Industrie warnt: Extrem-Niedrigwasser bringt Lieferketten an Grenzen
(Stellt im 8. Absatz klar: Der Pegel (nicht die Fahrrinne) liegt in Kaub bei 15 Zentimetern, die Fahrrinne ist noch einen guten Meter tiefer.)
Berlin/Frankfurt, 11. Aug (Reuters) - Deutschlands Industrie bekommt den dramatischen Wassermangel im Rhein immer stärker zu spüren - und wappnet sich für noch härtere Folgen. "Noch gibt es keine belastbaren Zahlen zu Produktionsausfällen oder Lieferengpässen", erklärte der Hauptgeschäftsführer des Chemieverbandes VCI, Wolfgang Große Entrup, am Dienstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters. "Doch die Alarmglocken schrillen laut." Das Extrem-Niedrigwasser bringe Logistik und Lieferketten zunehmend an ihre Grenzen. Auch der Stahlkonzern Salzgitter warnte vor Engpässen, aber hält auch Preisanstiege für möglich. Der Wasserstand im Rheinfiel unterdessen auf ein neues Rekordtief und brachte laut Rohstoffhändlern die gewerbliche Schifffahrt im südlichen Abschnitt der wichtigen Wasserstraße weitgehend zum Erliegen.
"Was heute nach einem Problem auf dem Transportweg aussieht, kann morgen schon die Produktion empfindlich treffen", so Große Entrup. Je länger die Pegelstände niedrig blieben, desto größer sei die Gefahr, dass Rohstoffe und Vorprodukte nicht rechtzeitig ihr Ziel erreichten.
Dies bekommt der Kunststoffkonzern Covestro bereits zu spüren. Aufgrund der akuten Niedrigwasserlage sei der Rohstoff- und Warenverkehr derzeit erheblich eingeschränkt, erklärte das Unternehmen. "Dies wirkt sich inzwischen auch auf die Rohstoffversorgung und die Produktion einzelner Betriebe sowie die Lieferung einzelner Produkte aus." Trotz umfangreicher Gegenmaßnahmen könnten die fehlenden Transportkapazitäten in der akuten Lage nicht vollständig kompensiert werden.
AUSWIRKUNGEN AUF EVONIK-PRODUKTION IM CHEMIE-PARK MARL
Der Spezialchemiekonzern Evonik verwies auf die Folgen, wenn Schiffe nur mit reduzierten Transportmengen fahren können: "Das hat in einzelnen Fällen auch Auswirkungen auf die Produktion von Evonik im Chemiepark Marl sowie auf andere Unternehmen, die Vorprodukte an Evonik liefern", erklärte ein Evonik-Sprecher. Die meisten Evonik-Standorte, etwa Hanau, Essen-Goldschmidt, Darmstadt und Rheinfelden, seien vom Niedrigwasser aber nicht ernsthaft betroffen. "Zentrale Schleusen sind nach wie vor im Betrieb, so dass die Ein- und Ausfahrt in wichtige Kanäle weiter möglich ist."
Salzgitter-Chef Gunnar Groebler sagte, bislang sei das Unternehmen in der Produktion nicht betroffen. Mit Blick auf die Wasserwege ergänzte Groebler, der wichtigste Hafen für Salzgitter sei Hamburg, der nicht von Niedrigwasser betroffen sei. Die Sorge gelte jedoch insbesondere den kürzlich vollständig übernommenen Hüttenwerken Krupp Mannesmann (HKM). Hier seien Vorkehrungen getroffen worden, und die Wasserstände im Hafen Duisburg seien noch in Ordnung. Mit Blick auf die gesamte Branche erklärte er, es sei noch zu früh, um Preisanstiege durch Produktionseinschränkungen festzustellen. Jedenfalls wisse er von keinen Preiserhöhungen aus diesem Grund. Aber wenn die Pegel weiter fielen, könne es dazu kommen.
Auch die Bauwirtschaft ist besorgt. "Die Versorgung mit Baustoffen kann teurer und schwieriger planbar werden", erklärte Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie. "Noch sehen wir deshalb nicht automatisch flächendeckende Baustopps." Je länger und ausgeprägter die Niedrigwasserphase aber anhalte, desto größer werde das Risiko von Engpässen, höheren Logistikkosten und Verzögerungen. "Lieferengpässe für erste Baustoffe sind von den Lieferanten bereits angekündigt worden für den Fall, dass die Situation noch länger anhält, wovon derzeit auszugehen ist."
OXFORD ECONOMICS: DÜRRE KÖNNTE WACHSTUM BREMSEN
Experten bestätigen, dass vor allem die Chemie-, Metall- und Baubranche durch Lieferengpässe bedroht sei. Zwar dämpfe die Lagerhaltung von Vorprodukten die anfänglichen Auswirkungen, teilte das Beratungsunternehmen Oxford Economics mit. Eine anhaltende Dürre könnte das deutsche Wirtschaftswachstum im dritten Quartal jedoch 0,2 Prozentpunkte kosten.
Der Wasserstand des Rheins sinkt unterdessen infolge der Hitzewelle immer weiter. Am wichtigen Engpass im rheinland-pfälzischen Kaub habe der Pegelstand am Dienstag nur noch 15 Zentimeter betragen, teilte die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) am Dienstag mit. Damit wurde der bisherige Tiefststand von 25 Zentimetern aus dem Jahr 2018 unterschritten. Die tatsächliche Fahrrinne ist an dieser Stelle einen guten Meter tiefer. Südlich von Kaub drohe ein komplettes Abschneiden der Transportwege, sagte Thomas Puls, Verkehrsexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), der "Rheinischen Post". Da weder Straße noch Schiene die anfallenden Güter aufnehmen könnten, sei die wahrscheinlichste Reaktion der Grundstoffindustrien eine Produktionsreduktion.
"Es ist heute nicht mehr möglich, Frachttransporte auf dem Rhein über Kaub hinaus zu buchen", sagte ein Rohstoffhändler. Einige Schiffe südlich von Kaub drohten festzusitzen. Zwar gebe es keine offizielle Regelung, ab welchem Pegelstand die Schifffahrt eingestellt werden müsse. Die meisten Eigner gingen das Risiko aber nicht mehr ein. Auf den nördlichen Abschnitten des Rheins werde der Betrieb fortgesetzt. Frachtschiffe könnten derzeit aber nur zu 20 Prozent beladen werden.
(Bericht von Patricia Weiß, Rene Wagner, Anneli Palmen, Michael Hogan, Christoph Steitz, Holger Hansen, Emanuele Berro, Anastasiia Kozlova und Isabelle Noack. Geschrieben von Elke Ahlswede. Redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)
