Berlin, 26. Jun (Reuters) - Vier Werke stehen auf der Kippe, Zehntausende weitere Stellen könnten wegfallen: Europas größter Autobauer Volkswagen steht vor dem größten Umbauprogramm in seiner fast 90-jährigen Geschichte. Insidern zufolge legte Volkswagen-Chef Oliver Blume dem Aufsichtsrat seine Pläne für das Sanierungsprogramm vor. Diese sehen Insidern zufolge unter anderem vor, die Produktion von Konzernautos in den Werken Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm auslaufen zu lassen, was Auswirkungen auf mehrere zehntausend Arbeitsplätze hat. Eine Zahl, wie viele Jobs wegfallen sollen, sei in dem Papier selbst nicht enthalten, sagte ein Insider. Das "Manager Magazin" schrieb unter Berufung auf Insider von 100.000 Stellen, die in den nächsten Jahren wegfallen sollen - das wäre doppelt so viel wie bislang vereinbart.
Bei Arbeitnehmern und Politik stießen die Pläne auf harsche Kritik. IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner, VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo und Thorsten Gröger, Verhandlungsführer der IG Metall für die VW-Verträge, erklärten, die erneuten Medienberichte verunsicherten die Belegschaft und die Standortregionen. "Angriffe auf das VW-Gesetz, die Mitbestimmung und unsere Standorte sind unverantwortliche Drohungen. Sollten solche Pläne vorangetrieben werden, würden wir sie mit aller Macht verhindern", teilten sie gemeinsam mit. "Statt blinden Aktionismus zu zeigen, sollte der Vorstand endlich seinen Job machen und sich auf seine eigene Arbeit konzentrieren: wettbewerbsfähige Produkte, Technologien, Konzernstrukturen und -synergien und damit auch sichere Beschäftigung."
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies sagte, sein Land werde keiner Entwicklung zustimmen, die auf Werksschließungen als vermeintlich einfache Lösung setzt oder die bewährte Mitbestimmung infrage stellt. "Die Zukunft von Volkswagen wird nicht dadurch gewonnen, dass man immer neue Werksschließungen oder immer größere Stellenabbauprogramme in den Fokus stellt." Das Land Niedersachsen, das über eine Sperrminorität und zwei Sitze im Aufsichtsrat verfügt, werde seine Verantwortung dort mit der gebotenen Sorgfalt wahrnehmen. Der Chef der SPD Hannover, Adis Ahmetovic, bezeichnete die Pläne als "Frontalangriff und eine deutliche Kampfansage". "Das Volkswagen-Management scheint sich inzwischen vor allem mit Ankündigungen zum Stellenabbau profilieren zu wollen."
Ein VW-Sprecher erklärte zu dem Bericht, sein Unternehmen kommentiere interne, vertrauliche Unterlagen nicht. Die zu Grunde liegenden Sachverhalte würden in den zuständigen Gremien besprochen und verabschiedet. Diesem Prozess solle nicht vorgegriffen werden. "Richtig ist, dass die gesamte Automobilindustrie und die Volkswagen Group eine tiefgreifende Transformation durchlaufen", ergänzte er. Der gesamte VW-Konzern einschließlich der Marken und Gesellschaften müsse sich tiefgreifend verändern. Der Konzernvorstand habe dazu in den vergangenen Monaten intensiv an einem Zukunftsplan für die Neuaufstellung des Unternehmens gearbeitet. "Es geht darum, das Unternehmen insgesamt effizienter und schlanker aufzustellen sowie technologische Synergiepotenziale konsequent zu nutzen." Der Aufsichtsrat soll am 9. Juli über das Thema beraten.
BLUME SIEHT RÜSTUNG ODER CHINESISCHE AUTOS ALS MÖGLICHKEIT
Zu schnellen Werksschließungen dürfte es jedoch nicht kommen. Zum einen läuft die Fertigung in den vier Werken noch mehrere Jahre, zum Teil bis in die 2030er Jahre hinein. Zum anderen ist für eine Schließung laut VW-Gesetz eine Zweidrittelmehrheit im Aufsichtsrat nötig, was den Arbeitnehmern und dem Land Niedersachsen sehr weitgehende Mitspracherechte gibt. Blume selbst hatte in der Vergangenheit erklärt, es gebe intelligentere Lösungen, als Werke zu schließen. Eine Möglichkeit wäre eine Zusammenarbeit mit Rüstungsunternehmen, sagte er bei der Vorlage der Zahlen zum abgelaufenen Geschäftsjahr. Zudem könnten eigentlich in China für den chinesischen Markt entwickelte Autos in Deutschland vom Band laufen. Das wäre wohl vor allem für das Werk in Zwickau eine Option, das Insidern zufolge inzwischen über die konzernweit niedrigsten Fabrikkosten in Deutschland verfügt.
INSIDER: BLUME WILL FÜHRUNGSKRÄFTE DISZIPLINIEREN
Bereits Anfang der Woche präsentierte einem Insider zufolge Blume seine Pläne den Führungskräften des Konzerns. Um das Management zu disziplinieren, habe er die Führungskräfte unterschreiben lassen, damit sich später niemand hinter den anderen verstecken und ausscheren könne. Dem Vorstand sei bewusst, dass das Vorhaben auch intern auf Widerstände stoßen dürfte.
Dem "Manager Magazin" zufolge gehen die Pläne Blumes über einen reinen Stellenabbau weit hinaus. So sollen die Marke Volkswagen sowie die Komponentensparte ausgegliedert und in eigene Gesellschaften überführt werden. In der Logik könnten auch einzelne abgespaltene Marken einfacher am Kapitalmarkt platziert werden.
(Bericht von Christina Amann, redigiert von Olaf Brenner. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter Berlin.Newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder Frankfurt.Newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte)




