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Angela Merkel ist eine Taube

Stefan Riße

Bis vor einem Jahr habe ich darauf gewettet, dass Bundesbankchef Jens Weidmann im kommenden Herbst nicht Mario Draghi beerben und Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) wird. Ich war mir sicher, die anderen EU-Länder würden dies mit aller Macht verhindern. Doch dann wurde ich mir irgendwann unsicher. Seit Einführung des Euros und der Besetzung des Postens gab es mit Wim Duisenberg einen Niederländer, mit Jean-Claude Trichet einen Franzosen und mit Mario Draghi einen Italiener an der Spitze der EZB. Deutschland als die größte Volkswirtschaft hat bis heute den EZB-Chef nicht gestellt. Wie und mit welchem Argument sollte das noch zu verhindern sein?

Keiner will Jens Weidmann

Was ist eigentlich so schlimm an Jens Weidmann? Ganz einfach: aus der Sicht der meisten anderen Mitgliedsländer vor allem aber der Peripherie und auch der zweitgrößten Volkswirtschaft Frankreich steht Weidmann für Geldpolitik im Sinne der Deutschen Bundesbank alten Stils. Und das bedeutet Inflationsbekämpfung steht an erster Stelle, während die wirtschaftliche und finanzielle Unterstützung der Wirtschaft und der Regierung sehr weit dahinter liegen. Als 2012 der Euro auf der Kippe stand, da sagte Mario Draghi den berühmt gewordenen Satz: „Whatever it takes“.  Gemeint war hiermit, dass er alles tun würde, um den Euro zu retten und Maßnahmen ergreifen würde, die weit über das hinausgehen, was die EZB bis dato getan hatte und die Deutsche Bundesbank je getan hätte. Es besteht weitestgehend Einigkeit darüber, dass Weidmanns Vorgänger Axel Weber, wäre er zu diesem Zeitpunkt im Amt gewesen, weder diesen Satz gesagt noch die dann folgenden unkonventionellen Maßnahmen wie beispielsweise die Anleihekäufe zur Rettung der Eurozone ergriffen hätte. Und es ist nach allen Einlassungen von Jens Weidmann damit zu rechnen, dass auch er nicht wie Draghi reagiert hätte und dies in Zukunft auch nicht tun würde. Und das ist viel wichtiger aus Sicht der anderen Mitgliedsstaaten. Denn mit der neuen Regierung in Italien und ihrer skeptischen Haltung zum Euro ist die Wahrscheinlichkeit für ein erneutes Aufflammen der Eurokrise deutlich gestiegen. Da will niemand einen geldpolitischen Falken an der Spitze der EZB.

Merkel ist eine geldpolitische Taube

Nun scheint es aber die Bundeskanzlerin selbst zu sein, die sich einen Jens Weidmann und vorprogrammierte Konflikte mit den anderen Ländern der Euro Zone und innerhalb des EZB-Rates ersparen will. Wolfgang Schäuble mit seinem Spardiktat hat ihr das Leben hier jahrelang schwer gemacht. Doch er war beliebt in der Bevölkerung und so konnte sie nicht ohne ihn. Dies jetzt auf der Ebene der Geldpolitik wieder zu erleben, will sie offenkundig vermeiden, indem sie Jens Weidmann grundsätzlich ihre Unterstützung zugesagt hat, auf Ebene der EU aber das Amt des Kommissionspräsidentin besetzen möchte. Weil man ihr beide Ämter nicht zugestehen wird, wird sie so in eleganter Weise Jens Weidmann los. Und wir lernen daraus, dass Angela Merkel ganz offenbar Mario Draghi geldpolitisch näher steht als der Bundesbank und ihrer Philosophie. Doch sie muss es gar nicht öffentlich zum Ausdruck bringen, was klug ist aus ihrer Sicht, denn beim deutschen Sparer würde sie sich dadurch nicht beliebt machen.

Notenbanker sind schwer einzufangen

Natürlich weiß die Kanzlerin auch, dass der EU-Kommissionpräsident letztlich ihrem Einfluss ausgesetzt ist. Ist aber ein Zentralbanker erst einmal benannt, kann er entscheiden wie er will. Das erlebt Donald Trump gerade in den USA mit dem von ihm benannten Notenbankchef Jerome Powell. Der erhöht weiter die Zinsen, obwohl Trump dies gern verhindern würde, um den Dollar nicht weiter zu stärken.

Was lerne ich persönlich daraus? Mit derartigen Wetten ist es manchmal wie mit Börsenengagements. Man muss nur die nötige Geduld haben und sie durchhalten. Die erste Idee erweist sich am Ende doch meist als richtig.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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