Ukraine treibt europäische "Patriot"-Alternative zur Raketenabwehr voran

Reuters · Uhr
Thema: Rüstung

- von Yuliia ⁠Dysa

Kiew, 27. Jul (Reuters) - Das europäische Raketenabwehrsystem "Freyja" zur Ergänzung des US-Systems "Patriot" soll nach dem Willen der Ukraine im kommenden Jahr vorläufig einsatzbereit sein. "Wir wollen in der ersten Hälfte des nächsten Jahres eine erste funktionsfähige Version fertig haben", sagte der Vizesekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates, Dawyd Alojan, der Nachrichtenagentur Reuters. "Das ist ein Prototyp, der ‌bereits erste praktische Ergebnisse zeigen kann." Ein internationaler Lenkungsausschuss zur Abschätzung der Forschungs- und Entwicklungskosten solle in Kürze erstmals zusammentreffen.

Zehn europäische Staaten und rund ein Dutzend Rüstungsunternehmen hatten am 13. Juli in Paris ⁠eine Allianz zum ⁠Ausbau der Luftverteidigung geschlossen. Kernprojekt ist das System "Freyja", mit dem die Partner ihre Abhängigkeit von den knappen "Patriot"-Systemen aus den USA verringern wollen. Die Ukraine ist zur Abwehr russischer ballistischer Raketen bisher vollständig auf "Patriot"-Raketen angewiesen, deren Nachschub jedoch stockt. Russland hatte dies zuletzt bei wiederholten Luftangriffen auf Kiew und die wichtige Hafenstadt Odessa ausgenutzt, die die Ukraine größtenteils nicht abwehren konnte.

Mitglieder der Luftverteidigungs-Allianz sind neben der Ukraine auch ‌Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Dänemark, die Niederlande, Norwegen, Schweden und Spanien. ‌Beteiligte Unternehmen sind Hensoldt aus Deutschland, Thales aus Frankreich, das französisch-italienische Konsortium Eurosam, Leonardo aus Italien und Saab aus Schweden. Als industrieller Hauptpartner fungiert der ukrainische Raketen- und Drohnenhersteller Fire Point, der im vergangenen Monat eine Vereinbarung ⁠mit Hensoldt über die Lieferung von Radartechnik mitgeteilt hatte.

"Freyja" ist als kostengünstigere Alternative konzipiert und soll auf ‌einer offenen Systemarchitektur basieren. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ⁠beschrieb es als Baukastensystem, bei dem Komponenten verschiedener Hersteller flexibel kombiniert werden können. "Die grundlegende Logik dieses Systems ist eine offene Architektur", erklärte Alojan. "Wenn Dänemark also sagt: 'Ich möchte das Freyja-System mit einem dänischen Weibel-Radar', ist das in Ordnung. Wenn Schweden sagt, sie wollen das Saab-System, ist ‌das auch kein Problem." Die Ukraine will Startgeräte und ⁠Abfangraketen beisteuern, was Selenskyj als reine "Frage der Erprobung" ⁠bezeichnete. Die Verbündeten sollen Technologien wie moderne Radaranlagen, Sensoren und Steuerungselektronik liefern.

ABWEHRSYSTEM SOLL PUTIN AN VERHANDLUNGSTISCH ZWINGEN

Um eine stabile Finanzierung zu gewährleisten, wird Alojan zufolge derzeit die Einrichtung eines speziellen Fonds geprüft. Er hoffe zudem, dass die direkte Einbindung von Unternehmen dazu beitragen werde, bürokratische Hürden abzubauen. "Die Koalition sollte eher praktisch als politisch sein", sagte er. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte in Paris erklärt, das Projekt werde den europäischen Rüstungsindustrien helfen, noch enger zusammenzuarbeiten und voneinander zu lernen. Selenskyj betonte die strategische Bedeutung der neuen Abwehrwaffen. Je mehr Mittel die Ukraine zum Abschuss ballistischer Raketen habe, desto größer sei ⁠die Chance, den russischen Präsidenten Wladimir Putin an den Verhandlungstisch zu zwingen.

(Bericht von Yuliia Dysa, redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen ‌und Märkte).)

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