Heiko Böhmer

Apple-CEO Tim Cook nennt es eine Jahrhundertflut: Apple erhöht gerade die Preise für MacBooks, iPads, HomePods — quer durch das gesamte Sortiment. Der Grund ist ein Speicherchip-Mangel, wie ihn der Apple-Chef nach eigener Aussage in über 40 Berufsjahren noch nie erlebt hat. Tesla-Chef Elon Musk pflichtet ihm bei. Der größte Preissprung, den er je gesehen habe. Klingt nach einer Randnotiz aus der Technikwelt. Die ist es aber nicht. Es ist das sichtbarste Symptom eines Booms, der gerade gefährliche Züge annimmt — der Boom bei Halbleitern.
Wenn künstliche Intelligenz plötzlich Inflation macht
Künstliche Intelligenz sollte langfristig eine deflationäre Kraft sein — wie jede große Technologiewelle vor ihr. Die disruptive Entwicklung sorgt für langfristig sinkende Preise beim Einsatz der Technologie. Kurzfristig ist aber das Gegenteil der Fall. Die Nachfrage nach Speicherchips übersteigt das Angebot so massiv, dass sich die Preise für DRAM-Speicher innerhalb weniger Jahre versechsfacht haben. Der Großteil dieses Anstiegs geschah in den vergangenen Quartalen.
Samsung und SK Hynix, die beiden großen koreanischen Speicherchip-Hersteller, zahlen ihren Mitarbeitern Boni in Höhe des Neunfachen ihres Grundgehalts. Die Folge in Südkorea: Luxusuhren-Verkäufe plus 85 Prozent, Schmuck plus 146 Prozent — und die Boni sind noch nicht einmal ausgezahlt. Selbst die südkoreanische Notenbank beobachtet das inzwischen als eigenständiges Inflationsrisiko. Übersetzt heißt das: So viel Geld jagt so wenige Güter, dass am Ende auch dein nächstes MacBook teurer wird.
Die Rechnung, die nicht aufgeht
Halbleiteraktien haben in den vergangenen 14 Monaten um 246 Prozent zugelegt. Der höchste Wert der Geschichte — höher sogar als auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase im Februar 2000, als 234 Prozent erreicht wurden. Gleichzeitig notieren die Magnificent Seven, also die sieben großen US-Technologiekonzerne, die eigentlich als Gewinner der KI-Welle galten, in diesem Jahr sieben Prozent im Minus.
Hier erleben wir alle eine Umverteilung. Die großen Tech-Konzerne stecken ihren freien Cashflow in Speicherchips und Halbleiter — und finanzieren damit fremde Kursgewinne. Gleichzeitig schwächeln die eigenen Aktien.
Das Narrativ dazu klingt bestechend: Kauf die Firmen, die die Schaufeln verkaufen, meide die, die dafür bezahlen. Nur: Die Käufer dieser Schaufeln finanzieren ihre Einkäufe zunehmend über Schulden und neue Aktien, weil der eigene Cashflow nicht mehr reicht. Das lässt sich nicht endlos fortsetzen. Und es gibt eine alte Regel an den Rohstoffmärkten, die auch hier gilt: "Das Mittel gegen hohe Preise sind hohe Preise." Irgendwann bricht die Nachfrage ein, und mit ihr die Gewinne der Anbieter.
Die Nebengeräusche einer Spätphase
Wer genauer hinschaut, findet noch mehr Warnsignale. Fast 60 Prozent aller Analystenempfehlungen für S&P-500-Werte lauten derzeit „Kaufen“ — der höchste Stand seit Beginn der Aufzeichnungen 2009. Hohe Erwartungen sind schwer zu übertreffen. Und ein Meme-Aktien-ETF, der 2021 an der Börse scheiterte, ist zurück und in diesem Jahr um 68 Prozent gestiegen.
Nicht gegen KI — aber gegen die Story-Prämie
Missverstehen Sie mich nicht: Wir bei Shareholder Value sind nicht gegen künstliche Intelligenz. Micron, Samsung und SK Hynix verdienen aktuell echtes Geld, keine Frage. Die Frage ist eine andere: Was zahlt man dafür, und wie lange hält dieses Tempo? Genau das ist der Kern von Modern Value — nicht die Story kaufen, sondern das Geschäftsmodell. Nicht das lauteste Narrativ, sondern die tragfähige Preissetzungsmacht.
Warren Buffett hat es auf den Punkt gebracht: „Price is what you pay. Value is what you get.“ Der Preis, den man zahlt, und der Wert, den man bekommt — das sind zwei verschiedene Dinge. Genau das wird an den Halbleiter-Märkten gerade wieder vergessen.
Was das für Anleger bedeutet
Halbleiter sind nicht die neue Tulpenzwiebel. Die zugrundeliegende Nachfrage ist real. Aber ein Preis ist kein Naturgesetz — er kann auch wieder fallen, sobald sich die Erzählung dreht. Narrative folgen immer den Kursen, nie umgekehrt. Wer heute in diesem Bereich investiert, sollte wissen, wofür er zahlt: für ein Geschäftsmodell — oder nur für eine Geschichte. Genau dieser Unterschied ist entscheidend.
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