VW-Großaktionär Porsche SE pocht auf Einschnitte bei Volkswagen

Reuters · Uhr

- von Ilona Wissenbach ⁠und Rachel More

Frankfurt/Berlin, 07. Aug (Reuters) - Der VW-Großaktionär Porsche SE schaltet sich öffentlich mit mahnenden Worten in den Streit über massiven Arbeitsplatzabbau und mögliche Standortschließungen bei Volkswagen ein. Aus Sorge um die Zukunft ihrer Kernbeteiligung dringt die Holding der VW-Eignerfamilien Porsche und Piech auf rasche Entscheidungen. Der Konzern stehe an einem historischen Wendepunkt, erklärte Vorstandschef Hans Dieter Pötsch, zugleich VW-Aufsichtsratsvorsitzender, am Freitag. Alle Beteiligten müssten im Sinne des Unternehmens und seiner Wettbewerbsfähigkeit Verantwortung übernehmen. "Je länger sich die Entscheidungen hinziehen, desto ‌größer werden die Probleme." Das unternehmerisch und wirtschaftlich Gebotene stehe im Vordergrund. "Alles andere muss zurückstehen."

Der Appell richtet sich an die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat und das Land Niedersachsen. Sie verweigerten auf der Aufsichtsratssitzung des Autokonzerns Ende Juni die Zustimmung zum Plan von VW-Chef Oliver Blume mit nicht ⁠konkret bekannt gegebenen Einschnitten. ⁠Blume will Überkapazitäten abbauen und Kosten senken, weil bei VW durch harten Konkurrenzkampf vor allem in China der Gewinn wegbricht. Auch in Europa wächst der Druck, billiger zu produzieren, und das Absatzpotenzial ist nach Ansicht des Unternehmens auf Dauer geringer als früher. Blume stellte weitere 50.000 Arbeitsplätze, zusätzlich zu bereits 50.000 gestrichenen, und vier Werke in Deutschland infrage. Bei Volkswagen werde die Intervention der Porsche SE, die sich nur selten ausführlich über VW-Interna äußert, als Bestätigung von Blumes "Zukunftsplan" gesehen, hieß es in Unternehmenskreisen.

"Werksschließungen wird es mit uns nicht geben", bekräftigte die IG Metall Niedersachsen. "Für die IG Metall stehen die ‌Familien der VW-Beschäftigten im Mittelpunkt, nicht die Eigentümerfamilien", sagte ein Sprecher auf Anfrage. Jährlich neue ‌Sparprogramme und Stellenabbau machten VW nicht erfolgreicher. Gefragt seien attraktive Produkte, Innovationen, Synergien und eine klare Strategie. "Darauf sollten Eigentümer und Vorstand endlich ihren Fokus richten." Diese setzten die Existenz von Beschäftigten aufs Spiel, um ihre Dividende zu sichern. Das sei verantwortungslos und unanständig. Der VW-Betriebsrat und das Land Niedersachsen äußerten sich nicht.

ZUKUNFT VON VW STEHT ⁠AUF DEM SPIEL

Die Porsche SE wird zunehmend von der schwachen Entwicklung ihrer Kernbeteiligungen VW und Porsche AG getroffen. Das angepasste Konzernergebnis nach Steuern sank im ‌ersten Halbjahr um 200 Millionen Euro auf 0,9 Milliarden Euro. Nicht zahlungswirksame Wertberichtigungen ⁠auf VW und Porsche von zusammen 3,2 Milliarden Euro führten zu einem Nettoverlust von 2,2 Milliarden Euro nach einem Plus von noch 300 Millionen Euro vor Jahresfrist. Für das Gesamtjahr geht die Holding weiter von einem angepassten Nettoergebnis zwischen 1,5 und 3,5 Milliarden Euro aus. Im Rekordjahr 2023 erzielte das Unternehmen noch 5,1 Milliarden Euro.

Bei Volkswagen brach der Nettogewinn im ersten Halbjahr fast um ein Drittel ‌ein, der Umsatz stagnierte. Die Sportwagentochter Porsche erzielte unterdessen einen Gewinnzuwachs von einem Drittel ⁠gegenüber dem schwachen Vorjahreszeitraum. "Nachdem die Porsche AG ein umfassendes Zukunftspaket ⁠ausgehandelt hat, gilt es nun auch für Volkswagen, schnell und konsequent Entscheidungen zu treffen", erklärte der VW-Großaktionär. Unter dem neuen Porsche-Chef Michael Leiters gelang es kürzlich, ein zweites Sparpaket mit dem Abbau von 5000 Stellen bis 2032 auf den Weg zu bringen. Darüber wurde allerdings fast ein Jahr gesprochen. Der Betriebsrat hat nicht so starke Rechte wie der VW-Konzernbetriebsrat, der Standortschließungen verhindern kann. Dennoch handelten die Arbeitnehmer zusammen mit der Gewerkschaft IG Metall für die Standorte Stuttgart und Weissach Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen und gut zwei Milliarden Euro Investitionen bis 2032 aus.

Die Latte für eine Einigung im Mutterkonzern liegt mit den langfristigen Zusagen bei Porsche damit hoch. Blume will trotz des Widerstands der Arbeitnehmer und des Landes Niedersachsen bis Jahresende einen Konsens finden. Die Porsche SE forderte, die Blockade aufzugeben. "Bei den jetzt anstehenden Entscheidungen geht es um die Zukunft von Volkswagen", sagte Pötsch. ⁠Porsche-SE-Finanzchef Johannes Lattwein ergänzte, die Holding stehe hinter den Vorschlägen des Konzernvorstands. Überkapazitäten müssten abgebaut, Kostenstrukturen substanziell zurückgefahren und der Konzern strukturell entscheidungs- und handlungsfähiger werden. "Das Ziel ist Wettbewerbsfähigkeit. Auf dem Weg dahin darf es keine Denkverbote geben."

(Bericht von Ilona Wissenbach, redigiert von Myria Mildenberger. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die ‌Redaktionsleitung unter frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com)

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