Investorenstimmung: Der Optimismus selbst ist das Risiko
Selten waren US-Fondsmanager so optimistisch und so knapp bei Kasse. Ihr Kapital ist fast vollständig investiert. Das ist kein Vertrauensbeweis für die Rally, sondern ein Warnsignal.
Heiko Böhmer

Einmal im Monat befragt die Bank of America rund 200 Fondsmanager, die zusammen mehrere Hundert Milliarden Dollar verwalten. Das Ergebnis der Juli-Umfrage lässt sich in einer einzigen Zahl zusammenfassen: 3,6 Prozent.
So niedrig war die durchschnittliche Cash-Quote der Profis seit Langem nicht mehr — noch im Vormonat lag sie bei 4,1 Prozent. Klingt nach großem Vertrauen in die Märkte. Ist aber vor allem eines: ein Warnsignal.
Boom ohne Bremse
Die Zahlen dahinter sind eindeutig. 54 Prozent der Fondsmanager erwarten für die Weltwirtschaft überhaupt keinen "Aufprall" — Rekordniveau. Nur zwei Prozent rechnen noch mit einer harten Landung, praktisch niemand mit einer Rezession. Die Inflationserwartungen sind so niedrig wie seit Januar 2025 nicht mehr, weil die Befragten ihre Ölpreisprognose von 86 auf 71 Dollar je Barrel gesenkt haben. Und 83 Prozent glauben, dass die Fed vor den Zwischenwahlen die Zinsen nicht anheben wird. Die Übergewichtung von US-Aktien ist so hoch wie seit Dezember 2024 nicht mehr.
Auch politisch positioniert sich die Umfrage: 44 Prozent erwarten bei den Zwischenwahlen einen geteilten Kongress — die Demokraten mit einer Mehrheit im Repräsentantenhaus, Republikaner im Senat. 27 Prozent tippen sogar auf einen kompletten Durchmarsch der Demokraten.
Für die Unabhängigkeit der Fed wäre ein geteilter Kongress das ruhigere Szenario. Ein klarer Sieg einer Seite würde den politischen Druck auf die Notenbank erfahrungsgemäß erhöhen — ein Thema, das Anleger im Blick behalten sollten.
Halbleiter - Der am stärksten überfüllte Trade
Wenig überraschend also, dass Long-Positionen bei globalen Halbleiterwerten mit 82 Prozent der am häufigsten genannte Trade sind — ein enormer Wert. Gleichzeitig sehen 48 Prozent der Befragten genau in den Investitionsausgaben der KI-Hyperscaler die wahrscheinlichste Ursache für das nächste Kreditereignis.
Zwei Wahrheiten, ein Markt: Alle wollen dabei sein, viele ahnen zugleich, wo die Bruchstelle liegen könnte. Auf die Frage nach einer KI-Blase antworten 48 Prozent mit Nein, 43 Prozent mit Ja — knapper geht es kaum. Trotzdem: Short-Positionen im Technologiesektor geht kaum jemand ein. Man traut sich nicht, gegen den eigenen Trade zu wetten.
Was die Profis kaufen — und was sie verkaufen
Aufgebaut werden Positionen in den USA, der Eurozone sowie in Gesundheitswerten und Industrietiteln — bei Industrie die stärkste Übergewichtung seit Juli 2021. Abgebaut werden Großbritannien, Schwellenländer, Rohstoffe, Energie und Basiskonsumgüter — bei Energie der stärkste Rückgang seit Juni 2010.
Bemerkenswert: Erstmals seit Mai 2017 erwarten die Befragten, dass Aktien mit niedriger Dividendenrendite besser laufen als solche mit hoher. Auch das ist Risikoappetit — Dividenden gelten gerade als langweilig.
Der "Bull & Bear"-Indikator schlägt Alarm
Der BofA-eigene "Bull & Bear"-Indikator notiert bei 9,4 — ein sehr hoher Wert. Historisch war das selten ein guter Zeitpunkt, um weiter aufzustocken. Im Gegenteil: Die Bank empfiehlt, das Engagement in Aktien und High-Beta-Werten zu reduzieren.
Das Aufwärtspotenzial für risikoreiche Anlagen dürfte im Sommer durch genau diese optimistische Positionierung begrenzt bleiben. Extreme Stimmung ist selten ein Kaufsignal. Sie ist ein Signal, genauer hinzuschauen.
Was bedeutet das für Anleger?
- Wenn 200 Profis fast unisono in dieselbe Richtung schauen, ist Vorsicht angebracht — nicht, weil sie falsch liegen müssen, sondern weil kaum noch jemand übrig ist, der zusätzlich kaufen könnte.
- Der überfüllte Halbleiter-Trade ist anfällig für Enttäuschungen. Wer dort stark gewichtet ist, sollte über Diversifikation nachdenken, nicht über Nachkaufen.
- Die Kontra-Trades der Umfrage verdienen einen Blick — Basiskonsumgüter und Gold profitieren am stärksten, falls die Fed doch überraschend restriktiv wird. Gold ist laut Umfrage erstmals seit Jahren wieder unterbewertet, nicht überbewertet.
- Sollte sich das "Peak Boom"-Szenario bewahrheiten, wären Anleihen, britische Aktien und Titel mit hoher Dividendenrendite die Gewinner, Industriewerte und Banken die Verlierer, sagen die Fondsmanager in der Umfrage.
Im Endeffekt gilt: Eine Cash-Quote von 3,6 Prozent ist kein Ausdruck von Weisheit, sondern von Sorglosigkeit. Die Fondsmanager-Umfrage ist kein Fahrplan, aber ein Stimmungsbarometer, und Stimmungsbarometer funktionieren am besten als Kontraindikator. Für Anleger heißt das: Substanz vor Herdentrieb, Diversifikation vor Klumpenrisiko. Bleiben Sie geduldig und investiert — aber nicht blind.







