- von Christina Amann und Alexander Hübner
Berlin, 25. Jun (Reuters) - Der wochenlange Bieterwettstreit um die Volkswagen-Dieselmotorentochter Everllence hat ein Ende. Der US-Finanzinvestor Bain Capital setzte sich überraschend im Rennen um die Mehrheit an dem Augsburger Unternehmen durch, wie Europas größter Autobauer in der Nacht zum Donnerstag mitteilte. VW-Chef Oliver Blume sagte, Everllence habe sich in den vergangenen Jahren zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Mit dem Verkauf könne sich Volkswagen nun noch stärker auf sein Kerngeschäft konzentrieren. Bain-Partner Florian Taufmann sagte, Everllence sei einzigartig positioniert, um die Energiewende im globalen Seehandel voranzutreiben und den steigenden Energiebedarf aufgrund der zunehmenden Nachfrage von Rechenzentren zu decken.
Die beiden anderen Bieter haben das Nachsehen. Neben Bain hatten sich der Finanzinvestor CVC sowie ein Konsortium um die schwedische EQT um Everllence bemüht, zu dem Insidern zufolge neben dem VW-Aktionär Katar auch die Holding der Volkswagen-Eigentümerfamilien Porsche und Piech, Porsche SE, gehörte. Einem Insider zufolge spielte die Frage der Übernahme möglicher Haftungsrisiken wohl eine wichtige Rolle bei der Auswahl des Käufers. Hintergrund sind Ermittlungen in Japan seit 2024, bei denen es um fehlerhafte Verbrauchswerte bei Schiffsmotoren geht. Das Unternehmen erklärte dazu, dass bislang keine Schadenersatzansprüche oder behördliche Verfahren gegen Everllence oder Mitarbeiter von Everllence bekannt seien.
Mit allen drei Geboten sei Everllence mit "deutlich über neun Milliarden Euro" bewertet worden, einige hätten sich dabei sogar der Marke von zehn Milliarden Euro angenähert, sagte der Insider. An der Börse wurde der Verkauf positiv aufgenommen. Die VW-Aktie legte am Donnerstag drei Prozent zu. Die Analysten von JP Morgan schrieben dazu, Volkswagen könne mit den Einnahmen seine finanzielle Position deutlich stärken.
Bain übernimmt eine knappe Mehrheit an Everllence. VW behält 49 Prozent der Anteile an dem Dieselmotorenbauer und erklärte, mittelfristig ein wichtiger Anteilseigner bleiben zu wollen. Finanziert wird der Kauf - wie bei Finanzinvestoren üblich - zum großen Teil durch Schulden, die Everllence aufgelastet werden. Vollzogen werden soll die Transaktion bis zum Jahresende.
Volkswagen winkt ein Erlös von 7,4 Milliarden Euro: Er setzt sich zusammen aus den Einnahmen durch den Verkauf von 51 Prozent der Anteile, der Neubewertung von Everllence im Zuge der Transaktion und der Verschuldung nach Abschluss der Transaktion. Ende Mai hatte Volkswagen Everllence mit rund 3,4 Milliarden Euro in den Büchern stehen. Insgesamt errechnet sich daraus eine Bewertung von mehr als 9,1 Milliarden Euro. Finanzchef Arno Antlitz sagte, die VW-Aktionäre könnten mehrfach von dem Verkauf profitieren: zum einen durch die gestärkte Substanz von Volkswagen, zum anderen durch die Teilhabe am künftigen Wert- und Wachstumspotenzial von Everllence.
Für Volkswagen kommt das zusätzliche Geld gelegen. Der Autobauer leidet unter der Krise auf dem chinesischen Automarkt und den Zöllen von US-Präsident Donald Trump. Blume will dem Aufsichtsrat noch vor der Sommerpause sein Konzept für einen weitreichenden Umbau des Unternehmens präsentieren. Dazu gehört auch ein weiterer Kapazitätsabbau: In Deutschland sollen demnach die Kapazitäten für weitere 500.000 Autos jährlich wegfallen. Bis 2030 will Blume die Rendite des Konzerns auf acht bis zehn Prozent steigern, für das laufende Jahr liegt die Zielmarke mit vier bis 5,5 Prozent bei gerade einmal der Hälfte davon.
KOMPLIZIERTER VERKAUFSPROZESS
Everllence mit Sitz in Augsburg ist Marktführer bei großen Schiffsmotoren und verspricht sich zusätzliche Wachstumschancen im Geschäft mit Generatoren für KI-Rechenzentren. Das Unternehmen erwirtschaftet mit rund 16.000 Mitarbeitern einen Erlös von rund fünf Milliarden Euro jährlich. Bain sicherte im Rahmen der Transaktion zu, die deutschen Standorte mindestens bis Ende 2030 zu erhalten und betriebsbedingte Kündigungen auszuschließen.
Der Prozess hatte für viel Aufsehen gesorgt, vor allem wegen der Beteiligung der Porsche SE. Volkswagen entschied sich für einen komplexen Verkaufsprozess, bei dem die Bieter ihre finalen Offerten in geschlossenen Umschlägen einreichten, die hinter verschlossenen Türen vom Vorstand geöffnet wurden. Direkt im Anschluss hatte der Aufsichtsrat das Sagen, wer den Zuschlag erhält. Um Interessenkonflikten aus dem Weg zu gehen, enthielten sich bei der Abstimmung im VW-Aufsichtsrat die fünf Vertreter der Porsche SE und des VW-Großaktionärs Katar. Das betraf auch VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch, der die Spitzenposition bei der Porsche SE innehat. Damit hatten die Arbeitnehmervertreter in dem Gremium die Mehrheit.
(Bericht von Christina Amann und Alexander Hübner, redigiert von Ralf BanserBei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter Berlin.Newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder Frankfurt.Newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte)



