Wirtschaft stemmt sich gegen Iran-Krise - Exporte und Produktion steigen
Berlin, 09. Jun (Reuters) - Die deutsche Wirtschaft ist besser als erwartet ins Frühjahrsquartal gestartet. Trotz der Belastungen durch den Iran-Krieg stiegen im April sowohl die Exporte als auch die Produktion. Die Ausfuhren wuchsen wegen der höheren Nachfrage aus Europa und den USA um 0,9 Prozent zum Vormonat auf 136,6 Milliarden Euro, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Das war bereits der dritte Anstieg in Folge. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten dagegen mit einem Rückgang von 0,5 Prozent gerechnet. Industrie, Bau und Energieversorger stellten zudem 0,4 Prozent mehr her als im März - der erste Anstieg nach vier Rückgängen in Folge.
Bundesregierung, Wirtschaftsverbände und Ökonomen sehen aber keinen Aufschwung. "Die Industriekonjunktur stellt sich zu Beginn des zweiten Quartals vor dem Hintergrund des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten und der gestiegenen Energiepreise recht verhalten dar", betonte das Wirtschaftsministerium. Neben der zuletzt schwächeren Auftragsentwicklung dürften auch zunehmend angespannte Lieferketten in einigen Bereichen dämpfen.
Ähnlich äußerte sich die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK). "Die deutschen Ausfuhren nehmen leicht zu, aber nur auf dem Papier", sagte deren Außenwirtschaftschef Volker Treier. Die kriegsbedingt gestiegenen Öl-, Gas- und Rohstoffkosten blähten die Ex- und Importpreise auf. Real - also inflationsbereinigt - legten die Ausfuhren dagegen kaum zu, sagte Treier. Auch die Produktion komme nicht vom Fleck.
NICHT SO SCHLECHT WIE BEFÜRCHTET
Zumindest könnte Europas größter Volkswirtschaft ein Schrumpfen des Bruttoinlandsproduktes im laufenden zweiten Quartal erspart bleiben, nachdem es im ersten Vierteljahr noch zu einem Wachstum von 0,3 Prozent gereicht hatte. "Alles in allem war der Start ins zweite Quartal nicht so schlecht, wie man vielleicht angesichts dieser Ausgangslage befürchten konnte", sagte Ökonom Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Viele Experten würden zwar im zweiten Quartal ein Minus erwarten. "Das lässt sich mit den bisherigen Daten indes noch nicht bestätigen", sagte Niklasch.
Die Exporte in die EU-Staaten zogen im April um 1,0 Prozent auf 79,1 Milliarden Euro an. Die meisten Ausfuhren in ein einzelnes Land gingen trotz der Belastungen durch hohe Zölle erneut in die USA: Dorthin wurden deutsche Waren im Wert von 11,4 Milliarden Euro geliefert, das waren 1,8 Prozent mehr als im Vormonat. Das deutsche China-Geschäft schrumpfte dagegen: Die Ausfuhren in die Volksrepublik sanken um 3,5 Prozent zum Vormonat auf 5,8 Milliarden Euro.
"FISKALPAKET ZÜNDET NOCH NICHT"
Bei der Produktion zeigt sich ein gemischtes Bild: Der Ausstoß in der Industrie allein stagnierte im April. Hier standen Anstiege in der Chemie- (+2,1 Prozent) und Metallbranche (+1,6 Prozent) einem starken Rückgang in der Automobilindustrie (-4,7 Prozent) gegenüber. "Bislang hat das Fiskalpaket noch nicht gezündet", sagte der Chefvolkswirt der Privatbank Hauck Aufhäuser Lampe, Alexander Krüger, mit Blick auf die staatlichen Investitionen in Aufrüstung und Infrastruktur. "Der Iran-Krieg entschuldigt das zum Teil, weil Produktionsmittel fehlen."
Die Energieerzeugung wurde im April um 0,2 Prozent erhöht. Im Baugewerbe ging es spürbar um 2,4 Prozent nach oben. "Das könnten witterungsbedingte Einflüsse gewesen sein", sagte LBBW-Experte Niklasch. "Hier ist wohl das Wetter der Wohltäter."
Ob der Aufwärtstrend bei den Exporten anhält, ist fraglich: Die Stimmung in der deutschen Exportwirtschaft ist aktuell so schlecht wie seit über einem Jahr nicht mehr, wie das Münchner Ifo-Institut bei seiner Unternehmensumfrage herausfand. "Trotz einer Erholung des Exportgeschäfts im ersten Quartal bleiben die Aussichten schwierig", sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. "Die geopolitische Unsicherheit ist weiterhin hoch." Zu einem ähnlichen Befund kommt die DIHK, die 23.000 Unternehmen befragt hat. Demnach rechnen 29 Prozent der Industriebetriebe mit sinkenden Ausfuhren, nur 19 Prozent mit steigenden. "Die ersten Anzeichen einer Exporterholung zu Jahresbeginn hat der Nahost-Schock zunichtegemacht", so die DIHK.
(Bericht von Rene Wagner und Klaus Lauer, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)


