Indiens Ministerpräsident reagiert auf Proteste der "Kakerlaken"-Bewegung

Reuters · Uhr
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Neu-Delhi, 21. Jul (Reuters) - ⁠Nach gewaltsamen Demonstrationen der sogenannten "Kakerlaken"-Jugendbewegung hat sich Indiens Ministerpräsident Narendra Modi am Dienstag in den Konflikt eingeschaltet. Auslöser der Proteste war, dass Prüfungsaufgaben für den landesweiten Medizinertest durchgesickert waren. Die Bewegung, die sich in ironischer Anlehnung an ihre eigene Verunglimpfung durch einen hochrangigen Richter Kakerlaken-Volkspartei (Cockroach Janta Party, CJP) nennt, sieht darin ein Zeichen von Korruption im Bildungssektor. Modi forderte einem Minister zufolge nun ein fälschungssicheres Prüfungssystem. Die CJP hatte kurz ‌zuvor weitere Demonstrationen in Neu-Delhi abgesagt. Die regierungskritischen Proteste sollen jedoch fortgesetzt werden.

Modi versuchte, die Wogen zu glätten. Die Zukunft der Jugend dürfe nicht aufs Spiel gesetzt werden, zitierte der Minister für parlamentarische Angelegenheiten, Kiren Rijiju, den Regierungschef. Es gelte, strenge Maßnahmen ⁠zu ergreifen und die ⁠Schuldigen zu bestrafen. Die Regierung habe nach Bekanntwerden der Unregelmäßigkeiten sofort gehandelt und 13 Personen festgenommen. Zudem sei eine Wiederholungsprüfung erfolgreich abgehalten worden.

Der Skandal um die im Mai geleakten Prüfungsbögen betrifft mehr als zwei Millionen Bewerber und hat zu mehreren Suiziden geführt. Die Wut darüber gilt als bislang größte Herausforderung für Modi in seiner dritten Amtszeit. Experten zufolge spiegelt der wachsende Zuspruch für die Bewegung auch die tiefe Frustration vieler junger Inder über die Lage auf dem Arbeitsmarkt wider. Regierungsdaten zufolge lag die Arbeitslosenquote bei den 15- bis ‌29-Jährigen 2025 bei 9,9 Prozent, in städtischen Gebieten sogar bei 13,6 Prozent.

Am Dienstag ‌waren bei Nieselregen noch knapp 500 Demonstranten im Zentrum von Neu-Delhi. Am Montag waren Tausende CJP-Anhänger vor das Parlament gezogen. Sie forderten den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan. Dabei kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, die Schlagstöcke und Tränengas einsetzte. Nach Angaben der Polizei wurden fast 180 Menschen ⁠verletzt, darunter 118 Sicherheitskräfte und 60 Demonstranten. Der Gründer der Protestpartei, Abhijeet Dipke, erklärte dagegen, mehr als 150 Demonstranten würden in Krankenhäusern ‌behandelt. Reuters konnte die Zahlen zunächst nicht unabhängig überprüfen.

OPPOSITIONSFÜHRER DEMONSTRIERT VOR MODIS ⁠HAUS

Die Gewalt rief auch den Oppositionsführer auf den Plan. Zusammen mit Mitgliedern seiner Kongresspartei demonstrierte Rahul Gandhi vor Modis Haus. Dies zeigten Videos, die die Partei am Dienstag veröffentlichte. "Wir sind zum Haus von Ministerpräsident Modi gezogen, um von ihm Antworten für das brutale Vorgehen gegen junge Studenten gestern zu fordern", schrieb Gandhi auf der Plattform X.

Die CJP hat auch ‌Entschädigungen von je zehn Millionen Rupien (umgerechnet gut 90.000 Euro) für die ⁠Familien von rund einem Dutzend Schülern verlangt, die sich Lokalmedien ⁠zufolge nach dem Skandal das Leben genommen hatten. Eine weitere Forderung der CJP ist die Freilassung des Aktivisten Sonam Wangchuk. Dieser war Ende Juni in einen Hungerstreik getreten und am Samstag von den Behörden unter Zwang in ein staatliches Krankenhaus verlegt worden. Auf Antrag seiner Frau stimmte ein Gericht in Neu-Delhi am Dienstag der Verlegung des Mannes in ein privates Krankenhaus zu. Seine Frau hat den Vorwurf erhoben, er sei unrechtmäßig festgehalten worden.

In Indiens deutlich kleinerem Nachbarland Nepal war Anfang September die Regierung zurückgetreten, nachdem Proteste gegen Korruption eskaliert waren. Bei schweren Ausschreitungen waren mehrere Menschen ums Leben gekommen. Auslöser war ein Verbot sozialer Medien durch die Regierung, das von den meist jungen Demonstranten als Zensurversuch verurteilt wurde, um die Kritik an der Regierung in dem kleinen ⁠Himalaya-Staat zum Schweigen zu bringen.

(Bericht von Aftab Ahmed, Saurabh Sharma, Francis Mascarenhas, Rajesh Kr Singh, Sakshi Dayal und Hritam Mukherjee; bearbeitet von Jörn Poltz und Elke Ahlswede, redigiert von Sabine Ehrhardt. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen ‌und Märkte).)

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