- von Christina Amann
Osnabrück, 07. Sep (Reuters) - Als erstes Autowerk in Deutschland wird die Volkswagen-Fabrik in Osnabrück zum Rüstungsstandort. Das Land Niedersachsen und der israelische Investor Aurelius übernehmen nach Angaben vom Montag die Fabrik und bauen sie zu einem Kompetenzzentrum für die Verteidigungsindustrie aus. Als erstes Projekt sollen in der Fabrik Luftverteidigungssysteme des israelischen Iron-Dome-Herstellers Rafael produziert werden. Die Eckpunkte des Geschäfts seien am Montag vereinbart worden, teilte Volkswagen mit. Ein weiteres Projekt ist einem Insider zufolge der Umbau einiger Tausend VW-Amarok-Pickups zu Militärfahrzeugen.
VW-Chef Oliver Blume sprach von einem wichtigen Schritt, um dem Standort eine neue industrielle Zukunft zu eröffnen. Den Plänen zufolge übernimmt der auf Rüstungsprojekte spezialisierte Fonds Aurelius die Mehrheit an dem Werk, das Land Niedersachsen eine Minderheit. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies sagte, mit der Vereinbarung eröffne seine Regierung Osnabrück eine echte industrielle Chance. Der Standort habe viel Erfahrung bei anspruchsvollen Aufgaben, zugleich habe sich die Sicherheitslage grundlegend verändert. "Deutschland und Europa müssen ihre Fähigkeiten stärken und unabhängiger werden." Rafael-Chef Yoav Tourgeman sagte, Ziel sei eine langfristige industrielle Partnerschaft mit der Idee, die Technik für den Schutz Deutschlands und Europas in Deutschland zu produzieren.
Zu finanziellen Details äußerten sich die beteiligten Parteien nicht. Lies sagte, die Beteiligung liege in einer ähnlichen Größenordnung wie Niedersachsens Investment in die Meyer Werft - das waren rund 200 Millionen Euro für 40 Prozent. Einem Insider zufolge übernimmt Volkswagen zudem für eine Übergangszeit Garantien für die Gehaltszahlungen der Mitarbeiter in Osnabrück. Zu Beginn der Gespräche sei noch nicht die Rede davon gewesen, dass das Land einsteige, sagte Lies. Allerdings sei klar gewesen, dass ein Partner nötig gewesen sei.
Eine Rolle gespielt haben könnte allerdings der VW-Großaktionär Katar. Das Golfemirat, das 17 Prozent der VW-Aktien hält, hatte Bedenken wegen einer Zusammenarbeit mit einem israelischen Rüstungskonzern geäußert, wie Reuters schon im Juni berichtet hatte. Das Emirat hat ein besonderes Verhältnis zu Israel, weil es auch Kontakte zur radikal-islamischen Hamas unterhält. Seine Beziehungen zu Israel hat es nicht normalisiert wie andere Nachbarstaaten am Golf, die inzwischen enge wirtschaftliche und militärische Verbindungen aufgebaut haben.
RÜSTUNGS-CAMPUS SOLL AUFGEBAUT WERDEN
In einem ersten Schritt zieht Rafael als Ankerkunde in das Werk ein. Weitere Partner sollen dazukommen. Geplant ist eine Art Rüstungs-Campus, auf dem sich Unternehmen Produktionslinien teilen können. Rafael ist vor allem für den Iron Dome bekannt. Der deutsche Panzerfaust-Hersteller Dynamit Nobel Defense gehört zu dem Konzern. Neben dem VW-Amarok könnte künftig die polnische Rüstungsfirma WB Group auch Fahrzeuge der VW-Nutzfahrzeugmarke MAN für militärische Zwecke umbauen, sagte der Insider. Das Projekt werde in dieser Woche auf der Verteidigungsmesse MSPO in Polen vorgestellt. Als erste hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung über den Plan berichtet. Es gehe um etwa 4000 Fahrzeuge.
Der Umbau des Werks soll beginnen, wenn im kommenden Sommer die Fertigung des T-Roc-Cabrios ausläuft. Volkswagen hatte 2024 beschlossen, die Fahrzeugproduktion in dem ehemaligen Karmann-Werk einzustellen und eine Alternative für den Standort zu suchen. Nach dem Scheitern von Gesprächen mit Rheinmetall und KNDS kam Rafael ins Spiel.
GROSSTEIL DER BESCHÄFTIGTEN KANN BLEIBEN
Von den derzeit rund 1800 VW-Mitarbeitern erhalten etwa 1200 eine Perspektive an dem Standort, sagte VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo. An einer Lösung für den Rest der Belegschaft werde gearbeitet. IG-Metall-Chefin Christiane Benner sagte, die Rettung des Standorts sei dem beharrlichen Engagement und dem engen Zusammenspiel von Belegschaft, Landesregierung, Betriebsrat und Gewerkschaft zu verdanken. "Der heutige Schritt eröffnet Chancen für den Standort, entbindet Volkswagen jedoch nicht von der Aufgabe, auch für die verbleibenden Beschäftigten verlässliche Zukunftsperspektiven zu schaffen."
(Bearbeitet von Ilona Wissenbach, redigiert von Philipp Krach. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter Berlin.Newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder Frankfurt.Newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte)



