(Neu: Bundesregierung, Betriebsausschuss, Absatz)
- von Rachel More und Christina Amann
Berlin, 10. Jul (Reuters) - Die Pläne von Volkswagen-Chef Oliver Blume für einen grundlegenden Umbau des Wolfsburger Autobauers stoßen im eigenen Aufsichtsrat auf Widerstand. Blumes "Zukunftsplan", mit dem er den Mehrmarken-Konzern aus der Krise führen will, sei dort am Donnerstagabend mit sieben zu zwölf Stimmen abgelehnt worden, sagten zwei mit den Beratungen vertraute Personen am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters. Die Gespräche sollen nun nach der Sommerpause fortgesetzt werden. Die Arbeitnehmervertreter und das Land Niedersachsen haben im Aufsichtsrat eine Mehrheit. Blume will die Produktionskapazität bis 2030 um eine Million auf neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr drücken, allein in Deutschland sitzt VW auf Überkapazitäten von 500.000 Autos.
Die Zahl der Modelle soll bis 2035 um die Hälfte reduziert werden, die der Modellvarianten sogar um 75 Prozent, um kostengünstiger und effizienter produzieren zu können. Die Marken sollen sich weniger überlappen - Modelle von VW, Skoda und Seat etwa machen sich gegenseitig Konkurrenz. Das könnte vier Werke überflüssig machen: Zwickau und Emden, das Audi-Werk in Neckarsulm und das Nutzfahrzeug-Werk in Hannover. In diesen vier Fabriken arbeiten 40.000 Menschen. VW überlegt, dort stattdessen Rüstungsfirmen anzusiedeln oder eigene, in China entwickelte Modelle zu bauen. Zudem sollen bis 2030 von weltweit 21.000 Management-Posten 5000 gestrichen werden. Wie viele der mehr als 650.000 Arbeitsplätze weltweit wegfallen könnten, ließ der Vorstand offen.
Teil von Blumes Plan ist offenbar auch die Ausgliederung der Marke Volkswagen und der Zuliefer-Werke. Das VW-Gesetz, das Niedersachsen Sonderrechte einräumt, stehe dabei aber nicht zur Debatte.
LIES: "WERKSSCHLIESSUNGEN SIND KEINE STRATEGIE"
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) und die Arbeitnehmervertreter stellten sich gegen Schließungspläne. "Werksschließungen sind keine Zukunftsstrategie für Volkswagen", sagte Lies nach der Aufsichtsratssitzung. Entscheidend sei, dass VW mit wettbewerbsfähigen Produkten überzeuge und Synergien nutze. Eine tragfähige Lösung könne nur mit den Beschäftigten gelingen. "Es ist weiterhin Aufgabe des Vorstands, mögliche Konzepte im Detail weiter auszuarbeiten." Die Bundesregierung pocht auf die Sozialpartnerschaft, sieht sich aber bei VW nicht in einer aktiven Rolle. Ihr Ziel sei es, einen starken Automobilstandort zu erhalten. Ihre Rolle sei vor allem, dafür die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, sagte ein Regierungssprecher.
Arbeitnehmervertreter zeigten sich von Blume enttäuscht. Der Vorstand habe sich nur "mit den bekannten Floskeln zu Wort gemeldet", heißt es in einem Reuters am Freitag vorliegenden Brief des Konzernbetriebsausschusses an die Belegschaft. "Nichts davon adressiert die eigentlichen Kernprobleme des Konzerns." Blumes Plan weise "große inhaltliche Lücken, Inkonsistenzen und Widersprüche auf". Man müsse "Dinge grundlegend ändern – und zwar auch mittels Stellschrauben, die schmerzvoll sein werden", erklärte das Gremium aus Betriebsräten des gesamten Konzerns und Führungskräften. Es bereitete die Belegschaft auf einen "heißen Herbst" vor: "Die zweite Jahreshälfte wird anstrengend werden."
Es sei unverantwortlich, die Belegschaft im Urlaub im Ungewissen zu lassen, sagte Betriebsratschefin Daniela Cavallo, die auch dem Aufsichtsrat angehört. Gleichwohl seien die Arbeitnehmer bereit, ihren Beitrag zu leisten. Bereits Ende 2024 hatte sich VW mit der Gewerkschaft IG Metall und den Betriebsräten auf den Abbau von 50.000 Stellen geeinigt. 37.000 Aufhebungsverträge seien bereits unterschrieben.
Seither habe sich die Lage aber verschärft, warnte Blume. Die Zollschranken der USA, der Absatzeinbruch in China und die wachsende Konkurrenz chinesischer Autobauer in Europa haben VW tiefer in die Krise manövriert. In den ersten sechs Monaten brach der Absatz in China um mehr als ein Viertel ein, weltweit stand ein Minus von sechs Prozent zu Buche.
"Der Vorstand der Volkswagen Group treibt die Transformation weiter voran und übernimmt mit der umfassendsten Neuausrichtung der Konzerngeschichte Verantwortung für die nachhaltige Zukunft des Unternehmens – in einer Zeit, in der die Automobilindustrie weltweit stark unter Druck steht", sagte Blume am Freitag. Der "Zukunftsplan" mache den Konzern bis 2030 "schneller, robuster und wettbewerbsfähiger: durch weniger Komplexität, fokussierte Technologien, eine noch stärkere Ausrichtung von Produkten, Entwicklung und Produktion in den regionalen Märkten, den Abbau von Überkapazitäten, ein gestrafftes Beteiligungsportfolio und deutlich schlankere Strukturen".
"NA UND?"
Blumes Plan werde die Aktionäre nicht vom Hocker reißen, schrieb Bernstein-Analyst Stephen Reitman. Er habe viel zu seinen Vorstellungen gesagt, aber wenig Genaues, wie er sie umsetzen wolle. "Angesichts der großen Erwartungen werden viele Investoren mit einem 'Na und?' reagieren." Guido Hoymann von Metzler Research schrieb, die Aussagen deuteten in die richtige Richtung. "Aber wir bezweifeln, dass der Markt viel Vertrauen in Volkswagen hat." Die im Dax notierten VW-Vorzugsaktien verloren 1,4 Prozent und näherten sich wieder ihrem Jahrestief.
(weitere Reporter: Alexander Hübner und Andreas Rinke, redigiert von Olaf BrennerBei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)




