Wie lange geht der große Optimismus an den Börsen noch weiter?
Die Stimmung unter Fondsmanagern ist so optimistisch wie lange nicht. Doch genau darin könnte die Gefahr liegen: Wenn nahezu alle investiert sind, fehlt das Kapital für die nächste Rally – während das Rückschlagpotenzial steigt.
Heiko Böhmer

Einmal im Monat befragt die Bank of America rund 200 Fondsmanager, die zusammen mehr als 500 Milliarden Dollar verwalten. Der Titel der August-Umfrage lautet lapidar: „The Noes Have It“ – die Neinstimmen haben die Mehrheit. Keine Konjunkturlandung, keine Fed-Zinserhöhung, keine gekürzten KI-Investitionen, kein demokratischer Wahlsieg, keine Bären.
Die Cash-Quote der Profis ist derweil auf 3,5 Prozent gefallen – der sechstniedrigste Wert seit Beginn der Umfrage 1998. Klingt nach ungetrübtem Vertrauen. Ist aber vor allem eines: ein Warnsignal.
Rekordoptimismus auf breiter Front
Die dritthöchste Stimmung seit 2022 misst Bank of America in diesem Monat. 56 Prozent der Fondsmanager erwarten für die Weltwirtschaft überhaupt keine Landung – ein neuer Rekord. 43 Prozent rechnen sogar mit einem „Boom“, so viele wie zuletzt im Februar 2022.
Und 37 Prozent erwarten zweistelliges Gewinnwachstum, den höchsten Wert seit August 2021. Die Aktienquote der Profis ist auf netto 56 Prozent übergewichtet gesprungen – der höchste Stand seit November 2021, nach 14 Monaten Übergewichtung in Folge.
Auch politisch zeigt sich Zuversicht: 72 Prozent glauben nicht an eine Fed-Zinserhöhung vor den Zwischenwahlen im November. Zu Fed-Chef Kevin Warshs Auftritt in Jackson Hole erwarten 53 Prozent einen neutralen Ton, nur 31 Prozent einen restriktiven. Und selbst für den Fall eines demokratischen Wahlsiegs im Kongress sehen nur 37 Prozent steigende Renditen bei fallenden Kursen als wahrscheinlichste Reaktion – die meisten erwarten also, dass die Märkte auch das wegstecken.
Der Trade, vor dem sich alle fürchten
Wenig überraschend bleiben Long-Positionen in globalen Halbleiterwerten der meistgenannte Trade – wenn auch mit 53 Prozent deutlich weniger überfüllt als noch im Vormonat mit 82 Prozent. Gleichzeitig gilt eine „KI-Blase“ mit 32 Prozent weiterhin als größtes Tail-Risiko, und 38 Prozent sehen ausgerechnet die Investitionsausgaben der KI-Hyperscaler als wahrscheinlichste Quelle des nächsten Kreditereignisses.
Trotzdem erwarten 71 Prozent in diesem Jahr keine Kürzung dieser Ausgaben, und 58 Prozent glauben, dass Künstliche Intelligenz den Arbeitsmarkt frühestens 2028 spürbar durcheinanderwirbeln wird – oder gar nicht. Man sieht die Risse. Man handelt trotzdem nicht danach.
Rotation statt Rückzug
Aufgebaut wurde im August vor allem in Technologie, Banken und Energie, dazu Short-Eindeckungen bei Basiskonsumgütern und zyklischem Konsum. Abgebaut wurde bei Industriewerten und Gesundheitstiteln. Bei US-Aktien liegt die Übergewichtung mit netto 27 Prozent so hoch wie seit Dezember 2024 nicht mehr, während britische Aktien mit netto 33 Prozent Untergewichtung so unbeliebt sind wie kaum eine andere Region.
Zwei Indikatoren schlagen Alarm
Sowohl die BofA Cash Rule als auch der Bull & Bear Indikator stehen auf „Verkaufen“. Die Cash-Quote von 3,5 Prozent liegt unter der kritischen Schwelle von 4,0 Prozent, der Bull & Bear Indikator bei 9,3 – deutlich über der Warnmarke von 8,0. Historisch war das selten der richtige Moment, um weiter aufzustocken.
Was bedeutet das für Anleger?
Erstens: Wenn fast niemand mehr Cash hält und fast alle in dieselbe Richtung schauen, wird jede negative Überraschung zum Problem – schlicht, weil kaum noch jemand übrig ist, der zusätzlich kaufen könnte.
Zweitens: Der Halbleiter-Trade ist zwar weniger überfüllt als im Juli, bleibt aber der Trade mit dem größten Rückschlagpotenzial.
Drittens: Dass Gold parallel als „unterbewertet“ gilt, während Aktien so stark übergewichtet werden wie seit Jahren nicht, ist keine Randnotiz – es zeigt, wo die Profis selbst nach Absicherung suchen.
Viertens: Die klare Untergewichtung britischer Aktien gegenüber der Rekord-Übergewichtung amerikanischer Titel ist selbst ein Stimmungsindikator – historisch lohnte es sich meist, gegen solche einseitigen Regionalwetten zu denken, nicht mit ihnen.
Im Endeffekt gilt:
Der große Optimismus an den Börsen wird nicht dadurch widerlegt, dass er falsch wäre. Er wird dadurch gefährlich, dass er sich selbst die Grundlage entzieht: Wenn alle bereits investiert sind, fehlt die Kraft für die nächste Rally – aber nicht für den nächsten Rücksetzer. Bank of America empfiehlt deshalb, Gewinne mitzunehmen und zu rotieren, statt weiter nachzuladen. Kein Grund zur Panik. Aber auch keiner, um jetzt noch sorgloser zu werden. Anders gesagt: Bleiben Sie investiert – aber mit offenen Augen.




