktien Kapital vernichtet hat, statt es zu vermehren. Nur 48,2 Prozent aller Aktien brachten überhaupt eine positive Rendite.

Median und Durchschnitt: Während der Durchschnitt schlicht der gemittelte Wert der Ausprägungen in einer Stichprobe ist, teilt der Median-Wert die Stichprobe in genau zwei gleich große Hälften. Der Median-Wert liegt genau zwischen diesen beiden Hälften.

Bestandsprovision, Spread, PFOF
Diese Kosten der Geldanlage kennen viele nicht14.05.2026 · 16:00 Uhr · onvista
Diese Kosten der Geldanlage kennen viele nicht

Auch beim Vergleich mit praktisch risikolosen Renditen geben Aktien ein mäßiges Bild ab. Dafür verglich Bessembinder die Aktien mit sogenannten T-Bills mit einer Laufzeit von einem Monat. Berücksichtigt wurde dabei der Zeitraum, in welchem eine individuelle Aktie Teil der Stichprobe war.

Denn während die gesamte Studie 100 Jahre untersucht, war die Durchschnitts-Aktie nur 11,7 Jahre in der Stichprobe enthalten, im Median sogar nur 6,8 Jahre. Einerseits kamen manche Aktien erst vor Kurzem in die Stichprobe, andere Aktien wiederum fielen aufgrund von Delistings, Fusionen und Übernahmen wieder heraus.

In der Betrachtung einzelner Jahrzehnte zeigt sich genau das gleiche Muster, wie die obige Tabelle zeigt. Die Durchschnitts-Rendite über alle Aktien hinweg liegt über zehn Jahre immer deutlich über dem Median, der teilweise sogar stark negativ ausfiel. Lange Haltezeiträume schützen demnach nicht zwangsweise vor Verlusten.

Nur vier von zehn Aktien waren besser als Anleihen

In den jeweiligen individuellen Zeiträumen schafften es zudem lediglich 41,2 Prozent der Aktien, gegenüber den T-Bills eine „Risikoprämie“ zu erzielen, also eine höhere Rendite, die die größeren Risiken von Aktien gegenüber kurzlaufenden Anleihen wie T-Bills auch rechtfertigt.

Das ist erstaunlich, da das gesamte Aktienportfolio über 100 Jahre den Vergleich mit T-Bills mühelos gewinnt. Über dieses Jahrhundert hinweg rentierten T-Bills mit annualisiert 3,3 Prozent. Der Korb der rund 30.000 Aktien wiederum stieg über den gesamten Zeitraum hinweg um 1,5 Millionen Prozent (!), was einer jährlichen Rendite von 10,1 Prozent entspricht.

Der enorme Unterschied zu den oben erwähnten knapp sechs Prozent durchschnittlicher Rendite für Aktien kommt zustande, weil die Wertentwicklung des Korbs von 30.000 Aktien insgesamt betrachtet wird. Hier schlägt zu Buche, dass besonders große Aktien wie Apple oder Nvidia einen großen Teil der Wertentwicklung ausmachen. Bei der Betrachtung der Durchschnitts-Rendite dagegen zählt jede Aktie gleich viel.

Wird übrigens die Wertschöpfung einzelner Aktien verglichen, zeigt sich eindrucksvoll, wie scheinbar geringe Unterschiede im jährlichen Zuwachs über Jahrzehnte gigantische Effekte bei der kumulierten Wertschöpfung haben. Von allen Aktien brachte der Tabakkonzern Altria, zuvor bekannt als Philip Morris, den größten kumulierten Wertzuwachs über den gesamten Betrachtungszeitraum. Für einen einzigen 1925 investierten US-Dollar hätten Anleger nun 4,4 Millionen Dollar (und wären tot).

Dabei liegt die aufs Jahr runter gerechnete Wachstumsrate bei Altria bei 16,5 Prozent, „nur“ gut zweieinhalb Prozentpunkte über dem zweitplatzierten Konzern, dem Baustoffhersteller Vulcan Materials. „Altrias annualisierte Rate ist nur um den Faktor 1,18 größer als bei Vulcan, doch der kumulierte Wertzuwachs ist 8,8 Mal größer als bei Vulcan“, kommentiert Bessembinder. Dieser Datenpunkt stütze die Aussage des Börsenweisheit, dass Zeit im Markt wichtiger sei als das korrekte Timing („time in the market beats timing the market“), so der Finanzexperte.

