EZB erhöht Zins erstmals seit fast drei Jahren
- von Rene Wagner
Frankfurt/Berlin, 11. Jun (Reuters) - Die Europäische Zentralbank (EZB) erhöht wegen der stark gestiegenen Inflation infolge des Iran-Kriegs erstmals seit fast drei Jahren ihren Leitzins. Die Währungshüter setzten den Einlagensatz am Donnerstag auf 2,25 von 2,0 Prozent herauf. Über ihn steuert die EZB maßgeblich ihre Geldpolitik, auch die Tages- und Festgeldzinsen für Sparer orientieren sich daran. "Der Krieg im Nahen Osten erzeugt Inflationsdruck", begründete EZB-Präsidentin Christine Lagarde auf einer Pressekonferenz in Frankfurt den Schritt. Befeuert von hohen Energiekosten ist die Teuerungsrate im Euroraum im Mai mit 3,2 Prozent deutlich über das EZB-Ziel von 2,0 Prozent hinausgeschossen. Während Ökonomen die Anhebung verteidigten, kam Kritik von Gewerkschaften und Wirtschaftsvertretern: Sie befürchten negative Folgen für die ohnehin schwache Konjunktur.
Lagarde ließ offen, ob eine weitere Zinserhöhung folgen wird. "Wir werden die angemessene geldpolitische Ausrichtung datenbasiert und in jeder Sitzung neu festlegen", sagte die EZB-Chefin. "Wir legen uns nicht im Voraus auf einen bestimmten Zinspfad fest." Stattdessen werde datenbasiert von Sitzung zu Sitzung entschieden. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen rechnen nach den Sommerferien mit dem nächsten Schritt nach oben. "Eine weitere Zinserhöhung im September, und das war's", erwartet der Europa-Chefökonom bei der Deutschen Bank, Mark Wall.
"DER RICHTIGE SCHRITT"
Grund dafür: Die Inflationsrate dürfte nach Prognosen der EZB-Ökonomen erst 2028 wieder die Zwei-Prozent-Zielmarke erreichen. Für 2026 hoben sie ihre Inflationsprognose von 2,6 auf 3,0 Prozent an, für 2027 von 2,0 auf 2,3 Prozent. "Unser Job ist Preisstabilität", sagte Lagarde. Sie wies darauf hin, dass der EZB-Rat seine Entscheidung zur Anhebung der Zinsen einstimmig getroffen habe. "Wir haben keine anderen Alternativvorschläge diskutiert oder erörtert."
Experten hatten mit der geldpolitischen Straffung gerechnet. "Da die Inflation im Euroraum drei Prozent überschritten hat und wenig Aussicht auf Entspannung im Iran-Konflikt besteht, ist eine Zinserhöhung jetzt der richtige Schritt", sagte der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest. Die EZB will unbedingt sogenannte Zweitrundeneffekte vermeiden, durch die sich die Inflation immer weiter in der Wirtschaft festsetzt: Wenn die Teuerung zu steigenden Löhnen und Preiserhöhungen von Unternehmen führt, könnten diese Effekte die Inflation über längere Zeit hochtreiben. "Eine Zinserhöhung wird den Ölpreis nicht senken", betonte Lena Dräger vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). "Sie dient vielmehr dazu, die Glaubwürdigkeit der EZB im Kampf gegen die Inflation zu wahren und die Erwartungen zu stabilisieren, bevor sich der Schock dauerhaft festsetzt."
KRITIK VOM DGB
Höhere Zinsen können aber auch die Konjunktur dämpfen, da dadurch Kredite für Investitionen teurer werden. Gewerkschaften haben deshalb von einer Zinserhöhung abgeraten. "Eine Zinserhöhung wäre in der gegenwärtigen Situation ein schwerer Fehler und würde die wirtschaftliche Erholung mutwillig noch weiter abwürgen", sagte der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Stefan Körzell, zu Reuters. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Euro-Zone ist im ersten Quartal um 0,2 Prozent geschrumpft, womit der Währungsraum mit einem Bein in der Rezession steht. Die EZB-Volkswirte senkten auch deshalb ihre Wachstumsprognosen. Im laufenden Jahr soll das BIP der Euro-Zone nur noch 0,8 Prozent wachsen, 2027 um 1,2 Prozent. Im März wurden noch 0,9 und 1,3 Prozent vorausgesagt.
Auch in der Wirtschaft stoßen höhere Zinsen deshalb auf Kritik. "Die jüngsten Inflationszahlen sind alarmierend", sagte der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Dirk Jandura. Dennoch sei die Zinserhöhung "verfrüht". Die deutsche Wirtschaft kämpfe mit einer schwachen Nachfrage, zurückhaltenden Investitionen und hohen Kostenbelastungen. Höhere Zinsen könnten die Finanzierung von Investitionen zusätzlich verteuern. "Viele mittelständische Unternehmen finanzieren Modernisierungen, Digitalisierung, Lagerhaltung oder die Transformation ihrer Geschäftsmodelle über Kredite", sagte Jandura. "Steigende Zinsen erhöhen diese Kosten unmittelbar und bremsen notwendige Investitionen." Das schwäche Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung.
ANGST VOR DEM GLEICHEN FEHLER
Nach Beginn der Angriffe der USA und von Israel auf den Iran am 28. Februar sind die Energiepreise stark gestiegen. Die Zentralbank will verhindern, dass es wieder zu einem Inflationsschub kommt wie 2022, als Russlands Invasion in der Ukraine die Teuerungsrate auf zeitweilig über zehn Prozent steigen ließ. Die EZB stand damals in der Kritik - auch weil sie die Teuerungswelle zu lange unterschätzt hatte.
"Die wirtschaftliche Situation unterscheidet sich von der Phase hoher Inflation nach Pandemie und Energiekrise infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine", sagte Florian Heider vom Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung (Safe). Heute sei die Nachfrage schwach, die Wirtschaft stecke in Strukturumbrüchen. Zugleich seien die Folgen für die Inflation unklar. "Es ist daher richtig, dass die EZB derzeit keine weiteren Zinsschritte signalisiert", sagte Heider.
(Bericht von Rene Wagner, Mitarbeit von Lena Rueckerl und Klaus Lauer, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)


