BMW zückt den Rotstift - 8000 Jobs sollen weg

Reuters · Uhr

- von Christina Amann ⁠und Rachel More und Ilona Wissenbach

Berlin/Frankfurt, 29. Jul (Reuters) - Der Stellenabbau in der deutschen Autoindustrie zieht immer weitere Kreise. Auch der erfolgsverwöhnte Autobauer BMW streicht nun Tausende Stellen vor allem hierzulande. Insgesamt sollen bei den Münchnern einem Insider zufolge rund 8000 Arbeitsplätze in Verwaltung und Entwicklung wegfallen – bei einer Gesamtbelegschaft von etwa 85.000 Beschäftigten in Deutschland. "Dieses Mal sprechen wir von einer substanziellen Veränderung der Spielregeln unserer Industrie und damit der Grundlage unseres Geschäftsmodells", sagte BMW-Chef Milan Nedeljkovic am Mittwoch bei einer Betriebsversammlung in München nach Informationen ‌aus Teilnehmerkreisen. "Weder der Protektionismus noch die gravierenden Marktveränderungen werden wieder verschwinden."

Die deutsche Autoindustrie leidet vor allem unter einem stark sinkenden Absatz in China und den erhöhten US-Importzöllen. Anders als bei Volkswagen, wo die Fertigung in gleich vier Konzernwerken in Deutschland Anfang der 2030er Jahre auslaufen könnte, bleibt die Produktion von ⁠BMW vom Stellenabbau unberührt. Zehntausende ⁠Büroangestellte erhalten hingegen ein Angebot zum freiwilligen Ausscheiden, das möglichst rund 8000 von ihnen annehmen sollen. "Mir ist bewusst, dass die nächste Zeit uns allen viel abverlangen wird", sagte Nedeljkovic. Abgeschlossen sein soll der Stellenabbau Ende 2027, die ersten spürbaren Auswirkungen erwartet BMW ab 2028.

"BMW muss die Kosten senken, aber das Unternehmen stellt sich anders als VW nicht auf ein niedrigeres Absatzvolumen ein", sagte Daniel Schwarz, Analyst beim Bankhaus Metzler. In den vergangenen Jahren sei der Absatz bei BMW stabil geblieben, obwohl der Umsatz gesunken sei. Nach Daten von Mobility Global sind die deutschen BMW-Werke im Schnitt besser ausgelastet als die von Mercedes oder VW. Volkswagen-Chef Oliver Blume ‌will wegen der pessimistischeren Absatzerwartungen die Produktionskapazität in Europa um 500.000 Fahrzeuge pro Jahr reduzieren. Die ‌Standorte Zwickau, Emden, Hannover und Neckarsulm stehen zur Disposition.

"AUTOINDUSTRIE IM ÜBERLEBENSKAMPF"

Vor dem Audi-Werk Neckarsulm protestierten nach Angaben des Betriebsrats rund 6000 von insgesamt 15.000 Beschäftigten gegen eine Schließung des Standorts, unterstützt von Lokalpolitikern und der Gewerkschaft. "Jeder hat Angst um seinen Arbeitsplatz, um unser Werk, wo wir Herzblut reingesteckt haben", sagte ein Arbeiter. Betriebsratschef Alexander Reinhart forderte ein elektrisches Volumenmodell ⁠für den Standort. Oberbürgermeister Steffen Hertwig will vor allem Klarheit vom Unternehmen. "Das ist keine gute Kommunikation, und es ist vor allen Dingen auch keine faire Kommunikation seitens ‌des Volkswagen-Vorstandes", sagte Hertwig. "Das ist ein Werk, wo ich nicht verstehe, warum man das ⁠schließt", sagte die baden-württembergische IG-Metall-Chefin Barbara Resch mit Blick auf vergangene Kostensenkungen.

Allein im vergangenen Jahr sank die Zahl der Beschäftigten in der deutschen Autoindustrie nach amtlicher Statistik um knapp 50.000 oder sechs Prozent auf gut 721.000. Das war der tiefste Stand seit 2011. Vor allem bei Zulieferern gingen Arbeitsplätze verloren. "Es geht nicht nur um den Abbau von ein paar Arbeitsplätzen, sondern um die Überlebensfähigkeit der Autoindustrie am Standort Deutschland", sagte Stefan ‌Bratzel vom Center of Automotive Management. Um die Lage zu verbessern, müssten die Arbeitskosten ⁠gesenkt werden. Dabei sei auch die Politik gefragt, die Einfluss auf ⁠die Lohnnebenkosten habe. Auch die Unternehmen müssten umdenken und sich eine Führungsrolle bei neuen Technologien erarbeiten. "Wir können weiter versuchen, den hocheffizienten Verbrenner zu verkaufen, wie wir ja auch hocheffiziente Faxgeräte verkaufen könnten", sagte Bratzel. "Aber um erfolgreich zu sein, muss man unbekannte Welten erobern."

Die VW-Tochter Porsche streicht weitere 5000 Arbeitsplätze bis 2035, vor allem in Verwaltung und Management am Stammsitz Stuttgart und im Entwicklungszentrum Weissach. Diese kommen zu den 3900 Stellen hinzu, die bereits im vergangenen Jahr wegfielen. Die Kosten sollen allein dadurch jährlich um einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag sinken. "Der Druck hat weiter zugenommen, insbesondere aufgrund geopolitischer Entwicklungen", sagte Porsche-Chef Michael Leiters. Die Belegschaft war, auch dank des Booms in China, seit 2015 um 75 Prozent auf gut 42.000 Mitarbeiter gewachsen.

Auch Mercedes-Benz will die Kosten weiter drücken, nachdem mit einem seit 2025 laufenden Sparprogramm schätzungsweise gut 5000 Beschäftigte in der Verwaltung das Unternehmen mit Abfindungen verlassen haben. Nun verhandelt das Management mit dem Betriebsrat über weitere ⁠Schritte. Ihm schwebt eine Rückkehr von der 35- zur 40-Stunden-Woche vor. Doch dies können die Arbeitgeber nur gemeinsam über eine Änderung des Flächentarifvertrages mit der IG Metall erreichen. Mit entschiedenem Widerstand der Gewerkschaft ist zu rechnen.

(Mit Reuters TV. Redigiert von Ralf BanserBei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter Berlin.Newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder Frankfurt.Newsroom@thomsonreuters.com (für ‌Unternehmen und Märkte)

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