Den Aktienmarkt als Ganzes schlagen nur ganz wenige Aktien

Wichtig bleibt aber eben die Auswahl. Denn werden individuelle Aktien mit dem gesamten Aktienmarkt verglichen, schrumpft die Zahl wirklich rentabler Titel noch weiter. Nur 27,6 Prozent der Aktien erzielten in den Zeiträumen, in denen sie zur Stichprobe gehörten, eine bessere Rendite als der Gesamtmarkt.

Insgesamt zeigt sich also: Weniger als ein Drittel der Aktien bietet überhaupt eine bessere Rendite als der Markt. Nur rund 41 Prozent der Aktien lohnen sich mehr als eine risikofreie Anlage in kurzlaufende T-Bills. Umgekehrt brockt jede zweite Aktie dem Käufer, der einen „buy-and-hold“-Ansatz verfolgt, einen Verlust ein.

Chance für Anleger?
Diese drei Aktien sind Übernahmekandidaten14.05.2026 · 05:09 Uhr · onvista
Zwei Menschen im Anzug schütteln Hände

Für diese Ergebnisse gebe es eine klare Erklärung, so Bessembinder: „Die Verzinsung zufälliger Renditen führt zu einer starken positiven Asymmetrie in der Verteilung, besonders über lange Zeiträume.“ Wenige, besonders starke Aktien verzerren hier den Schnitt, weil Gewinne theoretisch unbegrenzt sind, während Verluste niemals größer als 100 Prozent sein können.

Dieser Fakt an sich sollte jedem klar sein, zumal es in den vergangenen Jahren bei so mancher Aktie zu Kursanstiegen jenseits von 100 oder gar mehreren hundert Prozent kam. Was diese Zahlen aber nochmals unterstreichen, ist die Tatsache, dass du eben „den Markt“ besitzen musst, um langfristig in jedem Fall eine positive Rendite zu erzielen. Die statistische Median-Aktie liefert eine miese Kursentwicklung.

Über ETFs haben Anleger immer die rentabelsten Aktien

Noch interessanter werden diese Ergebnisse, wenn sie in Verbindung mit einer Studie aus dem vergangenen Jahr betrachtet werden. Strategen der US-Investmentbank Morgan Stanley zeigten 2025 anhand der gleichen Daten auf, dass die durchschnittliche Aktie (zwischen 1985 und 2024) zwischenzeitlich 80 Prozent ihres Werts verliert. Der maximale Verlust der Median-Aktie lag sogar bei 85,4 Prozent.

Und: 54 Prozent der Aktie, gut jede zweite, schafften es nach einem solchen Kursverfall nie wieder, alte Rekorde zu erreichen. Noch würde übrigens die eingangs erwähnte Infineon-Aktie, trotz der jüngsten Gewinne, in diese Statistik fallen.

Analyse von Morgan Stanley
In diesem Punkt sind ETFs Einzelaktien klar überlegen - und deshalb unverzichtbar27.06.2025 · 14:30 Uhr · onvista
Ein Kurschart vor einer Dollar-Note.

Damit bestätigt sich – erneut –, dass die Märkte sowohl kurz- als auch langfristig von einigen wenigen starken Aktien getragen werden. Umso bedeutender bleibt es für die langfristige Geldanlage, im Zweifel die rentabelsten Aktien über „den Markt“ zu besitzen, sprich, über einen ETF auf breite Indizes wie den S&P 500 und den MSCI World.

Noch mehr onvista? Abonniere jetzt unseren Youtube-Kanal und verpass kein neues Börsen-Video mehr.

Das könnte dich auch interessieren

Börse am Morgen 08.06.2026
Dax fällt zum Handelsstart - Chipaktien-Ausverkauf hält anheute, 07:32 Uhr · onvista
Dax Logo
Vorbörse 08.06.2026
Dax dürfte mit Verlusten starten - US-Zinsängste belastenheute, 05:59 Uhr · onvista
Jemand geht vor dem Dax-Logo vorbei.
Dax Tagesrückblick 08.06.2026
Dax verringert Verluste - Chip-Werte erholen sichheute, 15:50 Uhr · onvista
Dax verringert Verluste - Chip-Werte erholen sich
Aktien New York Ausblick
Wall Street dürfte nach Nasdaq-Rutsch wieder Gewinne verbuchenheute, 13:01 Uhr · dpa-AFX
Das Straßenschild der Wall Street
Plus-Analysen
Minus fünf Prozent
Drei Gründe: Warum Tech-Aktien am Freitag so abrutschtenheute, 13:42 Uhr · onvista
Kolumne von Stefan Riße
Chat GPT, Gemini, Claude & Co. sind keine Portfoliomanager06. Juni · onvista-Partners
Abseits von Gold und Silber
So holst du dir Platin und Co. ins Depot05. Juni · onvista