Au Wirecard

Stefan Riße

In Risses Wochenkehraus Mitte Mai hatte ich bereits über Wirecard geschrieben. Der Tenor war eindeutig. Er lautete, dass Papier aufgrund der vielen Unklarheiten besser zu meiden. Ich führte zum Schluss folgendes aus: „Die Frage ist, welche Form der Bilanzmanipulation hier vorliegt- so es sie denn gibt? Wäre es eine wie bei Enron, dem Energiehändler, der Anfang der Zweitausenderjahre mit Pauken und Trompeten unterging, weil er Umsätze erfand, um sich Kredite zu erschleichen, dann wäre auch bei Wirecard irgendwann Schluss. Denn in solchen Fällen der Bilanzmanipulation kommt irgendwann der Zahltag. Und wenn das Geld oder die Vermögenswerte nur in der Bilanz aber nicht real vorhanden sind, ist das Spiel zu Ende. Betriebe Wirecard hingegen Geldwäsche, wie die Anschuldigung auch lautet, wäre das Geld vorhanden, denn die Umsätze wären dann ja real, nur eben illegal. Flöge dies irgendwann auf, ginge das Unternehmen wahrscheinlich auch in einem Strudel von Strafzahlungen unter, was für die Aktionäre das gleiche bedeuten würde.

Das Geld ist weg

Die von mir vor fünf Wochen gestellte Frage ist nun beantwortet. Wirecard ist ein Bilanzbetrüger à la Enron. Fast zwei Milliarden Euro Cash, das in der Bilanz aufgeführt wurde, gibt es nicht. Ob das schon das gesamte Ausmaß des Betruges darstellt, ist äußerst fraglich, denn auch in Dubai gab es mit Al Alam ja einen dubiosen Drittpartner. Für die Aktionäre ist dies der denkbar ungünstigste Ausgang. Denn sie werden wahrscheinlich ihr gesamtes Kapital verloren haben. Schadensersatzansprüche schön und gut, nur wer soll sie am Ende entschädigen. Der Vorstandschef und Gründer Markus Braun hatte die größten Teile seines Vermögens in Wirecard-Aktien angelegt und auch auf Kredit gekauft. Er dürfte, auch wenn es für fünf Million Kaution noch reichte, längst kein Milliardär mehr sein.

Gegen Fälschungen hilft die aktuelle Regulierung nicht

Es ist ja weiß Gott nicht so, dass Unternehmen aus der Finanzbranche - Wirecard hatte eine Banklizenz - nicht eingehend geprüft werden. Und auch für jedes börsennotierte Unternehmen gibt es strenge Berichtspflichten. Als Mitarbeiter einer Fondsgesellschaft weiß ich ein Lied davon zu singen, wie engmaschig die Regulierung ist. Doch geprüft wird von Aufsichtsbehörden und Wirtschaftsprüfern stets das Aktenmaterial, das zur Verfügung gestellt wird. Eine Überprüfung der Echtheit findet in aller Regel nicht statt. Ein Kontoauszug wird akzeptiert. Ist aber so viel kriminelle Energie am Werk wie offenbar bei Wirecard und Kontoauszüge werden gefälscht, dann fliegen Betrüger über Jahre nicht auf. Es ist heute davon auszugehen, dass Wirecard seit über zehn Jahren Bilanzmanipulation betreibt. 2008 gab es die ersten Vorwürfe diesbezüglich seitens der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SDK). Auch im Fall des Immobilienunternehmers Jürgen Schneider wurden zwar Grundrisse und Quadratmeterangaben geprüft, aber nicht, ob die Grundrisse eine Fälschung waren. Die Liste ließe sich um Flowtex und andere Unternehmen verlängern. Hier muss die Regulierung neue Felder beschreiten, anstatt noch mehr Regeln einzuführen, die bei der Vorlage von gefälschten Unterlagen aber auch nichts helfen.

So oder so, die deutsche Aktienkultur wurde ein weiteres Mal schwer beschädigt, und der Fall Wirecard ist ein Desaster für den Finanzplatz Deutschland. Da kann man nur sagen: Au Wirecard.

Hinweis: Die Inhalte der Kolumnen dienen ausschließlich der Information und stellen weder eine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar noch sind sie als Zusicherung etwaiger Kursentwicklungen zu verstehen. Die geäußerten Ansichten geben allein die Meinung des jeweiligen Autors wieder. Für den Inhalt der Kolumne ist allein der jeweilige Autor verantwortlich.
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Expertenprofil
Stefan Riße Stefan Riße Kapitalmartktstratege Acatis Investment

Stefan Riße Jahrgang 1968, aus Bremen ist Börsianer mit Leib und Seele. Seit seinem 16. Lebensjahr beschäftigt er sich intensiv mit den internationalen Finanzmärkten.

Nach dem Abitur und Praktika bei Banken und Vermögensverwaltern arbeitete er zwei Jahre lang als Broker, bevor er in den Journalismus wechselte. Er schrieb für Zeitschriften wie Forbes und Focus und ist seit über fünf Jahren ständiger Kolumnist für Focus Money.

Bekannt wurde Stefan Riße aber vor allem aufgrund seiner Tätigkeit als Börsenkorrespondent für "n-tv", wo von 2001 bis 2005 seine Berichte live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden. Von 2006 bis 2011 war er Chief Market Strategist der Deutschlandniederlassung von CMC Markets – dem ersten CFD- Market-Maker in Deutschland.

Seit Mai 2018 ist er Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment und als dieser nach wie vor gefragter Interviewgast u. a. auch bei "n-tv" wo er regelmäßig auftritt.

Bereits im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband.

Sein bisher letztes Buch „Die Inflation kommt!“ war eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher im Jahr 2010 und erreichte Platz 1 der Handelsblatt-Bestsellerliste.

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