Börsenrekorde – nichts als psychologische Marken

Jessica Schwarzer

An der Wall Street erklimmen die Indizes neue Höchststände. Auch der Dax klettert kräftig, wenn auch nicht auf einen neuen Rekord. Aber das macht nichts, Börsenrekorde sind nicht so wichtig. Oft führen sie sogar in die Irre.

Börsenrekorde – nichts als psychologische Marken

Die Stimmung an den Finanzmärkten ist derzeit prächtig. Die jüngste Zinssenkung der amerikanischen Notenbank und die sich abzeichnende Entspannung im Handelsstreit zwischen den USA und China lassen Investoren wieder mutiger sein. Auch die US-Autozölle gegen europäische Autobauer könnten bald vom Tisch sein. Rezessionsängste schwinden in diesem Umfeld und die Kurse steigen.

Während an der Wall Street die Rekorde nur so purzeln, haben europäische Börsen Nachholbedarf. S&P 500, Dow Jones und Nasdaq 100 notieren mehr oder weniger auf Höchststanden, der Dax aber ist noch gut vier Prozent von seiner Bestmarke entfernt. Und mit Blick auf den Euro Stoxx 50 können Investoren von Rekorden nur Träumen, er notiert gut 30 Prozent unter seinen Allzeithoch, wie auch viele Länderindizes. Außerhalb der EU läuft es besser: Der Schweizer SMI beispielsweise feiert ebenfalls Höchststände.

Doch warum sind Börsenrekorde so wichtig? Sind sie gar nicht! Sie faszinieren uns aber trotzdem. Nicht umsonst sprechen Experten von psychologisch wichtigen Marken. Dazu zählen übrigens auch runde Marken wie Dax 10.000 oder Dow 20.000. Aber zurück zu den Rekorden. Manchmal können sie auch ziemlich gefährlich sein, uns aber auf jeden Fall in die Irre führen. Im Grunde ist ein Index das Abbild eines Gesamtmarktes. Der Stand des Dax sagt aber wenig darüber aus, wie es einzelnen Unternehmen geht, wie sich deren Kurse entwickeln. Es gibt Gewinner und Verlierer im Dax, es gibt Aufsteiger und Absteiger. Die nach Markkapitalisierung größten Unternehmen, haben auch den größten Anteil am Index, können das Bild also verzerren. Eigentlich sagt der bloße Indexstand also noch nicht einmal wirklich viel über den Gesamtmarkt aus.

Natürlich sind steigende Kurse und damit steigende Indizes ein gutes Zeichen, keine Frage. Aber Anleger sollten nicht bloß auf die Dax-Tafel oder die Laufbänder an der Wall Street schauen. Viel wichtiger sind die Bewertungen. Als der Dax mitten im Internethype Anfang des Jahrtausends bei gut 8000 Punkten stand, war die Stimmung großartig. Allerdings waren die meisten Unternehmen völlig überbewertet. KGVs von 40 waren keine Seltenheit, sondern die Regel. Der Dax war mit einem KGV von über 30 bewertet, und damit etwa doppelt so hoch wie im historischen Durchschnitt. Heute liegt das KGV bei etwa 15, der Index notiert aber bei stolzen 13.000 Punkten. Beim Dow Jones zeigt sich ein ähnliches Bild, auch wenn US-Aktien oft etwas teurer sind.

Wann Rekorde gefährlich sind

Ein Indexrekord mag ein Grund zum Feiern sein, kann uns aber eben auch in die Irre führen. Die Beispiele zeigen: Höchststände bedeuten nicht zwangsläufig, dass Aktien teuer oder gar überbewertet sind. Höchststände bedeuten übrigens auch nicht, dass es jetzt erstmal wieder abwärts gehen muss. Im Gegenteil. Das kann auch eine Art Befreiungsschlag sein. Beispielsweise wenn sich die wirtschaftliche Lage aufhellt, wie wir es zur Zeit erleben oder doch mindestens erhoffen.

Manchmal können Rekorde aber auch ein Warnsignal sein! Nämlich dann, wenn Zeitungen, die normalerweise nicht oder nur auf den hinteren Seiten ganz klein über die Börse berichten, auf einmal die Rally auf der Titelseite feiern. In Deutschland spricht man vom „Bild-Zeitungs-Indikator“. Das ist ein untrügerisches Zeichen dafür, dass Euphorie  und Gier ausbrechen. Wenn das passiert, wird es gefährlich. Dann droht die Korrektur. Aber davon sind wir noch meilenweit entfernt. Bisher ist 2019 ein ziemlich gutes Jahr, die großen Indizes an der Wall Street und auch der Dax haben mehr als 20 Prozent zugelegt. Und vielleicht fällt in den kommenden Wochen ja auch noch der Dax-Rekord. Auszuschließen ist das nicht.

Foto: Everett Collection / Shutterstock.com

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Expertenprofil
Jessica Schwarzer Jessica Schwarzer

Jessica Schwarzer ist eine der renommiertesten Finanzjournalistinnen Deutschlands. Die langjährige Chefkorrespondentin und Börsenexpertin des Handelsblatts (2008 bis 2018) arbeitet heute selbstständig als Journalistin und Moderatorin. Die gebürtige Düsseldorferin hat mehrere Bücher über die Psychologie von Anlegern und Investmentstrategien geschrieben. Zuletzt erschien ihr viertes Buch 'Hin und Her macht Taschen leer? Was die Börsenweisheiten von Kostolany, Buffett und Co. heute noch taugen - Teil 2’. Die deutsche Aktienkultur ist ihr eine Herzensangelegenheit, für die sich sie auch mit Vorträgen und Seminaren, und bei der Initiative finanz-heldinnen stark macht.

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