Das Wichtigste ist jetzt, überhaupt zu investieren
Die Inflation sowohl in den USA und Europa ist hoch, die Straße von Hormus kann noch lange zu bleiben. Angesichts dessen ist es wichtig, am Aktienmarkt engagiert zu bleiben.
Heiko Böhmer

Manchmal sitzt man in einem Vortrag und spürt: Das hier ist mehr als Konjunkturanalyse. Das ist ein Lagebericht über die Welt.
Genau so war es bei der Kapitalmarktkonferenz von Donner & Reuschel in dieser Woche in Hamburg. Carsten Mumm, der Chefvolkswirt von Donner & Reuschel, und Professor Peter Neumann vom King’s College London standen auf der Bühne und ordneten die Globale Neuordnung ein – mal wirtschaftlich, mal politisch. Zwei sehr unterschiedliche Perspektiven — und doch ein gemeinsames Bild: Die tektonischen Platten verschieben sich. Schon seit einer Weile. Und die Bewegung wird schneller.
Inflation bleibt, Wachstum ist knapp
Fangen wir mit dem an, was viele am liebsten verdrängen: Inflation. In den USA liegt sie bei 4,2 Prozent. Präsident Donald Trump hat öffentlich gesagt, er liebe Inflation — das war kein Scherz, das war Programm. Stablecoins auf Dollar-Basis sichern die globale Dollar-Dominanz. Konjunkturpakete, mögliches Helikoptergeld vor den Midterms: All das ist kein Zufall. Es ist Methode und kann uns in den kommenden Monaten überraschen.
In Deutschland sieht es nicht besser aus. Die Stimmung ist so schlecht wie zuletzt zu Beginn der Corona-Pandemie. Trotz milliardenschwerer Konjunkturpakete und drei Prozent Inflation wächst die Wirtschaft bestenfalls mit 0,5 Prozent. Und das schon seit Jahren. Der Reformstau, der das ermöglicht hat, ist noch immer nicht aufgelöst.
Das heißt im Klartext: Wer sein Geld einfach hält, verliert. Die Inflation frisst es auf — still und leise. Das ist das eigentliche Risiko für Anleger. Nicht ein Marktcrash, sondern das Nichtstun.
Die tektonischen Platten
Professor Neumann hat es nüchtern formuliert: Wir erleben nicht eine Krise des Westens. Wir erleben das Ende seiner Dominanz. Drei Entwicklungen laufen parallel.
Erstens: Der Westen schrumpft. Vor 100 Jahren war ein Drittel der Weltbevölkerung europäisch. Heute sind es zehn Prozent — und die Wirtschaftskraft folgt.
Zweitens: China und andere werden größer. 1990 gehörten zwei Prozent der Chinesen zur Mittelklasse. Heute sind es 50 Prozent.
Drittens: Traditionelle Verbündete setzen sich ab. Die Russland-Sanktionen werden nur vom Westen mitgetragen. Südamerika, Afrika, der Nahe Osten folgen eigenen Interessen. Die Welt in 30 Jahren wird weniger westlich, weniger demokratisch sein. Das ist keine Untergangsrhetorik — das sind Bevölkerungsstatistiken und Wachstumsraten.
Mark Carney, der kanadische Premierminister, hat es beim Weltwirtschaftsforum in Davos auf den Punkt gebracht: „Wir sind nicht mehr mit am Tisch — wir stehen auf der Speisekarte.“ Europa täte gut daran, diesen Satz ernst zu nehmen.
KI: Nicht schwarz, nicht weiß
Inmitten dieser Verschiebungen gibt es einen echten Lichtblick — wenn man ihn richtig einordnet. Künstliche Intelligenz (KI). Inzwischen setzen 54 Prozent der deutschen Unternehmen künstliche Intelligenz ein. Noch vor einem Jahr waren es erst 40 Prozent. Die Implementierung beschleunigt sich.
Jobs werden nicht massenhaft wegfallen — das ist die Botschaft der Ökonomen. Aber Lohnstückkosten sinken, Effizienz steigt, neue Unternehmen entstehen. In den USA massiv. China holt auf. Beide Regionen wachsen.
Europa? Spielt hier keine Rolle. Das ist kein Jammern — das ist eine Feststellung. Und ein Auftrag.
Was bedeutet das für Anleger?
Drei Erkenntnisse bleiben.
Erstens: Aktien bleiben das richtige Instrument in einer Welt mit dauerhafter Inflation über zwei Prozent. Sachwerte schlagen Tagesgeld — langfristig immer.
Zweitens: Geopolitik muss eingepreist werden. Nicht als Angst, sondern als Argument für Qualität und Diversifikation. Eine Schließung der Straße von Hormus über mehrere Quartale würde das globale Brutto-Inlandsprodukt (BIP) ins Minus ziehen.
Drittens: KI verändert Unternehmen — und damit Bewertungen. Wer die falschen Firmen hält, zahlt doppelt: einmal durch schlechtere Ergebnisse, einmal durch fallende Bewertungsmultiples.
Die gute alte Vergangenheit ist vorbei. Was kommt, ist diffus. Aber: Das war es immer. Die Kapitalmärkte haben jede tektonische Verschiebung überstanden — weil Substanz am Ende gewinnt. Am Ende gewinnt nicht der, der die geopolitische Lage am besten vorhersagen kann. Sondern der, der trotzdem investiert bleibt.





