Novartis-Aktie stürzt ab - Zwei von drei großen Hoffnungsträgern gescheitert

Reuters · Uhr

Frankfurt/Zürich, 08. Sep (Reuters) - ⁠Der Schweizer Pharmakonzern Novartis muss innerhalb weniger Tage den zweiten herben Rückschlag bei der Medikamentenentwicklung verkraften. Von drei großen Hoffnungsträgern in der Pipeline des Basler Unternehmens sind damit zwei gescheitert. Die Aktien brachen am Dienstag um rund neun Prozent ein und steuerten auf ihren größten Tagesverlust seit dem Jahr 2020 zu. Dabei wurden rund 24 Milliarden Franken an Börsenwert vernichtet. Zuvor hatte Novartis einen Fehlschlag in einer entscheidenden ‌Phase-III-Studie mit dem Hoffnungsträger Del-Desiran zur Behandlung einer seltenen Muskelerkrankung gemeldet. Erst Ende vergangener Woche hatte der Konzern das Scheitern eines wichtigen Cholesterinmedikaments bekannt gegeben.

Bei Del-Desiran wurde in der sogenannten Harbor-Studie bei Patienten mit myotoner Dystrophie Typ 1 (DM1) das primäre Studienziel ⁠verfehlt. Für die ⁠Krankheit gibt es bislang keine zugelassenen Behandlungen. Im Vergleich zu einem Placebo ließ sich keine statistisch signifikante Verbesserung bei der Messung der Handmuskelentspannung nachweisen, teilte Novartis mit. Bei dem Test wird die Muskelsteifheit gemessen, indem die Patienten ihre Hand für mehrere Sekunden zu einer Faust ballen und sie dann so schnell und vollständig wie möglich wieder öffnen.

Der Konzern wertet nun den vollständigen Datensatz aus und will mit den Gesundheitsbehörden das weitere Vorgehen beraten. Die Entwicklung von Therapien für eine komplexe Erkrankung wie DM1 bleibe eine ‌Herausforderung, Rückschläge seien Teil des wissenschaftlichen Fortschritts, erklärte der medizinische Leiter von Novartis, ‌Shreeram Aradhye.

Analysten und Investoren werteten das Ergebnis als schweren Schlag, der den Druck auf Konzernchef Vas Narasimhan und seine Zukaufstrategie erhöht. Novartis habe bei zwei von drei wichtigen Medikamentendaten in diesem Jahr die Erwartungen verfehlt, sagte James Eugene vom Novartis-Aktionär Verso Investment Management. Ein positiver Ausgang der ⁠Del-Desiran-Studie sei zwingend nötig gewesen. Der Fehlschlag erschüttere das Vertrauen in die Zukaufstrategie, zumal die Erwartungen an das Mittel hoch gewesen seien. ‌Del-Desiran war Teil der zwölf Milliarden Dollar schweren Übernahme von Avidity ⁠Biosciences.

Mehrere Banken reagierten umgehend: Vontobel und die Zürcher Kantonalbank (ZKB) senkten ihre Kursziele. Vontobel strich dabei einen erwarteten Spitzenumsatz von drei Milliarden Dollar für Del-Desiran komplett aus seinem Bewertungsmodell. Laut der ZKB belastet der Fehlschlag zudem das Vertrauen in die gesamte eingekaufte Technologieplattform.

Die Nachricht folgt auf eine ähnliche Enttäuschung vom Freitag. Das gemeinsam mit dem US-Partner Ionis Pharmaceuticals ‌entwickelte Cholesterinmedikament Pelacarsen konnte in einer entscheidenden klinischen Studie das Risiko ⁠schwerer Herzinfarkte und Schlaganfälle nicht wie erhofft senken. Investoren hatten ⁠darauf gesetzt, dass Del-Desiran, Pelacarsen und das Multiple-Sklerose-Mittel Remibrutinib, das in der vergangenen Woche in einer späten Studienphase überzeugte, das Wachstum antreiben würden. "Von Remibrutinib hängt viel ab, und der Druck, dass es liefert, ist nun größer", sagte Investor Eugene. Konzernchef Narasimhan hatte sich nach der Abspaltung des Generikageschäfts auf den Umbau der Pipeline konzentriert, um Novartis gegen den laut eigenen Worten bedeutendsten Patentablauf seiner Geschichte zu wappnen. Trotz der Rückschläge bekräftigte der Konzern sein Ziel, den Umsatz von 2025 bis 2030 im Durchschnitt um fünf bis sechs Prozent pro Jahr zu steigern.

Der Fehlschlag von Novartis zog auch andere Pharmafirmen in Mitleidenschaft, die an Medikamenten gegen die Muskelerkrankung arbeiten. Die Aktien der US-Unternehmen Sarepta Therapeutics und Dyne Therapeutics gaben vorbörslich zweistellig nach. Analysten zufolge ⁠steigen durch den Rückschlag bei den Schweizern nun auch die Risiken für die Studien der Konkurrenten.

(Bericht von Patricia Weiß, Dave Graham, Bhanvi Satija und Marleen Käsebier, redigiert von Philipp Krach.Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen ‌und Märkte).)

Artikel teilen:
Plus-Analysen
Plus
Mehr als KI-Spekulation
Diese drei Robotik-Aktien sind jetzt spannendheute, 09:00 Uhr · onvista
Plus
Chartzeit Marktbericht 04.10.2026
Unter der Oberfläche ist der Markt schon ausverkauftgestern, 18:00 Uhr · onvista
Plus
Kolumne von Stefan Riße
Ich war zu vorsichtig – eine Jahresend-Rally ist gut möglichgestern, 06:30 Uhr · Acatis