BASF-Chef gibt Weltspitze ab: "Größe per se ist kein Ziel"
Frankfurt, 09. Jun (Reuters) - Angesichts des rasanten Wachstums chinesischer Konkurrenten und erwarteter Mega-Fusionen im Nahen Osten stellt sich BASF-Chef Markus Kamieth auf den Verlust der weltweiten Marktführerschaft ein. Der Ludwigshafener Chemiekonzern werde seinen Spitzenplatz beim Umsatz auf absehbare Zeit einbüßen, doch "Größe per se ist für uns kein Ziel", sagte Kamieth am Montagabend vor dem Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten (ICFW). "Wir werden vielleicht nicht mehr das größte Unternehmen der Welt sein, da werden uns andere in der schieren Größe überholen. Aber wir werden eines der werthaltigsten Unternehmen in unserer Branche bleiben."
Die Chemieindustrie befinde sich derzeit in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Das Umfeld sei "so schwierig wie seit mindestens 25 Jahren nicht mehr". Die Kräfteverhältnisse auf dem Weltmarkt verschieben sich laut Kamieth rasant: Je nach Zählweise seien chinesische Konzerne wie Sinopec oder PetroChina beim Umsatz bereits heute größer. Tatsächlich liefern sich die Ludwigshafener mit Sinopec bereits ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das maßgeblich von Währungsschwankungen abhängt: Mit Erlösen von 59,7 Milliarden Euro (rund 68,9 Milliarden Dollar) 2025 lag BASF nur noch hauchdünn vor der Chemiesparte des chinesischen Rivalen, die auf 464 Milliarden Yuan (etwa 68,5 Milliarden Dollar) kam. Zudem rechnet Kamieth damit, dass im Nahen Osten durch Zusammenschlüsse neue Chemiegiganten entstehen.
Dieser erstarkenden internationalen Konkurrenz stehe eine Schwäche im Heimatmarkt gegenüber. Wegen der schwierigen Rahmenbedingungen in Europa hätten viele heimische Kunden der Chemieindustrie ihre Exportfähigkeit eingebüßt, erklärte der Manager. Gleichzeitig sei China deutlich autonomer geworden. Die Volksrepublik werde in den kommenden fünf bis sechs Jahren drei Viertel des weltweiten Wachstums im Chemiemarkt ausmachen. "Auf den Markt wollen wir einfach nicht verzichten", verteidigte Kamieth das starke Engagement von BASF in Fernost. BASF hat kürzlich seinen neuen Verbundstandort im südchinesischen Zhanjiang eröffnet – mit rund neun Milliarden Euro die größte Einzelinvestition in der Unternehmensgeschichte.
Für die zweite Jahreshälfte bleibt Kamieth angesichts von Inflationsdruck und drohenden Störungen in den Lieferketten vorsichtig. Dennoch zeigte er sich für den Heimatmarkt zuversichtlich: "Europa wird nicht nur eine Chemieindustrie brauchen, es wird auch eine starke Chemieindustrie haben." Als größte Hürde für den Standort sieht der BASF-Chef die Kosten der grünen Transformation. "Die grüne Transformation ist technisch möglich. Sie aber wirtschaftlich zu gestalten, ist wahnsinnig herausfordernd." Das Hauptproblem sei die mangelnde Zahlungsbereitschaft der Kunden. "Der Verbraucher in Deutschland, in Europa und nirgendwo auf der Welt kauft freiwillig grüne Produkte." Niemand sei bereit, an der Supermarktkasse einen Aufpreis für ein CO2-neutral hergestelltes Shampoo zu zahlen.
Die Politik müsse sich von der Vorstellung verabschieden, ohne Zwischenschritte direkt in eine grüne Welt springen zu können. Die europäische Regulierung gehe fälschlicherweise davon aus, dass der Übergang von einer fossilen in eine klimaneutrale Wirtschaft in einem einzigen Schritt gelingen könne. "Der Sprung ist zu weit", warnte Kamieth. Stattdessen brauche es einen pragmatischen Ansatz und machbare Zwischenetappen, um die Industrie nicht zu überfordern.
Scharfe Kritik übte der Manager in diesem Zusammenhang erneut am europäischen Emissionshandel (ETS). Das System in seiner heutigen Ausgestaltung verleite Unternehmen wie BASF dazu, Produktion in Europa stillzulegen und Produkte stattdessen zu importieren. Man dürfe nicht davon ausgehen, dass ein steigender CO2-Preis automatisch zu Hochrisikoinvestitionen in grüne Technologien führe. Wenn Europa bei der CO2-Bepreisung im weltweiten Wettbewerb vorpresche, zerstöre dies Wirtschaftskraft, Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Als Beispiel nannte Kamieth die Ammoniak-Produktion: Während in Europa pro Tonne 100 Euro CO2-Abgabe fällig würden, falle dies im Rest der Welt nicht an. "Ob wir unter dem ETS-System, so wie es heute angelegt ist, noch lange Ammoniak in Europa machen werden, das wage ich nicht zu behaupten."
Kamieth warnte davor, die heimische Industrie durch überambitionierte Klimaziele zu gefährden, und verwies auf die Verhältnismäßigkeit. Die gesamten weltweiten CO2-Emissionen von BASF entsprächen denen eines einzelnen Kohlekraftwerks. Man müsse sich die Frage stellen, ob es sinnvoll sei, für weitere Einsparungen gut bezahlte Industriearbeitsplätze zu gefährden. Die Industrie habe der Politik in der Vergangenheit womöglich fälschlicherweise das Gefühl vermittelt, die Transformation sei problemlos aus eigener Kraft zu stemmen. Nun zeige sich jedoch die Realität. "Wir wollen einen machbaren Klimaschutz", resümierte der Konzernchef.
(Bericht von Patricia Weiß, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)


