Industrie mit drittem Auftragsplus in Folge

Reuters · Uhr

Berlin, 04. Sep (Reuters) - ⁠Die Auftragsbücher der deutschen Industrie füllen sich dank staatlicher Milliarden aus den Sondervermögen: Das Neugeschäft wuchs im Juli bereits den dritten Monat in Folge. Wegen vieler Großaufträge aus dem Inland stiegen die Bestellungen um 2,5 Prozent im Vergleich zum Vormonat, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten nur mit einem Plus von 0,3 Prozent gerechnet. Verglichen mit ‌dem Vorjahresmonat legten die Bestellungen um 13,1 Prozent zu.

"Die Auftragseingänge steigen auf den höchsten Wert seit Ende des letzten Jahres, das ist eine gute Nachricht", sagte der Konjunkturexperte der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Jupp Zenzen. "Aber daraus lässt sich ⁠leider keine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit ⁠der deutschen Industrie und damit auch kein selbsttragender Aufschwung herauslesen."

Denn die Juli-Bilanz weist einen Schönheitsfehler auf: Die positive Entwicklung geht fast ausschließlich auf den Bereich des Sonstigen Fahrzeugbaus zurück, zu dem Flugzeuge, Schiffe, Züge und Militärfahrzeuge gehören. Wegen eines außergewöhnlich hohen Volumens an Großaufträgen hat sich der Auftragseingang in diesem Bereich zum Vormonat mehr als verdoppelt (+126,4 Prozent). Der Grund: Der Staat investiert Milliarden aus Sondervermögen in Verteidigung und Infrastruktur. "Da kann man schon von einer Sonderkonjunktur sprechen", sagte Ökonom Jens-Oliver Niklasch ‌von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Dagegen meldete die Automobilindustrie einen Auftragseinbruch von 12,5 ‌Prozent, die Maschinenbauer ein Minus von 8,4 Prozent. Ohne Großaufträge wäre das Neugeschäft insgesamt um 1,4 Prozent geschrumpft.

"WIE EIN AUTO MIT KAPUTTEM ZYLINDER"

Experten fordern Reformen, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu erhöhen und den Aufschwung auf breitere Beine zu stellen. "Solange die Bundesregierung die geschundene ⁠Standortqualität nicht durch tiefgreifende Reformen verbessert, fassen die Unternehmen kein Vertrauen und erhöhen hierzulande ihre Investitionen nicht", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg ‌Krämer. "Die deutsche Wirtschaft ist wie ein Auto, das mit einem kaputten ⁠Zylinder fährt."

Die Auslandsaufträge fielen im Juli um 2,1 Prozent niedriger aus als im Vormonat. Dabei wuchsen die Bestellungen aus der Euro-Zone um 12,1 Prozent, während die aus dem Rest der Welt um 10,1 Prozent zurückgingen. "Der Handelskonflikt mit den USA, der Nahost-Konflikt und der zunehmende Wettbewerbsdruck aus China machen deutschen Exporteuren das Leben schwer", sagte ‌DIHK-Experte Zenzen. Die Inlandsaufträge stiegen um 9,1 Prozent.

Im weniger schwankenden ⁠Dreimonatsvergleich lag der Auftragseingang von Mai bis Juli um ⁠2,9 Prozent höher als in den drei Monaten zuvor, ohne Großaufträge sank er allerdings um 2,2 Prozent. "Die Großaufträge machen schon länger die Musik bei der Auftragslage, das Fiskalpaket lässt grüßen", sagte der Chefvolkswirt der Bank HAL Bethmann, Alexander Krüger. "Festzuhalten bleibt aber, dass ohne Großaufträge wenig los ist." Gesunken sind im Juli die Einnahmen: Der inflationsbereinigte Umsatz im Verarbeitenden Gewerbe lag 1,5 Prozent niedriger als im Vormonat.

Auch wegen der überraschend gut laufenden Exporte haben führende Institute zuletzt ihre Wachstumsprognosen für die deutsche Wirtschaft angehoben. Das Ifo-Institut etwa erwartet für 2026 jetzt einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von 1,4 Prozent, nachdem bislang nur ein Plus von 0,8 Prozent vorausgesagt worden war. "Die deutsche Wirtschaft hat die Durststrecke beendet", sagte der Chefvolkswirt ⁠der VP Bank, Thomas Gitzel. "Und das in einem Jahr, in dem die Ölpreise so hoch liegen wie zuletzt während des Beginns des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine."

(Bericht von Rene Wagner, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion ‌unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

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